Das Thema „Freiheit und Polyamorie“ hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Besonders nachdem ich viel unterwegs war, Vorträge gehalten habe und Workshops gab. Immer wieder sind Menschen auf mich zugekommen, die das Gefühl hatten, an der Polyamorie zu scheitern, weil sie nicht gut genug oder schnell genug ihre Gefühle verarbeitet haben oder schlichtweg nicht wussten, wie sie mit einer Situation umgehen sollten. Häufig stand die Angst im Vordergrund, Beziehungspersonen zu verlieren oder sie mit den eigenen Gefühlen zu überfordern. Und immer wieder drehten sich solche Gespräche um ein Konzept von Freiheit, welches ich nicht gut nachempfinden kann bzw. wo es mir schwer fällt zu verstehen, wieso das als Argument in polyamoren Beziehungen benutzt wird. Sehr häufig äußerte sich dieses Konzepte in Sätzen wie „Du schränkst meine Freiheit ein“. Damit ist gemeint, dass jemand sich frei fühlen möchte zu jedem Zeitpunkt Beziehungen und/oder sexuellen Kontakt jeglicher Form mit anderen zu haben.

Ich möchte versuchen zu erklären, wieso ich damit meine Schwierigkeiten habe.

Zum einen waren es sehr häufig Cis-Frauen, die zu mir kamen und mir ihr Dilemma geschildert haben. Ihre Beziehungspersonen, sehr häufig Cis-Männer, waren diejenigen, die den Satz, in unterschiedlichsten Variationen, aussprachen. Wieso Gender an dieser Stelle eine Rolle spielt? Weil als Frau sozialisiert zu werden konstant bedeutet, zur Beziehungs- und Emotionsarbeit erzogen zu werden. Ich ärgere mich in solchen Momenten, weil der Satz keine andere Alternative lässt, als dass die Cis-Frauen genau diese Rolle und Aufgabe übernehmen. Häufig sind Sätze, die darauf anspielen, dass jemand ein grundsätzliches Recht oder einen Anspruch auf etwas hat, auf eine gewisse Art und Weise lähmend. Schließlich lassen sie keinen Raum für Diskussionen oder Auseinandersetzungen. Stattdessen schaffen sie sehr viel Raum für Schuldgefühle, denn meistens bleiben die Beteiligten mit ihren Gefühlen alleine oder trauen sich nicht mehr, mit ihren Beziehungspersonen darüber zu reden. Ein Freiheitsargument einzuführen kann immer nur für eine Person funktionieren, denn würden es zwei oder mehr Personen gleichzeitig einbringen, wäre es überflüssig. Das macht es zu einer Einbahnstraße für eine Person.

Zum anderen gibt Freiheit als Argument nicht die Möglichkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen. Stattdessen wird ein jegliches Gefühl als schlecht und nicht wünschenswert abgestempelt. Ich finde das ganz schön unfair, weil es ja schließlich – zumindest häufig – nicht darum gehen sollte eine Handlung zu verbieten, sondern eine Auseinandersetzung über unterschiedliche Bedürfnisse zu führen. Diese Auseinandersetzung kann tricky sein, das gebe ich zu. Manchmal muss sich eine Person mehr zurücknehmen als die andere, manchmal fühlt sich jemand benachteiligt und manchmal haben eine oder mehrere Personen Angst, dass auf Gefühle einzugehen bedeuten könnte, für unbestimmte Zeit Monogamie zu praktizieren, weil kein Raum ist, um polyamor/offen zu leben. Letzten Endes ist es jedoch eine Frage der Aushandlung und des Aufeinandereingehens.

Offene/polyamore Beziehungen zu führen bedeutet für mich nicht, zu jedem Zeitpunkt machen zu können, wonach mir der Sinn steht. À la: „Falls meine Beziehungsperson(en) damit Schwierigkeiten haben sollten, so ist es deren Problem, ich ziehe nicht in Erwägung, mit was auch immer aufzuhören.“ Diese Art Beziehungen zu führen ist nicht meins. Und ich tue mich auch schwer damit, Menschen irgendeine Form von Rat oder Tipp zu geben, wenn sie mich fragen, was sie machen können, wenn ihre Beziehungsperson sich ihren Gefühlen verwehrt. Ich finde es ungerecht und auf eine negative Art und Weise egoistisch, dass nur noch die Bedürfnisse einer Person im Vordergrund stehen. Eine Beziehung jeglicher Art bedeutet für mich ein gemeinsames Projekt, etwas, was zwei oder mehr Menschen miteinander gestalten und sich aus diesen Menschen heraus und mit ihnen zusammen entwickelt. Deswegen fällt es mir so schwer, nachzuvollziehen, dass Menschen dieses Totschlagargument verwenden. Das hat für mich nämlich nicht mehr viel mit gemeinsamer Gestaltung zu tun.

