POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

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Was tun, wenn Absprachen nicht eingehalten werden?

Auf einer Lesung von „more than two“ in Berlin kam die Frage plötzlich auf und mir ist aufgefallen, dass ich dazu noch nie etwas geschrieben habe. Dabei habe ich schon einige Erfahrungen damit gemacht. Misstrauen ist dabei ein großes Thema, vielleicht kennt ihr das selbst gut? Bald dazu ein eigener Beitrag. Weiterlesen

Auf der Suche nach meiner eigenen Exklusivität.

Unerwarteterweise hat mich das Sommerloch härter erwischt als ich hätte ahnen können. Fast 2 Monate hab ich jetzt nichts mehr auf meinem Blog veröffentlich, dabei ist so viel passiert! Die Babypläne schreiten in großen Schritten voran, erste Um- und Einzugspläne sind in der Verwirklichungsphase, ich werde bald meine ersten “Beziehungen öffnen – wo fange ich an?” Workshops geben und kommenden Donnerstag führt der Blog Sextapes-podcast ein Interview mit mir. Super aufregend das alles und ich will euch in nächster Zeit mehr davon berichten.

Eins nach dem andern.

Heute geht es in meinem Beitrag um das Thema Exklusivität. In der Vorbereitung auf den offenen Beziehungsworkshop, hab ich intensiv meine ersten Jahre und Erfahrungen mit nicht-monogamen Beziehungen Revue passieren lassen. Dabei bin ich häufiger bei dem Thema Exklusivität hängen geblieben, weil ich mich daran erinnert habe, dass es besonders hart für mich war den Bereich der sexuellen Exklusivität zu verlieren (damals ging es ausschließlich darum mit anderen Menschen sexuelle Begegnungen zu haben, von Gefühlen war noch nicht die Rede ;)). Mein erstes Gefühl damals war “wenn meine Beziehungsperson Sex mit anderen haben will, dann stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht“. Ich war zunächst sehr skeptisch und verletzt und traurig, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir selbst noch nicht eingestanden, dass ich selbst super neugierig war und mich nur nicht getraut hatte den gleichen Schritt zu wagen wie meine Beziehungsperson: das Thema offene Beziehung anzusprechen.

Ich empfand es als eine große Herausforderung dieses Verständnis von Exklusivität gewissermaßen aufzulockern, denn über all dem stand für mich die Frage: Kann es nur eine Exklusivität geben?

Für mich war es total wichtig meine Beziehung(en) genau unter die Lupe zu nehmen und für mich persönlich zu definieren, was ich daran als exklusiv verstehen möchte und welche Exklusivität ich bereit bin gewissermaßen “aufzugeben”. Dabei hab ich bemerkt, dass ich total viel Sicherheit über geteilte Erinnerungen und gemeinsam erlebte Lebenszeit erfahre. Das ist für mich etwas sehr exklusives und dieses Gefühl erfahre ich in der Intensität nur mit meinen Beziehungspersonen. Deswegen wollte ich zum Beispiel auch noch nie eine “Don’t ask, don’t tell” Beziehung haben, weil ich dann das Gefühl hätte, einen wichtigen Teil in dem Leben meiner Beziehungspersonen nicht mitzubekommen und gleichzeitig nicht mit ihnen teilen zu können.

Exklusiv kann für mich auch Intimität sein. Das muss nicht unbedingt sexuelle Intimität sein, denn Intimität umschließt so viel mehr als das. Intim kann für mich eine Umarmung sein, wenn es mir besonders schlecht geht und ich mich dagegen sträube es mir selbst einzugestehen. Mich zu umarmen und dabei zu unterstützen meine Gefühle zuzulassen kann etwas ganz spezielles und unter Umständen auch etwas sehr exklusives sein. Diese Art von Exklusivität verspüre ich in mancher Hinsicht auch mit Freund*innenschaften. Ich mache da keine Hierarchie auf, Exklusivität sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, welche Bedeutung der jeweilige Mensch für mich hat. Ich denke, dass der Dreh- und Angelpunkt darin besteht, dass Exklusivität Beständigkeit vermittelt, diese wiederum schafft Geborgenheit und die wiederum gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für mich, um mich auf Menschen einlassen zu können. Ich will darauf vertrauen können, dass Menschen auf die ich mich einlasse nicht von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwinden. Ich will darauf vertrauen können, dass ich ihnen als Mensch wichtig bin, weil sie mich als Menschen schätzen (und lieben) – ganz unabhängig von unserer Beziehungsform.

