POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Kategorie: FAQ

Ein kurzer Kommentar zu der Frage nach Zeit und Zeitmanagement in Polybeziehungen.

Seit einiger Zeit stolpere ich immer wieder über Sätze wie “Poly kann man nur leben, wenn man entweder reich ist oder sehr unglücklich in seiner bereits bestehenden Beziehungen” oder “Ich hab nicht mal Zeit für eine Beziehung, wie sollen da mehrere möglich sein?”… Weiterlesen

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Absprachen revisited. Welche haben gut funktioniert und was würde ich anders machen?

Seit einiger Zeit werde ich immer mal wieder gefragt, welche Absprachen für mich gut funktioniert haben und welche nicht. Was würde ich anders machen? Was fand ich nicht  so gut? Ich will ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern und ein paar Erfahrungen von mir und von anderen Menschen, die an mich herangetragen wurden, mit euch teilen. Weiterlesen

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Beziehungen öffnen – wo fange ich an?

Ich weiß, ich weiß, nicht alle Menschen kommen irgendwann an den Punkt an dem sie etwas “zu öffnen” haben. Viele Haben schon ewig nicht-monogame Beziehungen und mussten noch nie etwas öffnen. Andere kommen vielleicht in bestehende Beziehungen dazu oder bezeichnen sich als Solo oder Single Poly. Und wiederum andere mögen den Ausdruck “offen” nicht, er suggeriert etwas zwangsläufig positives, lieber ist ihnen “nicht-monogame Beziehungen”. Weiterlesen

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Polyamorie und Outing – wieso ist das wichtig?

Zuerst erschienen bei “kleinerdrei” am 01.02.2017: http://kleinerdrei.org/2017/02/polyamorie-und-outing-wieso-ist-das-wichtig/

Vor knapp 13 Jahren, als ich angefangen hatte, meine eigene Sexualität und somit einen Teil meiner Identität zu erforschen, outete ich mich zum ersten Mal in meinem Leben vor Freundinnen als Queer (besser gesagt damals noch als lesbisch). Sich vor Menschen zu outen, die einen schon lange kennen und davon ausgehen, dass du eine unausgesprochene Heterosexualität lebst, kann unter Umständen schwierig sein. Damals waren einige irritiert, andere schienen desinteressiert und wiederum andere wollten mich eine Zeit lang nicht mehr umarmen – es kursierte die Angst, dass ich mich plötzlich in alle weiblich gesehen Menschen auf dem Planeten verlieben könnte.

Nach dem ersten Outing wurde es von Mal zu Mal einfacher und durch die zunehmende Sichtbarkeit in der Gesellschaft, stellt ein offen queeres Leben zumindest aus rechtlicher Perspektive in Deutschland mittlerweile weniger ein Hindernis da, obgleich es immer noch sehr viel Homofeindlichkeit und Abwertung von Queers in der Gesellschaft gibt. Mir hat niemand jemals die Frage gestellt „Bist du sicher, dass du lesbisch sein willst?“ und selbst wenn diese Menschen Queer-sein sogar fälschlicherweise noch als „Krankheit“ sahen, erkannten sie zumindest an, dass Sexualität keine Frage der Wahl ist. So fühlten die meisten Menschen, denen ich begegnete, ihre eigene Sexualität durch ein Coming Out von Freund*innen oder Bekannten nicht in Frage gestellt.

Bei Beziehungsformen erfuhr ich das anders. Als polyamore Person, die zwei Beziehungen gleichzeitig führt, musste ich die Erfahrung machen, dass mir mein Outing häufiger in Frage gestellt wird als mir lieb ist.

Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort polýs „viele, mehrere“ und dem lateinischen Wort amor „Liebe“ zusammen. Sexuelles Begehren spielt an dieser Stelle nicht unbedingt eine Rolle, es geht ausschließlich darum, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Das Konzept gibt es schon sehr lange, aber erst seit etwa 1960 vernetzen sich Menschen, tauschen sich über ihre Erfahrungen aus und unterstützen sich gegenseitig. Seit 1997 zum ersten Mal das Buch The Ethical Slut) rausgekommen ist, wird das Konzept Polyamorie immer bekannter – das Buch fällt vielen Menschen, die sich anfangen mit dem Thema auseinanderzusetzen, zuerst in die Hände.

