POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Absprachen revisited. Welche haben gut funktioniert und was würde ich anders machen?

Seit einiger Zeit werde ich immer mal wieder gefragt, welche Absprachen für mich gut funktioniert haben und welche nicht. Was würde ich anders machen? Was fand ich nicht  so gut? Ich will ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern und ein paar Erfahrungen von mir und von anderen Menschen, die an mich herangetragen wurden, mit euch teilen. Im übrigen mag ich nicht das Wort “Regel”. Ich finde das klingt nicht selbstbestimmt, sondern viel mehr aufgezwungen. Ich will keine Regeln haben in Beziehungen, ich entscheide mich schon selbst dafür, was ich gut finde und was nicht und was ich bereit bin einzugehen und was nicht. Es mag schon sein, dass ich auch hin und wieder Kompromisse eingehen möchte, aber das hat nicht zur Folge, dass ich mich in meiner Freiheit eine Entscheidung zu treffen eingeschränkt sehe. Ganz im Gegenteil, eine Absprache suggeriert Konsens und eine Absprache suggeriert Selbstbestimmung. Deswegen rede ich von Absprachen und nicht von Regeln.

Eine Frage die ich  häufig gestellt bekommen, ist, ob ich mich zum Beispiel verlieben dürfte oder, ob es erlaubt ist, dass ich zu jedem Zeitpunkt etwas mit anderen anfange? Das irritiert mich meistens. Geht es nicht in erster Linie darum, was ich will und nicht was die Beziehung (also das Beziehungskonstrukt) mir erlaubt? Klar, ich mache nicht einfach was ich will, ganz unabhängig von anderen innvolvierten Beziehungspersonen, aber es geht auch nicht darum, dass mir jemand etwas erlaubt. Von Verboten und Regeln in Beziehungen auszugehen deutet an, dass jemand diese Verbote und Regeln aufstellt und für mich hört sich das schnell so an, als ob das jemand aus einer Machtposition heraus macht. Das ist in meinen Augen nicht auf Augenhöhe. Nun gut, das war jetzt ein kleiner Einschub, schien mir aber irgendwie wichtig zu sein. 😉

Meine ersten Absprachen waren ehrlich gesagt ziemlich detailliert und ziemlich ausgefeilt. Wir hatten einfach Angst was falsch zu machen, deswegen wollten wir uns so viel Sicherheit wie möglich geben und dazu waren die Absprachen unser Mittel der Wahl. Da gab es die “Deine Stadt, meine Stadt” Absprache. In der haben wir uns darauf geeinigt, dass wir nicht in der gleichen Stadt und besonders nicht im gleichen Freund*innenkreis daten wollen. Ich glaube, dass die Absprache deswegen so getroffen wurde, weil wir Angst hatten den Menschen zu begegnen, wir wollten sie möglichst weit weg halten von uns. Das hat damals eine Zeit lang gut funktioniert, aber ganz ehrlich? Ich hab dafür gerade einfach keine Zeit mehr. Davon abgesehen, dass ich es schön finde die Lover*innen und Metamours meiner Beziehungspersonen zu treffen, habe ich einfach zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben weder das Geld, noch die zeitlichen Kapazitäten, um Menschen in anderen Städten kennenzulernen. Ich glaube aber, dass das gut funktionieren kann. Wenn Menschen zum Beispiel sowieso viel verreisen oder viel unterwegs sind, wenn sich das in ihren Alltag einbauen lässt, dann kann das funktionieren. Ich würde mir jedoch die Frage stellen, wieso ich das Bedürfnis habe diesen Teil meines Lebens/meiner Beziehungsperson(en) von mir fern halten zu wollen? Und lässt sich das wirklich so gut von mir fern halten? Besonders, wenn Menschen einander immer wichtiger werden, dann ist es nicht eine Frage der physischen Nähe, sondern der emotionalen Verbundenheit. Räumliche Distanz spielt da unter Umständen keine Rolle, wenn mir ein Mensch so oder so wichtiger wird.

Dann gab es da noch die “Vor dem Date, nach dem Date” Absprache. Da haben wir uns ziemlich strikt darauf geeinigt, wie viel Zeit vor uns nach dem Sex vergehen darf. Wir haben auch Dates zeitlich beschränkt. Oh man, fragt mich nicht, wie wir uns das damals vorgestellt haben. Ist natürlich total schief gelaufen. Wie kann man so eine eng gefasste Absprache nur umsetzen? Ich glaube, dass sie von Anfang an darauf ausgelegt war schief zu gehen und einander zu enttäuschen. Was dagegen eine Zeit lang geklappt hat, war die Absprache, dass wir Menschen erst einmal “nur” treffen, um erstens abschätzen zu können woran wir überhaupt interessiert sind und, um einander auf mögliche zukünftige Begegnungen langsam vorzubereiten. Wenn man es langsam angehen lassen kann, dann funktioniert das unter Umständen ganz gut.