Und das ist für mich die wichtigste Exklusivität.

Ganz nach dem Prinzip „trial and error“ hab ich mich selbst ins kalte Wasser der nicht-Monogamie geworfen. Niemand konnte mir damals sagen, ob sich meine Angst, dass meine Beziehungsperson eine „bessere, spannendere, tollere…“ Person findet und mich in der Konsequenz verlässt, bestätigen wird oder nicht. Heute würde ich sagen, dass sich meine Angst hätte nur bestätigen können, wenn eine/beide von uns damals gar nicht an einer offenen Beziehung interessiert gewesen wären und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hätten, um unsere Beziehung zu retten. Das konnte ich damals noch nicht wissen, ich hatte noch nicht das wohltuende Gefühl der Erfahrung. Worauf ich mich allerdings verlassen konnte, dass war unsere zwischenmenschliche Bindung. Ich wusste, dass egal was passiert, mir niemand diese intensive und durchaus auch exklusive Bindung nehmen kann.

Die Erfahrung machte einiges leichter. Indem ich gemerkt habe, dass meine Beziehungsperson mich nicht weniger liebt oder ein weniger wichtiger Mensch in meinem Leben sein will, konnte ich mich in vielerlei Hinsicht zunehmend für offene Beziehungen begeistern. Ich denke, dass Beziehungen so viel mehr ausmacht als bloß der Sex, allein schon, weil manche Menschen gar keinen Sex haben wollen oder irgendwann aufhören Sex zu haben im Laufe ihrer Beziehung. Beziehungen auf Sex zu beschränken würde sie meiner Meinung nach sehr eindimensional erscheinen lassen, weil Beziehungen sich auf unsere Sexualität reduzieren würden. Dabei ist jede Beziehung auf ihre Art und Weise exklusiv und besonders, auch über den Sex hinaus.

Konfliktstrategien zum ausprobieren

Mir ist vorhin aufgefallen, dass ich schon richtig lange nichts mehr zu Kommunikation geschrieben habe. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich mein Vorhaben den Blog auf Englisch und Deutsch zu gestalten schon zu lange vor mir her schieben. Und weil ich entschieden habe, dass heute ein “ich mache das endlich” Tag ist, kommt hier mein erster Beitrag auf Englisch und Deutsch. Tada! 

Reden ist nicht gleich reden

Ich glaube, dass es in erster Linie wichtig ist Kommunikation weitläufiger als reden zu verstehen. Wenn reden das einzige Mittel der Wahl ist, ist die Palette der Möglichkeiten begrenzt. Irgendwann gelangen viele an ihre Grenzen. Wie geht es dann weiter? Wie kann Kommunikation in Konflikten noch aussehen?  Schreiben, schreiben, schreiben…Ich finde, dass es in Konflikten fast nichts besseres geben kann als zu schreiben. Dabei unterscheide ich zwischen zwei unterschiedlichen Formen:

