Vor ein paar Monaten hat ein sehr guter Freund zu mir gesagt: “Ich glaube, ich will weniger Intensität in meinem Leben”. Seitdem kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Immer und immer wieder lande ich selbst bei dem Gedanken. Was hat das eigentlich mit der Intensität auf sich? Wieso finde ich weniger Intensität gerade so verlockend? Was ist das Gegenteil von Intensität? Und will ich eigentlich gar keine Intensität mehr oder nur weniger? Oder will ich eigentlich was ganz anderes?
Irgendwie witzig, ich stelle mir selbst all diese Fragen und weiß ehrlich gesagt keine Antworten darauf. Ich sitze hier bestimmt schon seit 15 Minuten und denke einfach nur über die Frage nach, wieso ich eigentlich so scharf auf Intensitätsreduktion bin. Ganz ehrlich, Intensität war für mich bisher nur was Positives: wenn niemand da war, den*die es hätte interessieren können, ob ich mich Hals über Kopf in jemanden verliebe, jede Nacht bei der Person schlafe und in meinem eigenen Tempo Gefühle zulasse und entwickle. Da war niemand, den*die ich damit hätte verletzten können, zumindest nicht bewusst. Seitdem ich mehrere Beziehungen gleichzeitig führe, sind da sehr wohl Menschen, die es interessiert, in welchem Tempo ich Dinge angehe und wie intensiv ich manche Erfahrungen gestalte. Ich glaube, ich verbinde mit Intensität stürmisches Verhalten, eine “Ist mir egal”-Haltung und einfach nur pures Sich-fallen-lassen. Außerdem verbinde ich damit eine pushy Inna, die immer mehr will und das in ihrem Tempo. Meine Intensität hat schon so einige Menschen vergrault.

In meinen Teenagerjahren hab ich mich oft (sehr) einsam gefühlt. Ich wollte unbedingt jemanden zum Verlieben haben, ich wollte so gerne in den Arm genommen werden und habe mir die Anerkennung von anderen Menschen sehr gewünscht. Ich wollte nichts lieber als pure Intensität und reines Sich-auf-jemanden-einlassen. Nichts lieber als das. Und als ich mit Anfang 20 angefangen habe, Menschen zu daten und gleichzeitig in einer Beziehung war, wollte ich auch Intensität, weil ich das Bedürfnis danach so lange zurück gehalten habe. Gleichzeitig wollte ich es wirklich versuchen mit der Monogamie, ihr ernsthaft eine Chance geben. Ich hab mich so lange davon überzeugt, dass ich etwas nicht will, bis ich selbst daran geglaubt habe. Und als ich dann doch einsehen musste, dass das Bedürfnis, andere Menschen zu daten, mich zu verlieben und ihnen nahe zu sein, in mir gewachsen ist, ist es nur so aus mir rausgesprudelt. Es war förmlich ungezähmt, wie ein gieriges Wesen. Ich wollte es gar nicht stoppen. Wieso auch? Es hat Spaß gemacht. Und gleichzeitig hat es mir schon da vor Augen geführt, dass Intensität nicht nur etwas Gutes ist.
Sie hat meine Beziehung buchstäblich fast zerrissen. Wir wollten so gerne jede Erfahrung und jede Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen, zulassen, dass kein Raum mehr für unsere Beziehung übrig blieb. Selbst jeden Streit wollte ich sofort austragen, alles musste schnell und plötzlich passieren. Ich konnte es nicht aushalten, Dinge aufzuschieben, ob einen Streit oder ein Date mit jemandem, völlig egal. Ich glaube, ich hatte viel zu sehr Angst davor, dass in der Zwischenzeit irgendetwas wichtiges verloren gehen könnte. Vielleicht geht die Verbindung zu meiner Beziehungsperson in der Zwischenzeit kaputt? Oder vielleicht ist diese neue und aufregende Person plötzlich nicht mehr an mir interessiert?  Und was, wenn ich eine Erfahrung nicht mache, mache ich sie dann nie wieder?

Und im Umkehrschluss: Solange etwas intensiv war, hatte ich das Gefühl, es ist es wichtig.

Und dann hab ich plötzlich sehr lange über all diese Dinge nicht mehr nachgedacht. Ehrlich gesagt, war mir sehr lange nicht einmal bewusst, dass es die Intensität ist, die die Fäden zieht. Ich dachte, es wäre Lust, Aufregung, Vorfreude oder einfach nur das aufregende Gefühl, begehrt zu werden. Vielleicht ist das alles ein Teil von Intensität? Ich weiß es nicht.

Vielleicht weiß ich am Ende des Beitrags noch weniger als am Anfang. So geht’s mir gerade sehr häufig. Eins steht aber fest: Ich möchte gerade weniger Intensität in meinem Leben. Ich kann mich an keine Erfahrung der letzten 10 Jahre erinnern, die einfach nur intensiv und gut war. Sie war immer begleitet von einem Getriebensein von etwas. Ich hätte gerne ein bisschen mehr Gelassenheit in der Intensität. Ich will mich nicht mehr Hals über Kopf in Beziehungen oder Affären oder Liebschaften stürzen. Ich will lernen, Dinge langsam anzugehen, Erfahrungen Raum zu geben und nichts zu überstürzen. Vor allem will ich mich mehr darum bemühen, meinen Beziehungspersonen mehr Raum für ihre Gefühle und Erfahrungen zu geben, wenn etwas Neues und Aufregendes in meinem Leben passiert. Früher hätte ich es schade gefunden, ich hätte vielleicht vielen Möglichkeiten nachgetrauert, wenn ich sie nicht hätte intensiv und sofort erleben können. Als wäre jemand hinter mir gestanden und hätte mir immer wieder einen kleinen Schubs verpasst. Heute finde ich es nicht so schlimm, ich fühle mich nicht mehr unter Druck. Irgendwie fühle ich mich entspannter und ich weiß, wie das klingt: älter und weiser, haha 😉 Kitschig, I know. Ich weiß nicht, ob es das Älterwerden ist, aber ich mag es. Ich begrüße gerade mehr Ruhe und weniger Intensität. Wer weiß, vielleicht ist das Gegenteil von Intensität einfach nur Ruhe und vielleicht will ich irgendwann auch wieder das Gegenteil von Ruhe.

Photo by Riccardo Annandale on Unsplash

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