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Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

In der Mitte zwischen zwei Beziehungen – Wie läuft das eigentlich so?

Als ich zwei Beziehungen angefangen habe, wusste ich nicht so richtig, ob ich das überhaupt kann. Nicht emotional, ich war mir schon sicher, dass ich das vertrage. Ihr müsst wissen, dass ich ein ziemlich empfindsamer Mensch mit jeder Menge Emotionen bin, dementsprechend hat es nicht daran gelegen. Ich war mir logistisch einfach nicht sicher. Wie soll ich das hinkriegen? Wie schaffe ich es, dass sich alle fair behandelt fühlen und ich nicht das Gefühl habe jemanden zu vernachlässigen? Wie schaffe ich es außerdem die anderen Menschen in meinem Leben nicht zu vernachlässigen, Zeit für mich zu finden und mich dabei nicht völlig zu verausgaben?

Diese Fragen kriege ich immer wieder gestellt. Ich muss zugeben, dass ich gerne organisiert bin und das wirkt sich häufig zu meinem Vorteil aus. Ich stehe auf Pläne, ich mag Kalender und ich mag es auch wenn die Pläne eingehalten werden. Jap, ich bin ein ziemlicher Nerd was Pläne angeht. Ich muss auch zugeben, dass es mich manchmal ganz schön aus dem Konzept bringen kann, wenn Pläne nicht eingehalten werden oder wenn sie nicht zusammenpassen und ich mich dann entscheiden muss. Vorallem, wenn ich mich entscheiden muss Pläne zu verschieben. Ich hatte lange Angst, dass sich eine von beiden benachteiligt fühlt, wenn ich Pläne verschiebe oder absage. Ich glaube mir war es von Anfang an wichtig mich fair zu verhalten und allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Ich wollte von Anfang an keine Primär- und Sekundär Beziehung führen, das bringt allerdings auch andere Schwierigkeiten mit sich.

Was bedeutet eigentlich fair? Wie fühlen sich niemand benachteiligt? Alleine schon mit der NRE (New-Relationship-Energy) am Anfang einer Beziehung kann es schwer sein sich nicht komplett in dem Gefühl zu verlieren. Ich würde fast sagen, dass ich mich zügeln musste, um eben nicht einfach nur verliebt durch die Gegend zu schwanken, sondern auch Zeit und Energie und Lust in meine andere Beziehung zu stecken und beiden Beziehungen gerecht zum werden. Ich kriege immer wieder mit, dass auch andere Menschen, ähnlich wie ich, mit diesem Wendepunkt strugglen. Ich kann das total nachempfinden und habe es früher sogar mit einem “alten und neuen Spielzeug” verglichen. Glaube den Vergleich hab ich schon mal erwähnt. Wie gesagt, ich finde nicht mehr, dass die Spielzeugmetapher so treffend ist, aber so hab ich mich in dem Moment eben gefühlt. Jemand neues kennenzulernen ist aufregend und spannend und klar, auf jeden Fall neu. Ich werde immer mal wieder gefragt, was Menschen in einer NRE Situation tun können. Well, ich glaube persönlich, dass es auf drei Dinge hinaus läuft:

Zum einen liegt es an der Person die sich verliebt nicht den Überblick zu verlieren und insbesondere nicht die andere Beziehung aus den Augen zu verlieren. Ich weiß, es kann ganz schön schwierig sein, wenn man soooo viele Gefühle auf einmal spürt und vorallem auch noch so intensive Gefühle. Das kann super herausfordernd sein. Ich glaube es ist trotzdem gut nicht auseinander zu driften und sich aktiv Zeit füreinander zu nehmen, auch und insbesondere dann, wenn man schon lange keine intensiven Verliebtheitsgefühle mehr füreinander empfindet. Dazu gehören dann auch Kleinigkeiten, so wie etwa das ständige aufs Handy schauen, jede zweite Geschichte mit dem Namen der NRE Person beginnen oder nur noch über das Verliebtheitsgefühl reden. Ja, es ist mega schön, aber die nicht-verliebte Person empfindet das Gefühl nicht und ist unter Umständen verunsichert. Wenn sich alles nur noch um das neue Gefühl dreht, dann kann das in meinen Augen dazu führen, dass die jeweils andere Beziehung oder Beziehungen sich zurück ziehen und Menschen auseinander driften, was dann unter Umständen noch mehr Probleme verursacht.