  1. Schreiben für mich
  2. Schreiben für andere

Klingt banal, aber der Unterschied ist total wichtig. Wenn ich für mich schreibe, dann häufig in dem Bewusstsein, dass niemand jemals diese Sätze lesen wird. Manchmal mache ich das, wenn ich extrem wütend bin und all meiner Wut Raum geben will. Ich verletzte niemanden und gleichzeitig schaffe ich es meine Wut ernst zu nehmen und nicht in mich hinein zu schlucken. Im Gegensatz dazu überlege ich mir häufig mehrmals, was ich schreibe, wenn ich anderen Menschen einen Brief oder einen Text schreibe. Das Nachdenken und formulieren meiner Gedanken und Gefühle hilft mir zum einen zu verstehen, was ich eigentlich ausdrücken will, zum anderen hilft es anderen sich auf mich einzulassen, ohne, dass ich vor ihnen sitze, sie anstarre und möglicherweise mit einer Gesprächspause unter Druck setze. Schreiben entschleunigt. Es gibt einem außerdem die Möglichkeit, dass etwas offen gelegtes keiner Antwort bedarf. Manchmal ist das schwerer, wenn jemand vor einem sitzt und ein besorgtes oder irritiertes Gesicht macht. Die Stille auszuhalten kann schwierig sein – für alle beteiligten. Zum Teil kann es auch helfen ein gemeinsames Büchlein zu führen, indem man anderen Menschen kleine Briefchen hinterlassen kann. Zusätzlich kann man die einzelnen Texte mit Symbolen markieren, die beispielsweise bedeuten “Bitte nur lesen und zur Kenntnis nehmen” oder “Bitte lesen und im Buch antworten” oder aber “bitte lesen und ein Treffen zum reden ausmachen”. Über die Form des Schreiben zu kommunizieren, kann natürlich auch nach hinten los gehen. Alles kann falsch verstanden werden und Wörter anders interpretiert als gedacht. Deswegen an dieser Stelle noch einmal ein Verweis auf meinen Artikel zum Thema Definitionen.

Metakommunikation

Das bringt mich unweigerlich zu dem Punkt von Metakommunikation. Was bedeutet das? Ich bin der Meinung, dass die meisten Konflikte dadurch entstehen, dass Menschen unterschiedliche Ziele haben, wenn sie sich einander mitteilen. Vor ein paar Tagen war ich plötzlich total genervt, als mir jemand in einem Gespräch angefangen hat Ratschläge zu geben. Erst dann hab ich realisiert, dass ich eigentlich nur von einer Situation erzählen wollen und gar keine Meinung dazu hören wollte. Am Anfang eines Gesprächs klar zu stellen, was das Ziel meiner Kommunikation ist kann einem Konflikt zuvor kommen. Die gleiche Strategie ist aber auch ziemlich hilfreich, wenn man sich bereits in einem Konflikt befindet. Wo wollen wir gemeinsam hin? Woran wollen wir arbeiten? Soll es heute um unsere Gefühle zu dem Konflikt gehen oder reden wir über Lösungsideen? Gefühlen Raum zu lassen kann super wichtig sein, vorallem, wenn nur mir klar ist, wie ich mich in der vergangen und der jetzigen Situation fühle. Es kann aber auch hilfreich sein Gespräche über Gefühle und Gespräche über Lösungsideen zu trennen. So lässt man sich genügend Raum für beides.

Unterschiedliche Beziehungsstadien bedeuten unterschiedliche Kommunikation

Wenn Beziehungen sich verändern, dann mit ihnen meistens auch die Kommunikation. Klingt auf den ersten Blick ziemlich logisch, aber in der Realität erhält dieser Punkt wenig Anerkennung. Die wundervolle Kathy Labriola hat vor einiger Zeit in einem Vortrag über die verschiedenen Stadien der Kommunikation gesprochen. Dort unterschied sie zwischen 4 Stadien:

1. honey moon/New Relationship Energy (Flitterwochen/Neue Beziehungsenergie)

Kommunikation ist hier sehr einfach, denn am Anfang ist so viel Aufregung, Verliebtheit und Neugierde im Spiel, dass man in allen Punkten auf der gleichen Wellenlänge zu sein scheint.

2. rude awakening (hartes Erwachen)

Hier führt man erste Diskussionen und Aushandlungsprozesse, die Beziehung scheint nicht mehr magisch zu funktionieren. Beziehungsarbeit wird hier zum ersten Mal Thema und die ersten ernsthaften Diskussionen kommen auf.

