POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Beziehungen öffnen – wo fange ich an?

Ich weiß, ich weiß, nicht alle Menschen kommen irgendwann an den Punkt an dem sie etwas “zu öffnen” haben. Viele Haben schon ewig nicht-monogame Beziehungen und mussten noch nie etwas öffnen. Andere kommen vielleicht in bestehende Beziehungen dazu oder bezeichnen sich als Solo oder Single Poly. Und wiederum andere mögen den Ausdruck “offen” nicht, er suggeriert etwas zwangsläufig positives, lieber ist ihnen “nicht-monogame Beziehungen”. An dem Ausdruck “offene Beziehungen” gibt es viel Kritik. Und noch viel mehr, wenn ich davon rede Beziehungen zu öffnen. Ich muss jedoch zugeben, dass das genau meine Erfahrung war. Ich teile diese Geschichte mit vielen anderen Menschen und deswegen widme ich meinen Beitrag all denjenigen, die sich davon angesprochen fühlen <3

Als aller erstes bei mir selbst.

Offene Beziehungen verlangen einem selbst ganz schön viel Arbeit ab, vorallem, weil man sich über seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse Gedanken machen muss. Und das kann unter anderem schwierig sein, wenn wir unzählige Jahre Sozialisation überwinden wollen, die uns sehr unnachgiebig daran erinnert haben, dass wir nur eine Person begehren dürfen, es nur eine Liebesbeziehung geben kann, Liebe grundsätzlich auf romantische Liebe reduziert wird und es einen besonderen Menschen da draußen gibt, der uns vollkommen macht. Die aller erste große Herausforderung scheint also zu sein, zwischen „ich habe gelernt, dass das mein Bedürfnis sein sollte“ und „das ist mein eigentliches Bedürfnis“. Besonders wenn es um Begehren geht, haben wir gelernt, dass es besser ist Begehren zu ignorieren und zu verteufeln, wenn es sich auf jegliche Menschen außerhalb unser romantischen Zweierbeziehung richtet. Ich weiß, dass es schwer sein kann sich dieses Begehren bewusst zu machen. Ich würde sogar sagen, dass es schmerzvoll sein kann, weil ich die Erfahrung gemacht hab, dass es mich an meiner Beziehung zweifeln ließ. Liebe ich sie immer noch? Ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt zwischen uns? Dabei hatte es nichts mit meiner Beziehung zu tun sondern ausschließlich mit mir. Es kann natürlich aber auch ein Signal dafür sein, dass ihr euch in eurer Beziehung nicht wohl fühlt oder euch etwas fehlt.  Deswegen können die ersten Fragen an euch selbst sein: Kommt mein Begehren aus einer Unzufriedenheit mit meiner aktuellen Beziehung oder aus einem Interesse für andere Menschen? Wenn offene Beziehungen als Mittel zum Zweck benutzt werden, um Beziehungen zu retten, dann würde ich sagen, dass sie in den meisten Fällen alles schlimmer machen werden. Klar macht es die vorherrschenden Probleme nur schlimmer, wenn zusätzliche Probleme dazu kommen. Konsensuelle und ethische nicht-Monogamie funktioniert nur, wenn Menschen an der Beziehungsform Interesse haben.

Theorie ist schön, aber Praxis ist anders.

Sich über offene Beziehungen zu unterhalten, zu lesen, darüber zu reden und die willdestens Vermutungen darüber anzustellen, wie es in der Praxis wohl aussehen wird ist die eine Sache. Nicht-Monogamie im Alltag auszuprobieren und zu leben ist ein ganz anderer Schnack. Ich glaube, dass es total schön und wichtig ist sich vorher darüber klar zu werden, wie man Dinge definiert, Grenzen absteckt und für sich klar kriegt, was man sich von der offenen Beziehung erwartet und erhofft. Die Realität sieht wirft meistens alles drei mal über den Haufen. Was auch okay ist, schließlich kann niemand wissen, wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn sich die Beziehungsperson in einen anderen Menschen verliebt oder die erste Nacht bei einer Lover Person verbringt. Und selbst wenn man das Gefühl kennt, kann jede neue Situation eine neue Herausforderung sein. Wird es sich wieder so anfühlen? Vermutlich nicht, nein, aber die Erfahrung wird euch vielleicht – ähnlich wie mich – erleichtern und Entspannung bringen und ein bisschen erfahrener aus jeder neuen Situation rausgehen lassen. Vielleicht wisst ihr dann mit der Zeit besser, was euch triggert/an eine vergangene Situation erinnert und welche Schritte euch auf jeden Fall gut tun. Ich kann von mir sagen, dass ich mich jedes Mal aufs neue an offene Beziehungen heran taste, klar, die Erfahrung macht es von Mal zu Mal entspannter, aber Grenzen und Bedürfnisse auszuhandeln kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Ich versuche nicht davon auszugehen, dass mein Gegenüber das gleiche will wie ich. Und auch nicht das gleiche will wie andere Menschen in ähnlichen Situationen.

