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Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Warum ich Widersprüche mag, und was sie mit Polyamorie zu tun haben

Seit ich in Deutschland lebe, bin ich eigentlich von Widersprüchen umgeben. Story of my life gewissermaßen. Ich bin seit meinem 8ten Lebensjahr in einem Land groß geworden, in dem ich bis vor ca. 70 Jahren noch umgebracht worden wäre. Soweit ich weiß, hat meine Familie keine Verwandten in Deutschland oder anderen Ländern gehabt, in denen Jud*innen ermordet wurden…Trotzdem konnten unsere Verwandten und Freund*innen in Israel, Russland, USA etc. sehr lange nicht verstehen, wieso wir überhaupt nach Deutschland gekommen sind. Ich konnte es ehrlich gesagt auch nie verstehen. Es hat sich  immer wie ein großer Widerspruch angefühlt.

Noch widersprüchlicher fand ich die Tatsache, dass ich in der Schule die Vorzeige-Jüdin war. Immer wenn es um jüdische Traditionen oder Gepflogenheiten ging, war ich die Ansprechperson. Als hätte ich das alles wissen müssen. Ehrlich gesagt, habe ich mich nicht mal getraut zuzugeben, dass ich es nicht weiß. Selbst heute finde ich es peinlich, wenn ich nicht jede Frage zum Judentum beantworten kann. Als wäre ich eine schlechte Jüdin.

Ich bin also sehr vertraut mit widersprüchlichen Gefühlen und doch hab ich erst neulich den Zusammenhang zu polyamoren Beziehungen bemerkt. Seit ich poly/offen lebe, lebe ich mit Tausenden von Widersprüchen. Ich begrüße sie sogar sehr, seit ich weiß, dass sie überhaupt da sind. Widersprüche bedeuten, dass man unterschiedliche Dinge gleichzeitig empfinden, fühlen, wahrnehmen kann. Zum Beispiel kann ich mich unsicher fühlen, wenn meine Beziehungsperson jemanden datet. Das Gefühl kann mich dazu verleiten zu wollen, dass sie die Person nicht datet, denn dadurch würde die Unsicherheit verschwinden. Gleichzeitig kann ich mich für meine Beziehungsperson freuen. Ich kann also gewissermaßen beides gleichzeitig empfinden. Für mich ist das ein klassischer Widerspruch. Ich wüsste nicht, wieso ich nicht beides gleichzeitig tun dürfte.

Polyamorie fördert den Widerspruch, sie ist keine Einbahnstraße der Gefühle. Vielmehr ist sie eine große Bandbreite an Emotionen, Gedanken und Gefühlen, die zur gleichen Zeit auftreten können. Ich habe das Gefühl, dass ich immer wieder mit Menschen rede, die gerne nur eine Sache empfinden wollen. Zum Beispiel empfinden sie es als problematisch, wenn sie sich nicht mit ihren Beziehungspersonen freuen können, Eifersucht empfinden oder wenn sie sich nicht immer bereit fühlen, für alles offen zu sein. Ich finde das alles andere als problematisch. Wieso sollte es nicht okay sein, den Widerspruch zuzulassen? Ich glaube, dass es sogar ziemlich gut sein kann, innere Reibung zu empfinden, das unterstützt mich dabei, meine Gedanken zu hinterfragen und fördert meinen inneren Dialog. Ich komme gewissermaßen mit mir selbst ins Gespräch. Ich glaube, solange ich nicht das Gefühl habe, dass es mir mit widersprüchlichen Gefühlen ausschließlich schlecht geht, empfinde ich sie als hilfreich.

Ich verstehe das Bedürfnis nach Eindeutigkeiten. Widersprüche sind nicht so gern gesehen und oft nicht einfach zu ertragen, ich habe das Gefühl, dass sie eher das Bedürfnis erzeugen, schnell Klarheit schaffen zu wollen. Das kann ich sehr gut nachempfinden, ich liebe ja bekanntermaßen Struktur und Transparenz. Mit dem Widerspruch komme ich jedoch irgendwie klar. Er erinnert mich daran, dass Gefühle vielschichtig und komplex sein können – so wie Eifersucht. Ich empfinde es als große Bereicherung, Dinge wie Eifersucht großflächiger zu definieren, das macht sie greifbarer und irgendwie annehmbarer. Wenn ich beispielsweise eine sehr enge Definition von Eifersucht habe, wie etwa Eifersucht = Besitzanspruch, dann entzieht diese der Eifersucht ihre Möglichkeiten, es macht sie gewissermaßen kleiner/einseitiger/negativer als sie sein müsste oder könnte. Eifersucht ist für mich sehr widersprüchlich und das ist auch das Schöne daran, weil sie auch viele positive und bereichernde Aspekte haben kann, ohne die toxischen oder negativen Aspekte zu verkennen oder ignorieren zu wollen.

Vor ein paar Monaten hat Debora Antmann, Queer_Feministin, Aktivistin, Bloggerin und wütende Jüdin, im Dossier zum Thema Antisemitismus im Missy Magazine für mehr Widersprüche plädiert. Sie sprach über jüdische Philosoph*innen und wie wir von ihnen lernen können. Da habe ich mich ertappt gefühlt, es war die ganze Zeit schon vor meiner Nase, ohne, dass es mir wirklich bewusst war. Jahre lange hab ich jüdische Philosoph*innen gelesen, den Widerspruch verschlungen, er war direkt vor meiner Nase und doch habe ich ihn nicht erkannt. Jetzt ist er mir präsenter denn je.

Photo by Glen Noble on Unsplash

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2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben und vor allem seeeehr interessant! Darüber habe ich mir bisher wenig Gedanken gemacht, ehrlich gesagt, aber es ist ja wirklich so: Widersprüche sind oftmals nur verschiedene Blickwinkel, die sich ja auch nicht ausschließen. Danke für den Gedankenanstoß ☺

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