3. grow up or break up (werd erwachsen oder trenn dich)

In diesem Stadium beschreibt Kathy Labriola, dass es manchmal gut sein kann sich zu trennen, weil Menschen vielleicht ganz unterschiedliche Vorstellungen von Beziehungen haben. In ihrem Vortrag spricht sie außerdem davon, dass es schön sein kann eine aufregende Liebesaffäre zu haben, aber zu einem Team im Leben zu werden schöner ist. (die Aussage finde ich im übrigen ein bisschen schwierig…denn nicht für alle Menschen ist es schöner eine langfristige und verbindliche Beziehung zu führen). Verliebtsein hält in der Regel nicht für immer an, deswegen wird früher oder später jede Beziehung vor die Entscheidung gestellt, in welche Richtung sie sich begeben will.

4. living in love (in Liebe leben)

Zu diesem Zeitpunkt habt ihr schon einige grundlegende Konflikte miteinander bestritten und an Zuversicht gewonnen, dass ihr Lösungen findet oder die Konflikte bislang klein genug waren, dass ihr damit umgehen konntet. Kathy Labriola beschreibt hier ein Stadium in dem ihrer Meinung nach viele Menschen entweder beschlossen haben zusammen zu leben oder viele Aspekte ihres Lebens miteinander teilen. Man muss über viele Kleinigkeiten reden und sich häufig absprechen. An dieser Stelle beschreibt sie auch, dass viele Beziehungspersonen denken, dass sie ihre Beziehungen so gut kennen, dass sie manchmal vergessen einander zuzuhören und Dinge für selbstverständlich nehmen. Hier treten wiederum andere Konflikte auf.

Ich denke, dass die 4 Stadien unterschiedlich schnell von Menschen durchlebt werden können. Manche würde vielleicht nach ein paar Wochen in das zweite Stadium übergehen, wohingegen andere ein ganzes Jahr in dem Gefühl der Leichtigkeit und Verliebtheit verbringen könnten. Deswegen finde ich es wichtig, dass offen kommuniziert werden kann, wo sich die einzelnen Menschen befinden und welche Art der Konflikte gerade und insbesondere wegen des Beziehungsstadiums auftreten. Seit bereit für die ein oder andere Überraschung, wenn ihr eure Beziehungperson(en) nach ihrer derzeitig wahrgenommenen Phase befragt ;).

Review von der ersten polyromantischen Comedyserie “You, Me, Her”.

—–Spoiler Alarm—

Vor ein paar Wochen bin ich über die Serie “You, Me, Her” gestolpert, wo ein verheiratetes hetero Paar eine Art Dreierbeziehung beginnt, nachdem erst der Mann (heimlich) und dann seine Frau (aus Interesse und Eifersucht, als es raus kommt) sich mit einer Escort trifft und beide sich in sie verknallen. Sie wird als die erste “polyromantische Comedyserie” angekündigt. Weiterlesen

Wie offen muss meine offene Beziehung sein? Ein Kommentar zum Monopoly Phänomen.

Ich führe zwei Beziehungen. Für mich sind sie die verbindlichsten und intimsten Bindungen in meinem Leben. Manchmal, da vergesse ich, dass es nicht so selbstverständlich normal ist, wie es sich anfühlt. Immer wieder sind Menschen überrascht, dass ich nicht wilde Orgien veranstalte, jede Woche wechselnde Sexualpartner*innen habe oder von einer Kurzzeitbeziehung in die nächste hüpfe. Weiterlesen

8 Tipps für den Umgang mit Eifersucht

————- Weil ich finde, dass es fast nur schlimme Fotos zum Thema Eifersucht gibt, kriegt ihr lieber ein hübsches Foto aus meinem derzeitigen Aufenthalt in Kolumbien. ————–

Wie ihr wisst, beschäftige ich mich seit längerem mit dem Thema Eifersucht. Mir ist es wichtig wertschätzend darüber zu schreiben und auch in meinen Workshops verfolge ich einen Embracing jealousy Ansatz. Nach jedem Workshop gehe ich mit neuen Erkenntnissen und Ideen nach Hause und lerne immer wieder neue Ideen und Methoden für den Umgang mit Eifersucht kennen. In dem nachfolgenden Beitrag möchte ich ein paar meiner Lieblings Tipps mit euch teilen, schließlich will ich nicht die einzige sein, die davon profitiert.