Ich sehe durchaus die Schwierigkeit(en), wenn es darum geht, unterschiedliche Bedürfnisse auszuhandeln/in Einklang zu bringen. Als meine Beziehungsperson und ich unsere Beziehung von monogam zu offen für physische Erfahrungen mit anderen geöffnet haben, habe ich mich ganz lange verwehrt. Ich hatte Angst, alles würde sich zwischen uns verändern, ich hatte Angst vor Zurückweisung und ich wollte mich dieser neuen Erfahrung (noch) nicht stellen. Deswegen habe ich es immer weiter aufgeschoben, habe ihr das Gefühl gegeben, dass ich noch mehr Zeit brauche, dabei war Zeit nicht das Problem. Deshalb weiß ich ganz genau, dass es manchmal schwierig sein kann, über Bedürfnisse zu reden und Aushandlungen oder Kompromisse zu finden, weil es manchmal nicht klar scheint aus welchem Gefühl oder welcher Motivation heraus sich jemand für mehr Zeit ausspricht. Manchmal bedeutet es eben auch, dass eine oder mehrere Personen eine Zeit lang unzufrieden sein werden, aber so sind Kompromisse nun einmal, sie machen nicht immer Spaß. Ich denke, dass es wichtig ist, nicht zu vergessen, dass Kompromisse für alle Beteiligten, mal mehr mal weniger, ein Zugeständnis sind und häufig nichts, was sie von sich aus, wenn es einzig und allein nach ihren Bedürfnissen ginge, so entscheiden würden. Das bedeutet, dass alle einen Schritt aufeinander zu gehen. Wenn ich beispielsweise die Absprache eingehe, dass ich meine Beziehungsperson nach einem Date mit einer anderen Person anrufe, dann mache ich das, weil ich weiß, dass es ihr wichtig ist, meine Stimme zu hören und dadurch Sicherheit und Zuneigung zu erfahren. Für mich ist es kein großer Aufwand, einen Anruf zu tätigen, aber vielleicht bedeutet meiner Beziehungsperson diese vermeintliche Kleinigkeit sehr viel. Der Anruf ist je nach Situation vielleicht sogar schon der Kompromiss zwischen „Wir sehen uns direkt nach dem Date“ und „Wir hören uns gar nicht“.

Damit will ich sagen, dass ich gerne Kompromisse eingehe und versuche, die Gefühle meiner Beziehungsperson(en) so ernst wie möglich zu nehmen. Das bedeutet für mich nicht, dass ich sofort jedes meiner Bedürfnisse hinten anstelle oder nur noch auf die Bedürfnisse meiner Beziehungspersonen eingehe. Es kann aber bedeuten, dass ich nicht sofort von 0 auf 100 gehen möchte. Beispielsweise, wenn ich gerne bei meinem Date schlafen wollen würde, meine Beziehungsperson(en) sich damit jedoch erst einmal nicht so wohl fühlen, bedeutet es unter Umständen, dass wir uns da langsam herantasten. Schritt für Schritt würden wir dem Übernachten näher kommen. Mein ursprüngliches Bedürfnis ist also nicht verworfen, seine Befriedigung wird einfach unserem gemeinsamen Tempo angepasst.

Letzten Endes ist es meiner Meinung nach klar, dass ein Mensch theoretisch alles machen kann, wozu er in der Lage ist. Das ist keine Frage der Freiheit. Es geht gar nicht um den Satz „Das ist aber meine Freiheit und ich darf das“, sondern um den Zusatz, der nicht ausgesprochen wird, nämlich „und du kannst nichts dagegen machen“. Und das ist das, was ich so schwer verstehen kann, weil es einfach nicht mit meinem Verständnis von Polyamorie (und überhaupt von Beziehungen) zusammenpasst und was häufig – wie am Anfang beschrieben – Cis-Frauen abbekommen, die die Emotionsarbeit leisten sollen. Ich will damit nicht sagen, dass Menschen jeglichen Genders dieses Argument vorbringen können. Mir ist es nur in letzter Zeit vermehrt aufgefallen, dass viele Cis-Frauen mit dieser Problematik auf mich zukamen. Ich will in einer Beziehung nicht das Recht auf etwas haben, unabhängig der Konsequenzen. Es geht mir ja nicht aus Prinzip darum zu gewinnen oder Recht zu behalten. Ich will gemeinsam Lösungen und Ideen finden, so verstehe ich zumindest Beziehungen. Und ein Totschlagargument ist für mich alles andere als konstruktiv oder hilfreich dabei.

Photo by Ankush Minda on Unsplash

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