Zum anderen kann man diese neue Energie auch auf alle Lebensbereiche beziehen, das kann dann wiederum total vitalisierend, erfrischend und schön sein. Verliebt zu sein kann bedeuten, dass man mehr Energie verspürt und sich total beflügelt fühlt, wieso sollte man das Gefühl nicht auch einfach auf andere Bereiche beziehen? Ich find es total schön, wenn ich bei anderen Menschen diesen Schwung mitbekomme und lasse mich gerne ein bisschen auf der Welle der Gefühle mitnehmen. Zum Beispiel Ausflüge zusammen machen, die schon ewig aufgeschoben wurden oder Dinge erledigt kriegen, die man ewig zusammen fertig machen wollte. Das kann sich unter Umständen ja auch in Kleinigkeiten äußern, zum Beispiel, dass man mal wieder realisiert, wie glücklich man eigentlich ist so viele liebende Menschen im Leben zu haben.

Die letzte Sache ist ein bisschen banal vielleicht, aber mir hat es geholfen. Verliebtheitsgefühle halten nicht für immer in dieser Intensität an. Irgendwann gehen sie auch vorbei und dann fühlt man nicht mehr so ein starkes Ungleichgewicht. Klar, das klingt jetzt erst mal nach Tee trinken und abwarten, tatsächlich ist es das auch ein bisschen. In der Zeit kann man sich eben dafür entscheiden sich zurück zu ziehen und auf sich selbst zu konzentrieren und/oder erst recht noch mehr Mühe umeinander zu geben. Mir hat es am Ende total viel Kraft und Zuversicht gegeben, als ich solche Situation gemeistert bekommen habe. Ich glaube, dass jede neue Veränderung und jede neue Herausforderung erst mal schwierig, scheiße und anstrengend sein kann in dem Moment selbst, aber wenn es vorbei ist, dann zieht man daraus vielleicht neue Werkzeuge und neue Erkenntnisse über sich selbst und über die Beziehungen die man führt.

In der Mitte zwischen zwei Beziehungen zu sein bedeutet für mich also immer wieder neue Herausforderungen und immer wieder die Angst, dass ich jemanden verletzten, enttäuschen oder zurückweisen könnte. Es ist aber auch wahnsinnig schön so viel Liebe, Unterstützung und Aufmerksamkeit zu erfahren. Manchmal ist es auch zu viel. Da möchte ich einen 48h Tag haben, weil ich nicht alles in einen Tag kriege. Dr. Vulva hat es letztens bei Kleinerdrei mit den Worten: “Irgendwann ist der Terminkalender voll” ziemlich auf den Punkt gebracht. Irgendwann habe ich keine Kapazitäten mehr, wenn ich versuche meine Beziehungen ohne Primär/Sekundär oder Lover*in/Beziehung Hierarchien zu führen. Ich frage mich, ob sich das irgendwann ändert, wenn potentiell mehr Menschen dazu kommen. Bin gespannt, was noch so auf uns zukommt!

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4 Kommentare

  1. Ich bin auch gerade in so einer Situation, zwischen zwei Beziehungen und in der Absicht keine zu priorisieren. Es tut unglaublich gut zu lesen, dass es auch anderen Menschen so geht wie mir. Dass auch andere Menschen Angst haben nicht fair zu sein und jemanden zu verletzen der einem doch so wichtig ist. Ich bin nicht zum ersten Mal sehr glücklich darüber, dass es dieses Blog gibt, Danke, Danke Danke!

    • schön, dass du dich darin wiederfinden kannst, Jane! das ist echt alles andere als einfach in der Mitte zu sein. Ich hoffe, dass du die Balance gut hinkriegst.

  2. Hey, du hast einen echt tollen Blog!
    Diese Situation ist mir auch schon einmal passiert, kann echt schwer sein :/

    LG Fabian

  3. Hallo Fabian,
    hab irgendwie erst jetzt deinen Kommentar entdeckt, echt seltsam! Naja, wollte dir trotzdem noch danke sagen, freut mich, dass dir mein Blog gefällt, hoffe du findest auch in Zukunft spannende Anregungen hier 😉
    LG,
    Inna

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