Absprachen können so gut sein wie sie wollen, aber Bedürfnisse können sich ändern und dafür sollten Absprachen auch offen sein. Ich mag es mit meinen Beziehungspersonen Bedürfnisse abzuchecken. Manchmal hat es gut funktioniert sich in regelmäßigen Abständen zu treffen und darüber zu reden, wie gerade so die Bedürfnisse sind im Bezug auf die nicht-monogame Beziehung. Das finde ich ganz gut, weil es dann nicht alle ein oder zwei Wochen Thema ist und die Frage wieder im Raum steht “Worauf hast du eigentlich gerade Lust?”. Ich finde das kann nämlich auch unter Umständen ganz schön anstrengend werden, wenn man sich die ganze Zeit nur noch über die offene Beziehung unterhält. Sich Räume zu schaffen in denen man aktiv, bewusst und lustvoll darüber reden will, empfand ich als erleichternd.

Die Sache ist außerdem die: Viele Menschen setzen sich die Absprache, dass sie nur an rein körperlichen Dates und Begegnungen interessiert sind. Die Frage ist nur, wo das anfängt und noch viel wichtiger, wo hört es auf “nur” körperlich zu sein? Wenn man einen One-Night-Stand hat und sich nie wieder sieht, dann ist es vielleicht eindeutig, aber was ist mit den unzähligen anderen Situationen in denen man Menschen mehr als ein Mal trifft, mit ihnen schreibt und sie einem ziemlich schnell sehr nahe sind. Ich hatte das Gefühl, dass es meistens keine gute Idee war ein Ultimatum zu stellen. Also zu sagen, dass wir sofort keine offene Beziehung mehr haben, wenn sich jemand verliebt oder wir uns trennen, weil jemand Gefühle entwickelt. Man kann sich zwar dafür entscheiden dem Gefühl nicht weiter nachzugehen, aber ich glaube nicht, dass man es steuern kann, wen man anfängt gut zu finden und sich in die Person zu verknallen/verlieben etc. Deswegen handhabe ich inzwischen jede Person und jede damit einher gehende Situation ganz individuell. Absprachen können sich ändern, meine Bedürfnisse auch, das muss nicht bedeuten, dass meine Beziehungsperson alles mitmachen sollte oder muss, es bedeutet einfach nur, dass wir dann schauen, wie wir damit umgehen und wie sich das in unsere jeweiligen Leben und unsere geteilte Beziehung integrieren lässt. Wenn Absprachen Absprachen sind und keine Regeln, dann sind sie fließender. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht daran halte und sie respektiere. Es bedeutet einfach nur, dass mir durchaus bewusst ist, dass nichts in Stein gemeißelt ist.

Außerdem sind meine Absprache nicht gleich deine Absprachen. Anfangs wollte ich ein komplettes Gleichgewicht haben. Wenn du anfängst Leute zu daten, dann will ich das auch dürfen. Da habe Absprachen eher als Regeln verstanden, deswegen hat auch das “dürfen” so einen zentralen Moment eingenommen. Inzwischen frage ich mich immer mehr, ob es wirklich der Sinn der Sache ist? Wenn es mich neugierig macht, dass du daten und Menschen treffen willst, dann ist es ja schön, dass es das in mir hervor ruft und mein Interesse auch geweckt wird. Es ist doch klar und irgendwie schön, wenn man sich gegenseitig anregt zu verändern oder unterschiedliche Bedürfnisse durch eine andere Person hervor gerufen werden. Wenn ich jedoch verletzt werden dadurch und dann los gehe und date, um dich zu verletzten, dann ist das nicht der Sinn der Sache. Dann ist die offene Beziehung ein Mittel zum Zweck. Ich muss nicht das gleiche wollen wie meine Beziehungspersonen und das ist auch gut so. Ich will mich davon nicht unter Druck setzen lassen, aber wenn es mir gut tut zu daten, um Selbstbestätigung zu erhalten und eine schöne Zeit zu haben, dann will ich das machen können.

