POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Über psychische Gesundheit, Polyamorie und commitment.

Das Thema psychische Gesundheit ist in meinem Leben schon immer ein großes Thema gewesen. Ich war ungefähr 13 Jahre alt, als ich das erste Mal das Gefühl hatte, ein riesengroßer, schwerer Stein läge auf meiner Brust. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu kriegen, nicht schlafen zu können. Ich fühlte mich verlangsamt, so als ob mich irgendwas nach unten reißen wollen würde. Und ich konnte nichts dagegen tun, denn es gab keinen Stein und keinen anderen sichtbaren Gegenstand, der für andere wahrnehmbar war und es ersichtlich schien, wieso es mir so ging. 15 Jahre später ist es ein Sack auf meiner Brust oder ein sehr schwerer Beutel. Gefüllt mit großen und kleinen Steinen, manchmal auch beides. Ich habe erst in den letzten Jahren verstanden, dass ich schon mit 13 ähnliche Symptome hatte wie ich sie jetzt und in den vergangenen 15 Jahren, mal stärker mal schwächer, hatte.

Eine intensive Auseinandersetzung mit meiner Therapeutin und viele Bücher, Artikel, Gespräche und Austausch später, habe ich ein besseres Verhältnis für das kleine Monster in mir, das kommt und geht, wann es will, aber nichtsdestotrotz ein Teil von mir ist. Ich habe Wege und Möglichkeiten gefunden, diese Themen anzusprechen, sie präsenter in meinem Leben und so gut ich kann in meinen Vorträgen und Workshops zu machen.

Was genau will ich also mit diesem Beitrag? Wenn alles okay is, wieso schreibe ich dann wieder darüber?

Ich habe sehr häufig das Gefühl, dass ich viel über mentale Gesundheit rede und viel von dem anspreche, was mich beschäftigt, wie es mich beschäftigt, welche Fragen mich triggern, wie ich bei Panikattacken angesprochen werden möchte etc. Und dann merke ich immer wieder, dass das meiste davon sich in meinem Kopf abspielt. Gerade hatte ich wieder so eine Situation. Mein Bruder rief mich an, wir telefonierten nur sehr kurz. Meistens telefonieren wir sehr kurz, was ich schade finde, ich wünschte, wir hätten ein engeres Verhältnis. Ich merke, dass es ihm schwerfällt, an mich heranzukommen, ich wirke distanziert und einsilbig, vielleicht sogar desinteressiert. Da merkte ich, dass er nichts von mir weiß und dadurch nicht einzuschätzen weiß, dass meine Distanziertheit oder meine Stimmung in den meisten Fällen nichts mit ihm zu tun hat. Er bekommt das Gefühl, dass er etwas falsch macht, und das macht mich traurig.

Deswegen habe ich gerade den Entschluss gefasst, detaillierter darüber zu schreiben und zu reden. Häufiger die richtigen Momente abzupassen, um Informationen zu streuen, die Menschen in meinem Leben, aber vielleicht auch in eurem Leben (?) dabei unterstützen könnten, mentale Herausforderungen ein bisschen besser zu verstehen oder einzuordnen.

Ein Grund, warum ich so wenig darüber rede, ist, dass ich häufig traurige oder sorgenvolle Blicke abkriege, wenn ich darüber rede. Ich weiß, dass Menschen den Satz “Ich hoffe dir geht’s bald besser” gut meinen, er kommt manchmal von Herzen. Allerdings ist es für Menschen wie mich, die schon über die Hälfte ihres Leben gelernt haben, mit ihrer Depression zu leben, ein komischer Satz. Er suggeriert, dass es nicht okay ist, dass es mir nicht gut geht, obwohl es ein Teil von mir ist, den ich nicht abstoßen oder ignorieren möchte. Ich kriege häufig das Gefühl, dass nur die Menschen ein gutes Leben haben können, die glücklich mit sich und der Welt und allem anderen sind. 

Menschen machen sich Sorgen, weil sie mich mögen, lieben, wertschätzen als Mensch. Das verstehe ich. Das macht es allerdings nicht leichter, darüber zu reden, weil mir die Gefühle der anderen natürlich nicht egal sind und ich möchte, dass es ihnen gut geht. Und dann fange ich an, mich um sie zu kümmern, ihnen ein gutes Gefühl geben zu wollen. Ich kann selten einfach “nur” erzählen, dass ich wieder eine Panikattacke hatte, ohne dass mich jemand sorgenvoll anschaut.