NEUEN VORSTELLUNGEN PLATZ MACHEN 

Durch mein Poly-Dasein fühlen sich viele Menschen in ihrer eigenen Art und Weise Beziehungen zu führen in Frage gestellt. Von Neugierde über Ablehnung und Unverständnis bis hin zu pathetischen Plädoyers auf monogame Beziehungen ist mir schon alles begegnet. In 13 Jahren Outing ist es keine Neuheit für mich, dass Menschen mit Ablehnung oder Neugierde reagieren. Davon abgesehen bin ich eine cis-frau mit jüdischer Migrationsgeschichte, es ist also auch keine Neuheit für mich, mit Antisemitismus und/oder Sexismus konfrontiert zu sein. Was neu dazu gekommen ist, ist die Rechtfertigung. Ich musste mich noch nie dafür rechtfertigen, in wen ich mich verliebe oder mit wem ich wie eine Beziehung führen möchte.

Seit kurzem schon.

Den meisten Menschen fällt es schwer, nachzuvollziehen, wie ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann. Dabei gibt es in unserem Alltag bereits so viele lebhafte Beispiele dafür, wie das problemlos möglich ist. Am besten gefällt mir der Vergleich mit Kindern. Wenn ihr euch vorstellt ein Kind zu haben und später ein zweites oder drittes, liebt ihr letztere weniger, weil sie später auf die Welt gekommen sind? There you go Und wie steht es mit Freund*innen? Viele von uns kennen sicherlich das Gefühl, dass es mehrere Menschen in unserem Leben gibt, die uns wichtig sind und die wir gleichzeitig lieben. Wieso fällt es uns dann so schwer, andere Formen von Beziehungen als nicht-exklusiv zu verstehen?

Es hat lange gedauert, bis ich selbst von bestimmten Vorstellungen, wie Beziehungen sein müssen oder wie sich Menschen in Beziehungen zueinander verhalten müssen, losgelassen habe. Ich habe lange gebraucht, um mich selbst zu überzeugen, dass es vollkommen in Ordnung und nicht falsch ist, dass ich mich zu so vielen unterschiedlichen Menschen hingezogen fühlen kann, unabhängig davon, in welchen Beziehungen ich mich befinde. Lange habe ich mich dafür geschämt und das Problem in meiner damaligen Beziehung gesucht, bis meine Partnerin den ersten Schritt gewagt und mir von ihren Sehnsüchten nach anderen Menschen erzählt hat. Das hat mich ganz schön getroffen. Schließlich war ich diejenige, die versucht hat, all diese Gedanken und Bedürfnisse, mit der größten Hartnäckigkeit zu verdrängen und zu überwinden. Ich habe auch viel getrauert und trauere manchmal immer noch um Fantasien und Vorstellungen, die neuen Fantasien und Vorstellungen Platz machen musste. Ich musste mich von einigen Gedanken trennen, weil ich sie nicht mehr wollte.

Es ist schwer, 26 Jahre Sozialisation zu überwinden.

Während ich die meiste Zeit meines Lebens damit konfrontiert war, dass Eifersucht ein Zeichen von Zuneigung, Zuneigung zu Menschen außerhalb von einer romantischen Zweierbeziehung Betrug, und die Suche nach der einen Seelenverwandtschaft das größte Ziel im Leben ist, bin ich jetzt damit beschäftigt all diese Gedanken loszulassen und loszuwerden.  Mir hat es geholfen role models zu finden und von funktionierenden Polybeziehungen zu lesen und zu hören. Der Blog morethantwo.com war einer der ersten über die ich gestolpert bin und vieles davon hat mich nachhaltig beeinflusst. Das Buch “Love In Abundance: A Counselor’s Advice On Open Relationships” von Kathy Labriola kann ich auch nur sehr empfehlen und besonders die Seite lifeontheswingset.com. Ich bemühe mich zwar stets um die Suche nach deutschsprachigen Seiten, aber leider gibts es immer noch sehr viel mehr englischsprachiges Material.