Durch Absprachen habe ich mich sicher gefühlt, jedoch habe ich sie auch manchmal benutzt, um meine Vorrechtsrolle zu etablieren. Es gab Zeitpunkte zu denen war ich so unsicher, dass mir keine Absprache die Sicherheit hätten geben können, die ich verlangt und mir erhofft habe. Jede Absprache konnte nur nach hinten losgehen, denn sie war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wenn man Absprachen benutzt, um seine eigentliche Unzufriedenheit mit der Situation zu kommunizieren, dann ist sie nur ein Ventil und eine Gelegenheit, um wütend, enttäuscht oder verletzt zu sein. Ehrlich gesagt war mir das nicht mal bewusst, ich kann irgendwie auf mein damaliges Ich nicht wütend oder zornig sein, weil ich nicht einmal wusste, was ich da tat. Ich war einfach so wütend, dass ich ziemlich verzweifelt nach einem Grund gesucht habe, wieso ich eigentlich wütend war. Und ich fand ihn immer. Meine Beziehungsperson konnte nichts richtig machen, alles hat sich irgendwie falsch angefühlt. Jede Minute die sie mich zu spät angerufen hat nach einem Date war ein Fehler, jedes Details was sie vermeintlich vergessen hat zu erzählen war eine Lüge und jede neu dazu gewonnene Lust und jedes Begehren war eine Enttäuschung und ein Betrug in meinen Augen. Was ich also sagen will: Wenn die Absprachen nur ein Mittel zum Zweck sind, um seiner eigentlichen Frustration und Enttäuschung Raum zu verschaffen, dann können sie so gut, so detailliert, so ausgefeilt sein wie sie wollen, sie werden nicht funktionieren.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Absprachen am Anfang, wenn man sich noch nicht so gut kennt und vielleicht sogar zum ersten Mal eine Beziehung öffnet, etwas enger geschnürt werden. Das hat zum einen den Grund, dass ich Menschen noch nicht gut einschätzen kann und mich gerne langsam an Veränderungen heran taste. Ich habe außerdem häufig Angst enttäuscht oder verletzt zu werden, ich brauche ein bisschen Zeit, um mich anzunähern und Menschen zu vertrauen. Gewissermaßen nicht jeder Absprache zu misstrauen und mich zu fragen, ob die Person das wirklich möchte. Ich kämpfe immer noch mit der Angst, dass mich jemand belügt, damit ich mich sicher und wohl fühlen kann. Das ist natürlich aus zweierlei Perspektiven schwierig, weil ich zum einen Menschen nicht zutraue, dass sie wissen was sie wollen. Und zum anderen macht es mich permanent skeptisch und misstrauisch. Genau aus dem Grund kann es eben ganz gut sein für mich, mich langsam an Absprachen heran zu tasten und Vertrauen zu gewinnen. Ich finde es persönlich gut nicht gleich in die Vollen zu gehen. Egal, ob ich schon eine oder mehrere Poly Beziehungen hatte, das bedeutet nicht, dass ich auf alles beim zweiten oder dritten mal besser und schneller klar komme. Ich mag es zum Beispiel Dinge zu haben auf die ich mich verlassen kann, gleichzeitig will ich niemanden einengen. Der Kompromiss kann dann so aussehen, dass ich mich mit meiner Beziehungsperson nicht auf eine feste Zeit einige zu der sie zu Hause ist, sondern vielleicht den Vorschlag mache, dass sie nach einem Date/Treffen/etc. zu mir ins Bettchen krabbelt. So habe ich etwas worauf ich mich verlassen kann und erwarte nicht, dass die andere Person um Punkt 23 Uhr vor der Haustür steht.

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2 Kommentare

  1. Ein sehr gut geschriebener Text! Mir geht es ähnlich wie dir, viele Absprachen oder eher Regeln haben sich im Nachhinein als unrealistisch erwiesen. Ich denke, aber, dass das auch vollkommen okay ist, wenn man sich an eine offene Beziehung herantasten möchte. Oft ist es ja lehrreicher, wenn man selber feststellt, dass es irrsinnig ist, keine Gefühle entwickeln zu wollen, und dass es eben trotzdem kein Problem für eine Beziehung bedeuten muss, wenn es mal passiert 🙂

    Mittlerweile habe ich kaum noch feste Absprachen sondern versuche einfach darauf zu achten, was mir wann und warum wichtig ist und wie ich das gut kommunizieren kann. Besonders viel verändert hat sich dadurch nicht; weder ich noch meine Partner kommen jede Woche mit jemand neuem um die Ecke… im Endeffekt hat man wohl viele unnötige Ängste in sich aufgestaut, die hochkommen, sobald man seinem Partner viel Freiraum geben soll. Es ist schön, wenn sich diese Ängste dann nicht bestätigen, sondern mit der Zeit einfach verblassen.

  2. Hallo Mai,
    danke 🙂 freut mich, dass dir der Text gefällt! Ich sehe das so ähnlich wie du. In einer meiner Beziehungen hat sich das auch so eingependelt, manchmal fühlen sich Absprachen dann doch nicht mehr nach etwas notwendigen an. Finde es gut, dass sich das immer wieder ändern kann. Eine Welt voller Widersprüche und Spannungskurven diese Polyamorie 🙂
    LG,
    Inna

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