Trial and Error

Eigentlich bleibt nur der Versuch. Vorbereitung ist super, aber bevor ihr es nicht in der Praxis probiert habt, wisst ihr nicht was für euch funktioniert und was nicht. Für viele Menschen ist das super beängstigend. Was, wenn wir uns verletzten? Oder noch schlimmer, was, wenn wir danach nicht mehr zusammen sein wollen? Ich denke, dass die Frage vielmehr ist, ob ihr euch vorstellen könnt, dass das Thema an Interesse verliert? Ist das etwas, worauf ihr jetzt gerade Lust habt und in einer Woche nicht mehr? Macht es euch unglücklich, wenn das Thema offene Beziehung komplett vom Tisch ist? Es kann helfen sich eine Liste mit Dingen zu machen, die man Angst hat durch eine offene Beziehung zu „verlieren“ oder aufzugeben und eine für die Dinge, die man durch eine offene Beziehung dazu gewinnt. Darin würdet ihr sehr schön sehen, was euch Angst macht und ob das Dinge sind, an denen ihr gemeinsam (oder alleine) arbeiten könnt und wollt.

Wie sehen meine Grundüberzeugungen von Beziehungen aus?

Manchmal wird es nicht direkt angesprochen, aber es gibt so viele Überzeugungen und Einstellungen darüber, wie Beziehungen auszusehen haben. Vielleicht ist es der Film von gestern Abend, indem Eifersucht als etwas super negatives dargestellt wird oder als Aufzeiger dafür, dass Menschen einander etwas bedeuten. Vielleicht wird an der Kasse vor zwei Wochen abwertend über offene Beziehungen geredet. Und immer wieder Wörter wie „Betrug und offene Beziehung“ oder „Freifahrtschein für mieses verhalten und Polyamorie“ in einem Satz erwähnt. Das macht es nicht besonders einfach eigene Werte und Richtlinien zu entwickeln und sich dem entgegen zu setzen. Ich glaube, dass es helfen kann sich solche Grundüberzeugungen bewusst zu machen und sie zu ersetzen. Klar, man kann nicht von jetzt auf gleich tief sitzende Überzeugungen einfach im Kopf austauschen. Es kann allerdings helfen sich diese bewusst zu machen und immer wieder daran zu erinnern, dass man sich vorgenommen hat etwas anderes zu vertreten bzw. sich aktiv gegen gängige Normen und Werte von Beziehungen entschieden hat.

Definieren, definieren…

Ich rede ständig um Definitionen, unter anderem weil ich glaube, dass sie einiges leichter machen können. Deswegen führe ich sie hier noch einmal auf. Missverständnisse lassen sich häufig durch Definitionen verhindern. Es kann helfen während dem Sex darüber zu reden, wo für euch Sex anfängt, damit ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie euer Gegenüber Sex versteht. Häufig ist es etwas sehr sehr fließendes und kann gar nicht genau definiert werden, alleine darin liegt die Schwierigkeit von offenen Beziehungen. Wie kann eine Absprache aussehen, die sich so definieren lässt, dass alle damit etwas anfangen können? Schwierig…Mein Tipp ist es immer, dass sie möglichst genau, aber nicht spezifisch gehalten werden. Eine Definition kann sehr weitläufig gehalten werden, zum Beispiel anstatt von Sex über sexuelle Situation zu reden. Gleichzeitig ist es sehr genau in dem was man sagen will. Es bedeutet in der Regel für mich alles, was unter physische Nähe fällt. Gleichzeitig ist es nicht zu spezifisch, weil ich nicht jede kleine Handlung oder jede kleine Bewegung ausdifferenzieren und definieren muss.

