Auf einer Lesung von „more than two“ in Berlin kam die Frage plötzlich auf und mir ist aufgefallen, dass ich dazu noch nie etwas geschrieben habe. Dabei habe ich schon einige Erfahrungen damit gemacht. Misstrauen ist dabei ein großes Thema, vielleicht kennt ihr das selbst gut? Bald dazu ein eigener Beitrag.

Implizite vs. Explizite Absprachen

Absprachen ist kein Thema, was nur in nicht-monogamen Beziehungen Thema ist. Ich denke, dass die meisten Beziehungsformen damit in Berührung kommt. Meistens ist der Unterschied die Form der Absprache. Ethische und konsensuelle nicht-mongame Beziehungen setzen voraus, dass man auf den Tisch legt, was man sich von der anderen oder von den anderen Menschen erwartet und welche Absprachen aktiv angesprochen und besprochen werden. Der Unterschied zwischen implizit und explizit ist hier entscheidend. Wenn Absprachen nicht eingehalten wurden, die implizit immer zwischen den Zeilen mitgeschwungen sind, dann kann es keine konsensuelle Absprache gewesen sein. Wie auch, wenn es niemals angesprochen wurde, ob alle beteiligten zustimmen und sich daran halten wollen? Es ist schwierig in solchen Fällen mit der aufkommenden Wut, Traurigkeit, Enttäuschung etc. umzugehen. Auf wen ist man dann nämlich am ehesten wütend? Auf sich selbst? Auf die Situation? Wer ist hier verantwortlich?

Die erste Frage kann also sein: War die Absprache die nicht eingehalten wurde explizit oder implizit? So ein Moment kann auch als Chance gesehen werden transparent zu machen, was man sich von der Beziehung/den Beziehungen erwartet und wünscht und an welcher Stelle was schief gelaufen ist.

Lüge vs. Wahrheit

Ich frage mich immer wieder aufs neue, wie man eine Atmosphäre der Ehrlichkeit schaffen kann, dass sich Menschen ermuntert und unterstützt fühlen ehrlich zu sein. Ich war lange der Meinung, dass wenn Menschen sich nicht an Apsrachen halten, sie sich und mich in erster Linie belogen haben. Wie könnte es auch anders sein? Klar, sie haben sich einfach nicht getraut sich selbst einzugestehen, dass sie was anderes wollen und in der Konsequenz erst sich selbst etwas vorgemacht und dann mich belogen. So einfach war es dann doch nicht.

Ich denke, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen einer Lüge (sich aktiv dafür zu entscheiden die Wahrheit zu verdrehen oder zu kaschieren oder zu verheimlichen) und der Tatsache, dass man sich selbst vielleicht noch gar nicht darüber bewusst ist, was man eigentlich möchte. Das auszusprechen kann sehr ehrlich sein. Ich wusste zum Beispiel voll lange nicht von mir selbst, dass ich eher eine spontane Kennenlern Person bin. Wenn ich auf einer Party oder bei anderen Gelegenheiten Menschen kennenlerne die ich spannend finde, dann kriege ich vielleicht in diesem bestimmten Moment Lust zu daten oder zu knutschen oder oder oder. Auf der anderen Seite gibts Menschen, die daran gar nicht interessiert sind. Ich habe einige Freund*innen die hauptsächlich an BDSM Dates interessiert sind und dafür einen bestimmten Rahmen brauchen, das lässt sich nicht spontan einrichten. So etwas muss man vielleicht erst einmal für sich selbst heraus finden. In der Theorie lässt sich das manchmal nicht erahnen.

In der Konsequenz finde ich es einfacher damit umzugehen, wenn meine Beziehungsmenschen einfach von sich noch nicht wussten, dass sie das Bedürfnis hätten haben können. Ich kann es ihnen nicht wirklich übel nehmen, dass sie sich eben auch immer noch selbst kennenlernen und immer wieder neue Sachen über sich herausfinden werden. Klar, das ungute Gefühl bleibt in solchen Momenten. Ich fühle mich trotzdem verletzt und habe das Gefühl ihnen nicht vertrauen zu können, manchmal hält es auch so lange an, dass ich mich versuche selbst vor Enttäuschungen zu schützen, indem ich mir im Kopf die Möglichkeit der Enttäuschung offen lasse. Misstrauen ist auf jeden Fall etwas woran ich immer wieder arbeite, das triggert mich enorm.