“DAS KÖNNTE ICH JA NICHT”

Ich denke, dass an geschlossenen Zweierbeziehungen nichts verkehrt ist. Mein Eindruck ist nur, dass wenn es um Begierde und Sehnsüchtige, im Bezug auf alle anderen Menschen außerhalb einer Zweierbeziehung geht, Ehrlichkeit nicht besonders geschätzt wird. Ehrlichkeit kann weh tun und sie kann besonders hart sein, wenn man weiß, dass die andere(n) Person(en) sich schwer damit tun werden, aber sie ist auch der Grundpfeiler jeglicher Beziehungen. Geschlossene Beziehungen können genau so gut sein, wie polyamore Beziehungen, es geht nicht um das Konzept. Vielmehr geht es um die Menschen, die das Konzept ausfüllen und die Beziehungen gestalten, die sie leben wollen. Jetzt möchte ich zwei Beziehungen, mit zwei wundervollen Menschen führen, aber ich kann nicht mit Gewissheit sagen, dass ich für den Rest meines Lebens genau das möchte. Mein Bedürfnisse stehen in einem ständigen Prozess der Veränderung und solange ich die Offenheit spüre, diese zu äußern, ist es mir vollkommen egal, um welche Form von Beziehung es sich handelt.

Jedes Mal wenn ich mich als Poly oute, outete sich mit mir der Prozess der Veränderungen, den ich durchlaufe. Ich bin leider keine Expertin was geöffnete Beziehungen angeht, und doch werde ich häufig als Vertreterin eines ganzen Konzepts gesehen, dabei bin ich selbst noch dabei mich zu finden. Es gab wenig bis keine Vorbilder in meinem Umfeld, wenn es darum ging, funktionierende polyamore Beziehungen zu finden, die mir von ihren Erfahrungen berichten konnten. Sich selbst zu erfinden und alles neu zu definieren war deswegen der schwerste Teil. Wenn ich Menschen von meiner Konstellation erzähle, liegt der Fokus des Gesprächs meistens auf deren Neugierde und Befangenheit, meistens eingeleitet mit dem Satz „Das könnte ich ja nicht“.

Es ist fast ein bisschen so, als ob mir jemand einen Spiegel vorhalten würde und ich meinen eigenen Prozess der Veränderung, erneut von vorne bis hinten durchspielen würde. Ich rede gerne mit Menschen darüber, was es bedeutet, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen und ich bin gerne da, um mit ihnen gemeinsam ihre Vorstellungen von Beziehungen unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu hinterfragen, was davon sie wirklich gut finden. Gleichzeitig fühle ich mich unter Druck gesetzt, dass ich zum Vorzeigebild einer funktionierenden polyamoren Beziehung auserkoren werde.

VIELE PROBLEME UND KONFLIKTE SIND DIE GLEICHEN
WIE IN MONOGAMEN BEZIEHUNGEN 

Wenn ich also als Individuum in meinen Beziehungen „scheitere“, dann scheitert mit mir ein Stück weit die Vorbildfunktion und ein positiv besetztes Bild von Polyamorie. Das gesamte Konzept wird an eine einzige Beziehung geknüpft und wenn die Beziehung zu Ende geht, dann geht mit ihr auch die Polyamorie, weil es keinen anderen Grund geben kann, dass eine Beziehung zu Ende geht. Alle negativen Entwicklungen werden mit dem Beziehungskonzept in Verbindung gebracht und nicht mit den Individuen, die dahinter stehen. Das ist problematisch.

Klar, es kann Dinge geben, die in Polybeziehungen besonders ausgeprägt sind, wie etwa das ehrliche Kommunizieren von Bedürfnissen, weil Begierden offen gelegt sind, nicht verheimlicht werden müssen und nicht als Betrug oder Verrat abgestempelt werden. Aber viele Probleme und Konflikte sind genau die gleichen, die Menschen in monogamen Beziehungen durchleben. Da geht es genauso um Ehrlichkeit, Zeit füreinander haben, Eifersucht und unterschiedliche Bedürfnisse. Beispielsweise bin ich ein Mensch, der selten alleine schlafen möchte. Meine Beziehungspersonen hingegen brauchen häufiger Zeit für sich und Zeit alleine in ihrem Bett.

