POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Leben vs. Blog und sowas in der Art

Es ist ein paar Monate her, seit ich das letzte Mal einen Beitrag auf meinem Blog veröffentlicht habe. Es gab einige Momente, da wollte ich es wirklich angehen, mich endlich wieder an den PC setzen und eine erzählenswerte Geschichte oder einen spannenden Gedanken aus meiner polyamoren Alltag mit euch teilen. Und doch hab ich es nicht gemacht. Vor 2,5 Jahren habe ich mit meinem Blog angefangen, seitdem hat sich einiges verändert. Anfangs war ich beschwingt von der Idee, dass dort Menschen sind, denen ich Unterstützung bieten kann, denen es ähnlich wie mir geht oder ging. Die nachvollziehen können, wie ich empfinde, dem etwas abgewinnen können. Ich war froh, wenn ich gemerkt habe, dass es Menschen gibt, die mir folgen, die mich anschreiben oder um Rat bitten. Ich mag den Austausch, ich mag es in andere Städte zu fahren, Poly-Communities kennenzulernen, von ihnen zu lernen und uns gegenseitig zu bereichern.

Doch all das hat mich in den letzten Monaten auch abgeschreckt.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich habe ich Angst verspürt, überhaupt noch was zu teilen. Ich wollte nur noch Gedanken teilen, die wirklich, wirklich wichtig sind. All meine Ideen haben sich plötzlich unwichtig, irrelevant und super banal angefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass mir niemand mehr folgt und gleichzeitig die ganze Welt auf mich schaut und jedes einzelne Wort zweimal umdreht. Meine Kommastellung korrigiert, über mein lausiges Deutsch lacht (was sowieso ein schwieriges Thema für mich ist, weil es mich immer noch triggert und ich mich in meine ersten Jahre in Deutschland zurück versetzt fühle, in denen sich Menschen häufiger über mein schlechtes Deutsch lustig gemacht haben)  oder sich fragt, was ich da eigentlich mache. Mir ist bewusst, dass mir egal sein kann, was ihr da draußen von mir denkt, die meiste Zeit schreibe ich für mich und freue mich, wenn andere Menschen dem etwas abgewinnen können.

Und doch waren mir mein Blog und meine Tätigkeit als Workshopleiterin zu viel. Ich hab ehrlich gesagt fast gar nicht mehr über Polyamorie geredet, außer in Workshops oder kleinen Meet-Ups, aber den Rest der Zeit war ich damit beschäftigt eine Wohnung in Berlin zu finden. Diese wirklich anstrengende und einem alles abverlangende Suche hat mich dazu gebracht, immer und immer wieder über Familienkonzepte nachzudenken. Ehrlich gesag,t war ich ernüchtert. Ich glaube, ich habe einfach zu viel Zeit in meiner Queeren/Feministischen Blase verbracht und nicht gemerkt, dass die heteronormative Kleinfamilie, bestehend aus cis-Mann, cis-Frau und 1-3 Kindern immer noch hoch im Kurs ist. Überall kam mir “Familienwohnung” oder “Ideal für Familien” oder “Keine Wohngemeinschaften” schreiend entgegen. Doch das, was ich unter Familie verstehe wird hier nicht gemeint. Immer wieder musste ich mich damit auseinandersetzen, dass die Form und Art und Weise in der ich leben möchte systematisch ausgegrenzt wird. Es erscheint nach wie vor für so viele Menschen unverständlich,  beinahe abwegig, dass ich mit mehr als einer Person Kinder kriegen und nicht in einer Kleinfamilienkonstellation leben möchte. Das hat mir unendlich viel Kraft geraubt. Da war kein Platz mehr für neue Abenteuer oder spannende Gedanken. Ich fühlte mich ausgelaugt.

Vor einer Stunde lag ich also da. Ich hatte mich mit meinem Laptop ins Bett gelegt, um Serie zu schauen, und das erste, was mir ins Auge fiel, war mein Tattoo. Es symbolisiert vieles, aber hauptsächlich die letzten zwei Jahre Therapie. Vor ein paar Wochen ist sie zu Ende gegangen und ich muss mich immer noch daran erinnern, nicht hinzugehen, die Regelmäßigkeit ist noch tief in mir verankert. Ich musste plötzlich lachen, weil ich schon seit Tagen mit mir gerungen habe, ob ich endlich wieder einen Blogeintrag veröffentliche oder nicht. Das Tattoo hat mich in gewisser Weise daran erinnert, weil es für Veränderung, Aufbruch, Neu-Vernetzen von Gedankensträngen, Anstrengung, aber auch Mut steht. Ich musste lachen, weil mir wieder eingefallen ist, dass es kein Thema gibt, das unwichtig ist. In meiner Therapie habe ich immer wieder mit mir gerungen, ob dieses oder jenes relevant ist, ob ich das erzählen sollte oder besser nicht. Es ging viel darum, dass ich versucht habe, Dinge zu filtern, ich habe versucht, nur über die wirklich wichtigen Sachen zu reden.

Gerade ist mir aufgefallen, dass ich genau darüber schreiben sollte.

Ich muss nicht versuchen, so zu tun, als wäre ich aus rostfreiem Stahl, als würde mich nie etwas berühren und als würden mir ständig neue, spannende und erwähnenswerte Gedanken einfallen.

Manchmal sind andere Fragen im Leben wichtiger, präsenter und aufdringlicher. Gerade in den letzten Monaten war ich aber umso glücklicher darüber, dass ich zwei wundervolle Beziehungen führe mit Menschen, denen ich offensichtlich am Herzen liege. Es waren die Kleinigkeiten wie Essen kochen, Kekse geschenkt bekommen, eine Badewanne eingelassen bekommen, in den Arm genommen zu werden oder zu weinen, die mir mal wieder gezeigt haben, wie unfassbar froh (und auf eine Weise auch privilegiert) ich bin, dass ich so viele Ressourcen und so viel Support bekomme, weil ich zwei Beziehungen führe. Polyamorie ist jeden Tag ein Bestandteil meines Lebens, manchmal präsenter und manchmal weniger präsent. Wenn ich nicht vergesse, mich daran zu erinnern, dass jeder Gedanke denkenswert ist und ich auf meinem Blog jeden noch so langweiligen und vielleicht unspektakulär aufschreiben kann, hört ihr bestimmt wieder häufiger von mir 😉

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4 Kommentare

  1. Danke für diesen wunderbaren Artikel!
    Er ist so wunderbar, weil er sehr viele wichtige Denkanstöße enthält und du deine Verletzlichkeit offenbarst, was nicht nur unglaublich stark von dir ist sondern auch anderen Menschen Mut macht.
    Bestimmt geht es vielen ähnlich wie dir, zumindest mir geht es auch so. Es gibt diese Phasen, in denen man mehr zweifelt und sich energielos und ausgelaugt fühlt. Dann ist das halt so, macht man eben mal weniger und sammelt Energie. Meiner Erfahrung nach kommen nach diesen Phasen immer Zeiten, in denen man wieder mehr Kraft hat und plötzlich wieder im Flow ist.
    Ich wünsche dir alles Gute!

    • polyplom

      11. Oktober 2018 at 18:52

      danke, Dany <3 manchmal dauert es ein bisschen Verletzbarkeit zu zu lassen. vorallem, wenn ich das Gefühl habe das mit "der ganzen Welt" zu teilen. dir auch alles Gute!!

  2. Vielen Dank für den Beitrag, dass du das mit “uns”, deiner Community, teilst. <3

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