Ich kann selten erzählen, dass ich in meinem Gehirn Runde um Runde drehe, Sätze wiederhole, bis ich sie tatsächlich ausspreche, weil es sich manchmal so unmöglich anfühlt, etwas “einfach” nur zu sagen. Bzw. anzusprechen, dass es mir gerade nicht gut geht und ich deswegen schweige oder niemandem in die Augen sehen kann. Manchmal sind es auch Pläne mit anderen Menschen, die sich vielleicht verschieben oder verändern und mich komplett aus dem Gleichgewicht werfen, mir ein Gefühl von Unsicherheit geben. Ich weiß manchmal nicht, wie ich das erklären soll, es erscheint zum Teil so schwierig nachvollziehbar für andere.Und ich kann selten einfach so erzählen, dass mein Gehirn sich manchmal gegen mich verschwört und es mich den wüstesten Abwertungen und Beleidigungen aussetzt, bis ich anfange zu weinen, denn ganz ehrlich…wer kann schon so vielen Beleidigungen standhalten, ohne zu weinen?

Das sind nur ein paar Beispiele, Dinge, die in meinem Kopf passieren. Und weil sie schon so lange passieren, habe ich mich daran gewöhnt, ja, ich lebe damit und die meiste Zeit geht es mir gut oder okay. Ich habe nicht gemerkt, wie sehr es hilft oder dabei helfen kann, dass Menschen manchmal verstehen, wieso ich bestimmte vermeintliche Kleinigkeiten nicht kann. Wieso ich zum Beispiel eine Zeit lang nicht in der Lage war, nach einem Job zu suchen oder überhaupt über Geld nachzudenken. Selbst der Gedanke daran hat mich so unter Druck gesetzt und einen so großen Stress bei mir hervorgerufen, dass ich einfach nur weinen konnte, um die Panik zu verarbeiten.

Es hat sich in meinen engen Beziehungen einiges verändert, seit ich angefangen habe, häufiger darüber zu reden.

Ich gebe Menschen aktiver die Möglichkeit, nicht sorgenvoll oder ängstlich zu reagieren, weil wir häufiger darüber reden und es für sie auch gewohnter wird. Es ist für sie schließlich nicht das erste Mal. Und dadurch erhalte ich ganz viel Unterstützung, mit der ich nicht gerechnet hätte. Ich kann es häufiger zulassen, vor anderen zu weinen, mich von ihnen in den Arm nehmen zu lassen und zu wissen, dass Menschen mir ihre Unterstützung und Zuwendung schenken und sich nicht von mir abwenden, weil sie mich als „zu viel“ empfinden. Ich vertraue darauf, dass es konsensuell ist, weil wir immer und immer wieder einen ehrlichen Austausch darüber haben, was persönliche Grenzen sind und ich nie erwarte, dass sich jemand immer und zu jedem Zeitpunkt in der Lage fühlt, mich zu unterstützen. 

Ich merke gerade, dass Polyamorie mir die Möglichkeit gibt ein anderes Gefühl für commitment zu entwickeln. Es erscheint mir nämlich einfacher Unterstützung zu erhalten oder danach zu fragen, wenn ich weiß, dass es nicht nur eine Person in meinem Leben gibt, der ich mich in so einem intimen und innigen Sinne anvertrauen kann. Es fällt mir leichter nach Unterstützung zu fragen, weil es mehrere Menschen gibt die ich fragen kann und diese Menschen wissen, dass sie nicht meine einzige go-to-Person sind. Ich fühle mich dadurch sicherer, weil ich das Gefühl habe, dass ehrliche Antworten, rund um Kapazitäten und Unterstützung, einfacher werden und ich weniger Angst habe jemanden zu überfordern. Ich merke gerade immer stärker, was commitment bedeutet, wenn es praktiziert wird. Und es ist ehrlich gesagt ziemlich großartig. 

Photo by Brennan Martinez on Unsplash

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2 Kommentare

  1. Dieser Beitrag spricht mir so aus der Seele. Ich kenne genau das Gefühl, wenn “das kleine Monster” wieder auftaucht. Manchmal scheinbar aus dem nichts und du kannst einfach nicht mit den Leuten drüber reden, weil sie es nicht verstehen würden. Weil man manchmal selbst nur schwer versteht, was da eigentlich gerade abgeht.
    Und ich glaube, dass das bei mir neben vielen anderen auch ein Grund ist warum ich polyamor lebe. Eben weil es einfacher ist diese “Last” auf mehrere Schultern zu verteilen.

    • Danke dafür! das spiegelt meine Innenwelt auch ziemlich genau wieder 😉 ist schön zu lesen, dass es da draußen noch viele andere Menschen gibt denen es so geht!

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