  • Atmen und eingestehen

Eifersucht ist ein komplexes Geflecht aus Emotionen. Das macht es zum einen schwer nachzuvollziehen, wo das Gefühl seinen Ursprung hat und zum anderen ist es selten eine grosse Hilfe die scheinbar schluessigsten und überzeugendsten Argumente aufzufahren. Warum? Weil die Emotionen die mit Eifersucht zum Vorschein kommen, da sind, ob man will oder nicht. Sie haben, wie alle anderen Dinge die wir empfinden, eine Daseinsberechtigung und können deswegen nicht argumentativ bei Seite geräumt werden. Ich finde es manchmal besonders hart mir einzugestehen, dass ich eifersüchtig bin. Eine Zeit lang dachte ich sogar, dass es mein Ziel sein sollte mich “von meiner Eifersucht” zu befreien. Dabei wollte ich sie viel lieber umarmen und als einen Teil von mir begreifen. Ich denke, dass ich meine Eifersucht erst verstehen und kennenlernen konnte, als ich einmal (vermutlich waren es eher 100mal) kräftig durchgeatmet und mir eingestanden habe, dass ich eifersüchtig bin.

  • Wohl fühlen wenn ich mich unwohl fühle

Ich vergleiche diesen Punkt gerne mit einer Qualle. Das Meer in dem sie sich befinden kann sich jeder Zeit ändern. Mal kann es rau, stürmisch, unvorhersehbar oder unberechenbar sein und Mal ganz ruhig. Ähnlich verhält es sich mit der Eifersucht. Manchmal kommt es vor, dass so viele stressige Situationen in meinem Leben auf einmal auftreten und ich viel stärker auf beängstigende Eifersuchtsmomente reagiere, als ich es eigentlich gewohnt bin von mir. Dann ist es fuer mich besonders wichtig, dass ich in solchen Momenten zum Teil andere Grenzen und Bedürfnisse habe, als ich es zu einem Zeitpunkt in meinem Leben hätte in dem alles entspannt und ruhig wäre. Nur, weil ich mich einmal mit etwas wohl fühle, heißt es nicht, dass ich es immer und zu jedem Zeitpunkt​ tun werde. Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass nicht immer und zu jedem Zeitpunkt alles in offenen Beziehungen offen sein muss. Das bedeutet für mich, dass ich mich zu jedem Zeitpunkt​ erst einmal fragen​, was ich brauche, um mich wohl zu fühle wenn ich mich unwohl fühle.

  • Energien umlenken

Für manche Menschen, mich inklusive, kann es total helfen mit den angestauten Energien etwas anzustellen. Manchmal habe ich das Gefühl vor Traurigkeit, Wut oder Ärger zu platzen. Mir hilft es dann zum Beispiel zu schreiben, die Gedanken fliessen zu lassen kann wie ein Vehikel für meine Gefühle sein. Eifersucht ist häufig außerdem häufig etwas sehr körperliches, deswegen kann es auch helfen sich einmal kräftig zu schütteln, zu schreien oder jeglichen anderen körperlichen Betätigungen nachzugehen, um sich von dem möglichen Onmachtsgefühl zu lösen.

  • Eine Frage der Strukturierung

Für Menschen die gerne Dinge strukturieren, und wieder fühle ich mich davon sehr angesprochen ;), kann es hilfreich sein, Gefühl auf einer Skala zu verstehen. Beispielsweise können viele Situationen die mit Eifersucht zu tun haben, mit einer ersten Irritation oder einem Gefühl von Verwirrung beginnen. Stellt man sich jetzt eine Skala vor, dann würde bei mir zum Beispiel als nächstes Frustration oder Ärger folgen. Irgendwo in der Mitte würde dann Wut stehen und am Ende Zorn, weil ich Zorn als etwas langanhaltendes und längerfristigeres als Wut verstehe.
Es kann also hilfreich sein, sich entlang seiner eigenen Emotionen zu orientieren und sich zu fragen: In welche Richtung will ich mich bewegen?
Welches Gefühl ist für mich schwächer bzw stärker als Wut, Ärger oder Zorn? Und ganz wichtig: Ist es okay, wenn ich es schaffe mich “nur” zu ärgern? und weil ich es nicht oft genug sagen kann, auch hier noch Mal: nicht zu hart über sich selbst urteilen.

