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Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

2 Gedanken gegen Primär- und Sekundärbeziehungen.

Eigentlich hab ich mir vor einiger Zeit vorgenommen mindestens ein Mal im Monat einen Beitrag auf meinem Blog zu veröffentlichen…gerade bringt mich selbst das ein bisschen an meine Grenzen. Die letzten Wochen und Monate waren ziemlich aufregend. Ich hab zum ersten Mal einen Vortrag vor 250 Menschen gehalten und über meine Erfahrungen aus den letzten 5 Jahren als Poly lebende Person berichtet. Ich war in unterschiedlichen Städten unterwegs, hab Einzel-Workshops geführt und sehr sehr sehr viel über Beziehungen geredet. Aus all diesen Erfahrungen der letzten Monate sind ein paar Gedanken zum Thema Primär- und Sekundärbeziehungen entwachsen, die ich gerne mit euch teilen würde. Dies ist meine Perspektive darauf, es gibt sehr viele andere, aber mir ist es wichtig, dass ich mich dazu positioniere, weil ich das Gefühl hatte, dass ich immer häufiger dazu gefragt werde.

1. Primär- und Sekundärbeziehungen und das Problem der Fadenscheinigkeit

Mein grundsätzliches Problem mit den Bezeichnungen von Primär und Sekundär ist, dass ich nicht so richtig die Notwendigkeit dahinter sehe. Viele Menschen benutzen die Begriffe, um Relationen aufzuzeigen. Zum Beispiel, weil sie mit einer Person die Verantwortung für Kinder teilen oder mit ihr zusammen wohnen und mit einer anderen Person ohne großartige Verbindlichkeiten in einem unregelmäßigen Abstand Zeit miteinander verbringen. Ich muss jedoch Franklin Veaux in seinem Beitrag auf More than two zustimmen, wenn er dieses Argument als unsinnig bezeichnet. Jede Beziehung ist so individuell und auf ihre eigenen Bedürfnisse hin ausgerichtet, dass es sich für mich nicht nach einem guten Argument anfühlt sie aus diesem Grund als Primär und Sekundär zu betiteln. Ich habe in letzter Zeit viel mehr den Eindruck gewonnen, dass eben dieser Grund vorgeschoben wird, um die eigentlichen Macht und Hierarchie Verhältnisse die dahinter stehen nicht klar benennen zu müssen. Ich möchte an dieser Stelle klar und deutlich sagen, dass ich niemandem vorwerfen möchte, dass sie unaufrichtig oder unehrlich gewisse Konzepte benutzen. Es geht mir lediglich um meinen persönlichen Eindruck, dass häufig die Dominanzverhältnisse nicht klar und deutlich benannt werden. So lange es sich um konsensuelle Beziehungenskonzepte handelt ist es mir vollkommen gleich, ob Menschen monogam oder nicht-monogam leben, genau so wie es mir egal ist, ob sie ihre polyamoren Konstrukte als primär, sekundär, tertiär, etc. bezeichnen. Darum geht es mir nicht. In meiner Wahrnehmung wird es nur sehr häufig missachtet, dass Begrifflichkeiten wie Primär und Sekundär nicht ohne ihren hierarchischen Ursprung gebraucht werden können. Ich glaube, dass selbst wenn man die besten Intentionen mit den Begriffen verfolgt, die damit einhergehende Hierarchie nicht weggedacht oder geredet werden kann. Manche Begriffe sind so stark konnotiert, dass es mir unrealistisch scheint sie komplett anders benutzen zu können.  Sie sind also gewissermaßen eingebettet in ein ziemlich festes Macht – und Hierarchie Verhältnis. Und auch hier nochmal: Ich hab kein Problem damit, wenn Menschen sich konsensuell darauf einigen und sich darüber bewusst sind, was für Konnotationen und Erwartungen mitschwingen. Allerdings bringt mich das zu meinem nächsten Punkt.

 

2. Hierarchien und das Bedürfnis nach Einfachheit

Ich verstehe das Bedürfnis nach Einfachheit und wieso manche Menschen sich dafür entscheiden Regeln aufzustellen in ihren Beziehungen oder Ultimaten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Polyamorie und offene Beziehungen total anstrengend sein können und aufwühlend und häufig mehr Fragen stellen als Antworten zu geben. Ich verstehe woher das Bedürfnis kommen kann ziel- oder ergebnisorientiert zu denken und die Beziehung(en) so einfach wie möglich zu gestalten. So einfach ist es nur leider nicht immer. Sorry fürs Spoilern ;). Es ist einfach schwer oder unrealistisch zu sagen, dass wenn man Menschen “nur” zwei Mal im Monat sieht, sich auf jeden Fall keine ernsthaften Bindungsgefühle oder Wünsche entwickeln werden. Ich kann mich in Menschen verlieben die ich zwei Mal die Woche sehe, genau so gut kann ich mich in Menschen verlieben die ich vielleicht nur zwei Mal im Monat sehe. Beides scheint mir nicht abwegig zu sein, deswegen ist es so schwierig dafür Regeln oder Absprachen zu finden. Ich hab den Eindruck gewonnen, dass Menschen mich in letzter Zeit häufiger fragen, wie ich zu Hierarchien oder Veto Recht stehe und jedes Mal sage ich, dass ich mit den Konsequenzen nicht leben wollen würde. Darauf läuft es für mich nämlich letzten Endes hinaus. Was, wenn ich eine Person kennenlerne und sie nicht in mein Konzept von Sekundär Beziehung passt? Überdenke ich dann meine Konzepte? Oder verabschiede ich mich dann von der Person und suche weiter, bis jemand in meine Vorstellung von Sekundär passt? Und was mache ich, wenn die Person andere Bedürfnisse entwickelt? Darf sie das überhaupt ansprechen? Das sind alles Fragen die ich in diversen Situationen hatte, als meine Beziehungsperson(en) und ich versucht haben Dinge zu vereinfachen. Letzten  Endes kam doch alles ganz anders und was blieb war die Enttäuschung. Jedes Mal, wenn ich den Eindruck habe, Beziehungskonzepte gewissermaßen schon vorgefertigt sind und nach Menschen suchen, um sie ihnen überzustülpen bin ich wieder dort wo ich angefangen habe. Nämlich bei der Monogamie die ich nicht hinterfragt habe und für die einzigst wahre Beziehungsform gehalten habe. Und da werd ich skeptisch…Für mich ist es mehr so ein “I figure it out along the way” Ding. Ich kann vielleicht sagen wie meine zeitlichen Kapazitäten beschaffen sind im Moment oder wie viel ich bereit bin zu verändern, um andere Menschen zu daten oder kennenzulernen oder in mein Leben zu lassen, aber ich kann nicht sagen, dass dieser bestimmte Platz frei ist oder jener. In einem Podcast von Polyamory Weekly hab ich letztens den Satz gehört “I would like to get to know every new person as if I was single”. Das fand ich irgendwie schön. Ein hoher Anspruch in meinen Augen, aber irgendwie auch schön 😉

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3 Kommentare

  1. Polyplom, thanks a lot for the post.Really thank you! Much obliged.

  2. Marina Barinberg

    18. Juli 2018 at 9:54

    I love you. And I’m proud of you. your mum

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