Absprache nicht einhalten vs. Manipulation

Deutlich schwieriger wird es dann, wenn jemand tatsächlich gelogen hat. Lügen sind tricky, denn auf eine Lüge folgt meist eine zweite usw. Meistens gehen sie damit einher, dass man eine oder mehrere Menschen manipulieren muss, um sie glauben zu lassen, dass das was man als Wahrheit vermittelt wirklich die Wahrheit ist, obwohl es im Grunde eine Lüge ist. Wenn Absprachen nicht eingehalten wurden, beispielsweise das Date von gestern Nacht 2 Stunden länger gedauert hat als man eigentlich abgesprochen hatte und man heute darüber redet, dann ist die Kette der Geschehnisse ziemlich eindeutig und meistens ist da nicht so Raum für eine Lüge. Wenn so eine vermeintliche Kleinigkeit allerdings 2 Wochen verheimlicht und immer wieder anders umschrieben wird, dann ist das manipulativ und baut ein kleines Gerüst an Lügen auf, die die Situation nach Möglichkeit größer erscheinen lässt als sie ist.

Was ich im Grunde genommen sagen will ist, dass es unterschiedliche Formen von Absprachen gibt und damit einhergehend auch, wie es sich anfühlen kann, dass Absprachen nicht eingehalten werden. Es steht immer die Frage dahinter: Aus welchem Grund wurde die Absprache nicht eingehalten? Das kann helfen zu verstehen, wieso die Absprache nicht eingehalten wurde. Verstehen hilft wiederum vielen Menschen mit Situationen abzuschließen oder sich besser damit auseinanderzusetzen. Dann bleibt da noch die Traurigkeit, Wut, Enttäuschung und Verletztheit. Der sollte man auch unbedingt Raum geben, schließlich sind die Gefühle da und haben ihre Berechtigung. Ich bin der Meinung, dass die Person die die Absprache gebrochen hat in solchen Momenten Verantwortung dafür übernehmen muss, sonst kann ich daran nicht arbeiten. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für mich in erster Linie sich aufrichtig zu entschuldigen und sich einzugestehen, dass man sich falsch verhalten hat und die andere(n) Person(en) verletzt hat. Eine aufrichtige Entschuldigung ist ein guter Anfang. Meistens finde ich es auch gut zu hören, wieso die Absprache nicht eingehalten werden konnte. Was für ein Bedürfnis stand dahinter? Was können wir in Zukunft anders machen, um das zu verhindern? Schließlich ist es dann nicht nur die Verantwortung der Person die sich nicht daran gehalten hat, sondern auch eine wichtige Form der gemeinsamen Beziehungsarbeit. Irgendwo hat sich irgendjemand unfrei gefühlt und versucht “auszubrechen”, das steht für mich meistens hinter einer nicht eingehaltenen Absprache und das Gefühl möchte ich niemandem in meinen Beziehungen vermitteln.

Wie kann ich Vertrauen für zukünftige Absprachen wieder aufbauen?

Absprachen können sich beschränkend auswirken und ich finde es wichtig, dass immer wieder Raum dafür gegeben wird, dass man sich auch in Situationen anders entscheiden kann. Ich finde es gut zu unterscheiden zwischen „Mein Gefühl ist, dass ich gerade eher in Stimmung für dieses und jenes bin“ und „Ich bin mir sicher, dass ich nur folgendes möchte“. Meistens weiß ich nicht konkret, was ich wollen könnte, ich lasse mich von Momenten überraschen. Das kann für Absprachen schwierig sein, deswegen macht es für mich häufig Sinn, dass ich mich nicht konkret auf etwas sehr spezifisches festlege, sondern vielmehr versuche so genau wie möglich den Rahmen abzustecken. Beispielsweise weiß ich manchmal, dass ich gar nicht mehr als knutschen auf einer Party wollen würde, dann kann ich das auch klar benennen (auch hier wieder wichtig, wo fängt eigentlich Sex an und wo endet knutschen?). Ich bemühe mich außerdem immer wieder eine Atmosphäre der Ehrlichkeit mit Menschen zu schaffen, um ihnen konstant das Gefühl zu vermitteln, dass es schön ist ehrlich zu sein, das ist für mich die Basis jeglicher Beziehungen. Sätze wie „Ich werde dich verlassen, wenn du das und das machst“ setzen extrem unter Druck und schaffen eine Atmosphäre der Angst. Selbst wenn es für euch ein No-Go ist, jede Situation ist so unterschiedlich und anders und vielleicht wollt ihr in so einem Moment gar nicht mehr die Beziehung beenden. Das macht das No-Go nicht weniger wertvoll oder erkennt es euch ab. Im Grunde nimmt man sich selbst die Möglichkeit von vornherein weg sich anders entscheiden zu wollen durch solche Statements. Dann war der Druck umsonst. Es muss nicht einmal dazu kommen, dass jemand eine Absprache bricht, vielleicht reicht es auch schon, dass ihr über solche No-Go’s reden könnt, ohne, dass sie jemals in die Realität umgesetzt werden? Was ist der Reiz dahinter? Könnt ihr das vielleicht doch unter bestimmten Umständen umsetzen? Wie würde sie das anfühlen?

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