Ob Beziehungen zwischen Menschen halten oder nicht, hängt von den Menschen ab, die die Beziehungen ausfüllen, nicht von der Beziehungsform.

Gerade deswegen ist ein Outing als polyamore Person auch so wichtig: Menschen fühlen sich schnell von meiner Art und Weise Beziehungen zu führen angegriffen, weil sie häufig glauben, dass mein Outing eine Art Manifest oder Kritik an monogamen Beziehungen ist. Dabei ist es mir vollkommen egal, was Menschen für Beziehungen führen, solange sie zufrieden und ehrlich zu sich selbst sind. Durch das Gefühl sich angegriffen zu fühlen wird so ein Nachdenken angeregt, weil es offensichtlich ein Thema ist, dass Menschen auf irgendeine Art beschäftigt. Es kann dazu beitragen, dass eigene Bedürfnisse ehrlich und kritisch hinterfragt werden und offene Beziehungen kein Tabu Thema in Beziehungen mehr sind. Letztlich glaube ich, dass jedes Outing wichtig ist, weil es die unhinterfragte Norm von Zweierbeziehungen in Wanken bringt und so eine größere Sichtbarkeit für Liebes- und Beziehungsformen aller Form herstellt.

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“Both reactions made me feel like a strange museum piece or an exotic animal at the zoo”

Ich wurde in der letzten Woche viel darauf angesprochen, ob es sich seltsam anfühlt so viele intime Geschichten, Ereignisse, Gefühle und Erlebnisse mit (vermutlich vielen) mir fremden Menschen zu teilen. Ja, ist es. Ziemlich sehr sogar. Ich weiß nicht, ob ich hier für mich alleine schreibe, irgendwem damit helfe oder die meisten Menschen eher abschrecke sich über Monogamie hinaus mit Beziehungen auseinanderzusetzen.

Deswegen passt dieser wundervolle Artikel “How I figured out the rules of my three-way relationship” von Jeff Leavell auf vice.com, den ich vorhin entdeckt habe gerade so gut.

Der Punkt ist nämlich, dass ich regelmäßig die Erfahrung mache, durch meine Beziehung als besonders interessant und exotisch zu gelten. Nicht nur da. Menschen scheinen das unnachgiebige Bedürfnis zu haben, sich mit mir sofort über meine Haltung zu Israel unterhalten zu wollen, ihre Position zu den Ereignissen in der Ukraine mit mir zu teilen oder ungefragt den Kommentar “das könnte ich ja nicht” einzustreuen, wenn ich nebenbei erwähne, dass ich zwei Beziehungen führe. In dem einen Punkt scheinen sich all die unterschiedlichen Facetten meiner Identität zu begegnen: Sie weichen in irgend einer Form von der Norm ab. Ob ich nicht hier geboren bin, eine andere kulturelle Religionszugehörigkeit habe als die meisten Menschen in Deutschland oder schlichtweg keine monogame Heterobeziehung führe. Alles was von dem abweicht, was Menschen gewohnt sind zu empfinden oder um sich herum zu sehen, scheint Anlass genug sein, um Menschen wie Jeff und mich als Anschauungsobjekte im Zoo oder im Museum zu benutzen.

Nun kommt dieser Blog ins Spiel. Wenn ich sowieso immer und immer wieder aufs neue als ein Anschauungsobjekt gesehen werde, dann will ich zumindest selbstbestimmt darüber reden und schreiben können. Ja, ich werde hier viele persönliche Erfahrungen aus meinem Leben teilen und damit hoffentlich dazu beitragen, dass Menschen anderen Menschen (mich inklusive) weniger als aufregendes, spannendes Obst betrachten. Davon abgesehen hat es mir in beinahe allen Artikeln, Blogs und Beiträgen häufig an einer queeren Perspektive auf Polybeziehungen gefehlt. Und anstatt mich immer wieder nicht zu 100% mit der Perspektive identifizieren zu können, hab ich beschlossen selbst darüber zu schreiben.

 

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FAQ Polybeziehungen

Stellt euch vor, Person 1 und Person 2 laufen sich zufällig auf der Straße über den Weg und folgendes Gespräch kommt zustande:

Person 1 : Oh, hallo, schön dich zu sehen, was machst du heute so?