Konsens abfragen

Konsensuelle nicht-Monogamie ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte. Man kann niemandem nicht-monogame Beziehungen aufzwängen, Menschen müssen das schon wollen. Menschen zu nicht-Monogamie zu drängen ist alles andere als konsensuell. Wenn ihr eine offene Beziehung wollt, euere Beziehungsperson aber nicht, dann gibt es dafür nur wenig Spielraum. Entweder ihr redet darüber und hofft, dass sie ihre Meinung ändert oder ihr versucht es nach dem Prinzip „don’t ask don’t tell“ oder ihr trennt euch letzten Endes, weil ihr für euch keine gemeinsame Zukunft seht. Leider ist in dem Bereich die Auswahl der Möglichkeiten beschränkt. Das ist ein gemeinsamer Prozess den man nur gehen kann, wenn sich alle Beteiligten dazu bereit erklären sich damit auseinanderzusetzen (oder gut mit der don’t ask don’t tell Absprache leben können).

Es kann sich scheiße anfühlen, selbst wenn ihr das Konzept gut findet und allem zugestimmt habt.

Und dann gibt es da noch diesen abschließenden Punkt. Situationen in offenen Beziehungen können sich immer wieder doof anfühlen. Wenn ihr beispielsweise auf einem Flohmarkt seid und eure Beziehungsperson dabei beobachtet, wie sie mit einem Menschen an einem der Verkaufsstände flirtet. Absprache hin oder her, es kann sich auch doof anfühlen, genau so wie es sich super schön anfühlen kann. Lasst euch nicht so schnell davon verunsichern. Nicht-Monogamie besteht manchmal aus Widersprüchen. Manchmal kann man Dinge verletzend und gleichzeitig schön finden. Mitfreude ist keine Einbahnstraße, sie ist vielmehr mehrspurig. Ich kann mich mitfreuen und traurig sein und vielleicht verletzt und ein bisschen verunsichert. Und all das in einem Moment. Das kann irritierend und gleichzeitig ziemlich schön sein.

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4 Kommentare

  1. Hallo Polyplom,
    Ich hab gelesehen ihr habt bald ein workshop by les migras in berlin. Hab ich den termin schon verpasst? Ich würde sehr gerne dabei sein.
    Viele Grüße
    Sofia

    • Hey Sofia 🙂
      Schön, dass du dich dafür interessierst. Der Workshop findet für Menschen die sich als LSBTIQ definieren am 26.11.17 statt. Du kannst dich gerne hier anmelden, falls noch Plätze frei sind (Ich weiß leider gerade nicht, wie der Stand der Dinge ist): info@lesmigras.de oder via Telefon: 030 215 2000. Ansonsten gibt es vermutlich bald einen Workshop im Other Nature :).
      Liebe Grüße,
      Inna

  2. Liebe Inna,
    der Titel deines Blogs spricht mich an. Es ist in der Tat eine Kunst, polyamore Beziehungen zu führen. Ich habe mir das nicht ausgesucht, bin aber mittlerweile ein Teil davon. Wenn ich es auf der einen Seite einfach Glück nenne, ist es auf der anderen Seite eine grosse Herausforderung. Manchmal zu gross. Ich möchte ja für jeden Partner wirklich da sein. Mit jedem verbindet mich etwas Einzigartiges, Schönes. Wie du sagst, es geht auch nicht immer um Sex. Es ist eben Liebe zu einem bestimmten Menschen.

    Immer noch plagen mich Gedanken wie…das ist nicht recht, dass du diese Beziehungen zulässt. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob meine Partner wirklich so gut mit der gegebenen Situation umgehen können, wie sie sagen, bzw…sie sagen, dass sie die Situation akzeptieren. Sie selber haben nicht das Bedürfnis nach mehr Beziehungen. Wir sind alle irgendwie schicksalshaft miteinander verbunden. ich wünsche mir natürlich, dass jeder von uns in unserer Beziehung glücklich ist. Ob es ein Traum ist oder Wirklichkeit werden kann?
    Liebe grüsse
    brig

  3. Hallo Brig,
    danke für deine Worte. Ich finde du triffst es auf den Punkt. Es ist eben nicht immer alles einfach, aber was ist das schon? 😉 Es ist ein großes Abenteuer, die Polyamorie, ich merke es jeden Tag aufs neues. Ich wünsche dir, dass du in deinen Beziehungen glücklich bist, ich bin der festen Überzeugung, dass das kein Traum ist.
    Inna

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