Person 2: Ich geh mit meinen Partner*innen ein Eis essen und du?

Person 1: Ach, spannend. Sag mal, schlaft ihr dann eigentlich auch alle 
          miteinander?

Innerhalb weniger Sekunden ist das Gespräch von belanglos zu intim und von smalltalk zu Sexleben gerutscht. Menschen in Polybeziehungen machen häufig genau diese Art von Erfahrung, immer und immer wieder aufs neue. Beim Eis essen, spazieren gehen, in der Sauna, beim Bier trinken in einer großen Runde von Menschen oder auf einer Party zwischen Musikanlage und Tür. Plötzlich und unverhofft ploppen sie auf. Neugierige Fragen. Dabei fragt niemand danach, ob die Frage gerade angebracht ist oder die andere Person überhaupt darüber reden möchte.

Dabei sind Fragen so wichtig. Sie können neue Impulse setzen, dabei helfen sich weiter zu entwickeln oder Veränderungen anstoßen. Deswegen mein Appell: Fragt bewusst! Häufig wird beim fragen nämlich vergessen, dass es wichtig ist, wem die Frage gestellt wird und wie sie formuliert ist.

Um Antworten auf Fragen zu bekommen muss nicht immer die erste Begegnung mit einer Person die “live” berichten kann ergriffen werden. Und vorallem ist es wichtig sich zu fragen, was man mit der Frage eigentlich herausfinden will. Möchte ich Tipps oder Hinweise erhalten? Will ich die Person besser kennenlernen? Oder ist es pure Neugierde? Für letzteres habe ich eine Liste von Fragen erstellt, die die meisten frequently asked questions abdeckt, ohne Menschen vermutlich zum 128-igsten Mal die gleiche Frage zu stellen und euch außerdem die Möglichkeit bietet, einen ersten Eindruck über Polybeziehungen zu erhalten. Gleichzeitig findet ihr Tipps wie manche Fragen besser gestellt werden können, ohne unerwartet intimes Terrain zu betreten und möglicherweise ein Gespräch zu führen, was über reine Neugierde hinaus geht.

Denn die Devise lautet: Nur weil jemand mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führt, ist das noch lange kein “all you can ask” Freifahrtschein für deren Privatleben.

Bist du nicht eifersüchtig?

Ähnlich wie danach zu fragen, ob Menschen zu irgend einem Zeitpunkt sterben, denn das tun sie gewiss, ist diese Art von Frage überflüssig. Natürlich sind alle Menschen zu irgend einem Zeitpunkt eifersüchtig. Monobeziehungen sind kein magisches Schutzschild vor dem Gefühl von Eifersucht und ich kenne keinen Menschen, der von sich behaupten kann, dass er noch nie eifersüchtig war, selbst wenn er in einer Polybeziehung ist. Eifersucht ist sogar wichtig. Warum? Weil sie die Spitze des Eisbergs ist. Sie ist der Moment in dem einem klar wird, dass tief in einem verborgene Ängste, Unsicherheiten, Zweifel etc. liegen. Eifersucht deutet in all ihrer Komplexität auf etwas hin und bietet einem so meistens zum aller ersten Mal die Gelegenheit sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Anders gefragt: Darf ich dich fragen, wie du mit Eifersucht umgehst? Hast du Strategien/Hinweise, die du mir empfehlen kannst?

Kennen sich deine Partner*innen?

Ähnlich wie bei der Frage davor, geht es meistens nicht einfach nur darum heraus zu finden, ob sich die einzelnen Menschen untereinander kennen, sondern auch, ob man ein Gefühl von Konkurrenz empfindet, sich miteinander vergleicht oder alles in allem die andere Beziehung geheim und verborgen hält. Ganz nach dem Motto: Don’t ask, don’t tell. Ganz so funktioniert das leider nicht. Ehrlichkeit und Vertrauen sind hier genau so wichtig wie in jeder anderen Beziehung auch. Das mysteriöse Misstrauen gegenüber der unbekannten Person verflüchtigt sich auch aus Erfahrung genau dann, wenn es de-mystifiziert wird und man einander kennenlernt. Es ist schön zu merken, dass die andere Person in der Regel nicht vor hat meine Rolle zu ersetzen, mich zu verdrängen oder platt gesagt, mir nichts böses will. Im Gegenteil, es kann sogar sehr schön sein zu merken, dass ich meine Begeisterung für meine Partner*innen mit einer anderen Person teilen kann. In dem Sinne: Meine Partner*innen wissen voneinander, sie mögen sich sogar sehr gerne und wir machen regelmäßig Poly Familien Treffen/Ausflüge.

Anders gefragt: War es für dich schwer die Partner*innen deiner Beziehung kennenzulernen? Teilt ihr viel aus der jeweils anderen Beziehung miteinander?

Kriegst du das zeitlich überhaupt hin?

Diese Frage lässt sich schnell beantwortet: Natürlich kriege ich das zeitlich hin, sonst könnte ich keine zwei Beziehungen gleichzeitig führen. In meiner Wahrnehmung geht es bei dieser Frage häufig um “genug” Zeit. Wie kannst du genug Zeit für alles haben, wenn du mehrere Beziehungen gleichzeitig führst? Dabei schwebt in erster Linie die Angst im Raum, dass bei mehreren Partner*innen automatisch die quality time mit einer von diesen Personen zu kurz kommt. Mehrere Beziehungen müssen nicht automatisch bedeuten, dass ich mich immer zwischen zwei oder mehr Personen entscheiden muss und immer vor einer Auswahlsituation stehe. Ich finde es macht Situationen erheblich einfacher, wenn sich alle miteinander verstehen und manche Aktivitäten gemeinsam als Poly Familie stattfinden können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass die einzelnen Beziehungen nicht zu kurz kommen und hin und wieder Dates ausgemacht werden, um Zeit zu zweit verbringen zu können. Letzen Endes ist es wichtig zwei Dinge nicht zu vergessen. Erstens haben Menschen auch andere Dinge in ihrem Leben die ihnen wichtig sind, wie Freund*innen, ihr WG-Leben, Sport, Zeit für sich, etc. Und diese Dinge kosten auch Zeit. Selbst wenn ich eine geschlossene Monobeziehung führen würde, würde es nicht bedeuten, dass ich mehr Zeit für meine Beziehung hätte, als ich sie jetzt habe. Zweitens musste ich lernen, dass Flexibilität ungemein wichtig ist und mehr zeitliche Freiräume schafft als gedacht.

Anders gefragt: Wie kriegst du es hin deine Zeit gut zu managen? Hast du bestimmte Strategien? Fällt es dir zeitlich schwerer mit mehreren Beziehungen  alles unter einen Hut zu kriegen?

Schlaft ihr alle miteinander?

Davon abgesehen, dass nicht jeder Mensch gerne und viel und zu jedem Zeitpunkt über sein Sexleben spricht, liegt dieser Frage ein grundsätzliches Missverständnis von dem Wort Polyamorie zu Grunde. Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort polýs “viele, mehrere” und dem lateinischen Wort amor “Liebe” zusammen. Sexuelles Begehren spielt an dieser Stelle noch keine Rolle, es geht ausschließlich darum mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Wie einzelne Menschen ihre Polybeziehungen gestalten, ob sie körperliches Interesse aneinander haben oder gar keins, ob sie alle gleichzeitig miteinander schlafen oder sich nur zum kuscheln treffen, ob sie ausschließlich mit einer Person Sex haben oder regelmäßig mit vielen die nichts mit den Liebesbeziehungen zu tun haben, kann eine komplizierte Frage sein. Jedoch hat sie in erster Linie nichts damit zu tun, dass Menschen Polybeziehungen führen. Polybeziehungen können genau so offen oder geschlossen sein, wie alle anderen Beziehungen auch. Sie implizieren nämlich zu keinem Zeitpunkt, eine größere Bereitschaft wilde Sex Orgien mit Menschen zu veranstalten die einem nahe stehen.

Also hast du wohl andauernd Sex mit vielen unterschiedlichen Menschen?

siehe Frage davor

Gibt es eine Hierarchie zwischen den Beziehungen?

Es gibt viele Beziehungen, die Wert darauf legen ihre Beziehungen nach “primär (primary)” und “sekundär (sekundary)” zu unterscheiden. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Manchen fällt es so einfacher ihre Zeit und Ressourcen zu managen, andere teilen vielleicht die Verantwortung für Kinder mit ihrer primären Beziehung und wieder andere wollen, dass ihre Beziehung durch die Bezeichnung “primär” etwas besonderes bleibt.

Die Unterscheidung kann sinnvoll sein, wenn sie sich von alleine so ergibt und fügt. Wenn sich die Beziehung also als sekundäre etabliert, ohne, dass ich von Anfang an versucht habe eine Beziehung in ihrer Entstehungsphase in eine fertige Vorstellung von sekundär und primär zu stecken. Die Gefahr liegt für mich allerdings darin, dass primary und secondary von sich aus implizieren, dass etwas an erster Stelle kommt und etwas an zweiter. Das kann zur Folge haben, dass sich Menschen als weniger gleichwertig fühlen und nicht nur eine Hierarchie im Sinne von Zeit und Ressourcenmanagement stattfindet, sondern auch eine Hierarchisierung von Menschen und deren Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen. Ich bevorzuge es Beziehungen individuell zu gestalten, ohne dabei Begriffe wie primary und secondary zu benutzen. Beziehungen sind von Grund auf unterschiedlich und lassen sich in meinen Augen nicht miteinander vergleichen oder gegeneinander Abwegen. Nur, weil ich eine Beziehung seit 5 Jahren führe und eine andere seit einem Jahr, bedeutet das nicht “wer zuerst kommt, malt zuerst”. Die beiden wichtigsten Pfeiler sind an dieser Stelle wohl Transparenz und Ehrlichkeit. Insbesondere ist es wichtig sich folgende Fragen zu stellen: Welche Wünsche und Erwartungen stehen für die andere Person hinter dem Konzept secondary partner? Wie viele meiner Bedürfnisse können und werden in so einer Form von Beziehung erfüllt werden? Besteht die Möglichkeit, dass ich jemals ein primary partner werden kann (wenn ich das möchte)?

Mit wem fährst du in den Urlaub?

Ich fahre zum Beispiel sehr gerne mit meinen Partner*innen jeweils alleine in den Urlaub, weil ich es genieße mich auf eine Person konzentrieren zu können. Gleichzeitig ist es auch wichtig für uns alle, wenn wir von Zeit zu Zeit gemeinsam wegfahren. Das Gefühl dabei ist ein komplett anderes und die Intention dahinter auch, aber das macht es nicht weniger schön.

Das besondere am Urlaub ist wohl, dass eine Situation geschaffen wird, in der man unter Umständen längere Zeit, ausschließlich mit einer Person verbringen. Man schafft einen über den Alltag hinaus gehenden Moment der Zweisamkeit und somit entsteht eine kurze Monogamieblase, die sonst nicht vorhanden ist. Urlaub kann dementsprechend ein schwieriges Thema sein und unterschiedliche Konflikte und Schwierigkeiten mit sich bringen. Für mich waren bislang die Urlaubsziele schwierig, die ich auch mit der jeweils anderen Person besuchen wollte, aber keine Zeit oder kein Geld hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Gefühl von Neid kann dabei ziemlich unangenehm sein.

Redet ihr über/Habt ihr Safer Sex?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass innerhalb von queeren Szenen allgemein sehr wenig und sehr selten über Safer Sex geredet wird. Dabei ist es besonders in queeren Polybeziehungen umso wichtiger darüber zu reden, weil man potenziell die Verantwortung für mehr als eine weitere Person trägt. Wenn ich mit meiner Partnerin schlafe und ihr eine Infektion übertrage und sie wiederum mit ihrer Partnerin Sex hat und ihre Partnerin einen One-Night-Stand mit einer Partybekanntschaft hat, dann bin nicht nur ich von der Infektion betroffen, sondern mindestens 3 weitere Personen.

Polybeziehungen implizieren nicht automatisch einen vernünftigeren Umgang mit Safer Sex, aber sie implizieren eine Verantwortung, die in der Regel über eine zweite Person hinaus gehen kann. Und diese Verantwortung sollte nicht unterschätzt oder ignoriert werden.

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