  • Methoden aus anderen Bereichen übernehmen

Es gibt eine Vielzahl an Methoden aus anderen Bereichen, die sich ganz wundervoll auf Eifersucht übertragen lassen. Da gibt es den Bereich der Phobien, wo sich häufig versucht wird Schritt für Schritt an die Angst heran zu tasten. Im Zusammenhang mit der Eifersucht kann das bedeuten, dass wenn beispielsweise jemand Angst hat, dass die Beziehungsperson bei lovern übernachtet, ein langsames heran tasten an die Situation helfen kann. Das kann bedeuten, dass man sich zum Beispiel zu erst auf eine Zeit verabredet, zu der die Beziehungsperson nach Hause oder zu einem Treffpunkt kommt und die andere Person spüren lassen kann, dass sie auf ihre Gefühle Rücksicht nehmen möchte. Im nächsten Schritt könnte sich die Uhrzeit nach hinten verschieben oder flexibel werden usw. Ich finde es voll wichtig nicht zu vergessen, dass in solchen Situationen meistens alle Beteiligten in irgend einer Form zunächst einen Kompromiss eingehen und die Situation angespannt oder sensibel sein kann. Eine weitere Methode können die vier Phasen der Trauer von Verena Kast sein. Für mich hat Eifersucht nämlich häufig mit loslassen von bestehenden Mustern zu tun und dem Einlassen auf Neues. Das wiederum bedeutet, dass ich manchmal eine Zeit lang brauche, um um das Vergangene zu trauern.

Eine meiner ersten positiven Erfahrungen mit Eifersucht hatte mit einem Treffen zu dritt zu tun. Es war das erste Mal, dass ich eine tatsächliche Begegnung mit der gefürchteten lover Person meiner Partnerin hatte. Davor waren mir zwei Sachen nicht so richtig klar gewesen. Erstens, dass der Mensch kein magisches Einhorn ist und eben so wenig perfekt ist wie ich es bin. Zweitens, dass ich diesen Menschen tatsächlich sympathisch und nett finden könnte. Dieses aller erste Treffen hat mich enorm erleichtert und es hat für mich einiges de-mystifiziert. Ich dachte, dass ich da einen Über Menschen treffe, dabei war die Person eben so nervös und unsicher wie ich es war. Wir haben uns ziemlich gut verstanden und danach fiel es mir um einiges leichter mit der Situation umzugehen. Ich glaube die Tatsache, dass dieser Mensch kein Hirngespinst mehr war, dem ich alle möglichen Eigenschaften und Böswilligkeiten unterstellen konnte, machte es einfacher. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass ich selbst die Entscheidung getroffen habe, dass ich diesen Menschen in mein Leben lassen möchte. Es fühlte sich danach nicht mehr so aufgezwaengt und von Außen bestimmt an, sondern vielmehr selbstbestimmt.

Die wundervolle Elisabeth Sheff hat vor einiger Zeit auf psychology today die drei D’s eingeführt. Diese setzen sich zusammen aus discuss (=miteinander reden und versuchen heraus zu finden, was die Eifersucht ausgelöst hat. dabei kann es helfen sich zum Reden Rücken an Rücken zu setzen. Dadurch ist man sich körperlich trotzdem nah und gleichzeitig kann es leichter fallen einander ausreden zu lassen und zuzuhören. Außerdem sieht man nicht sofort das traurige, wütende oder verletzte Gesicht der anderen Person und kann sich besser auf das Gesagte einlassen), distract (= hier geht es im Grunde um selfcare. Ich muss nicht zu Hause sitzen und versuchen alleine mit einer Eifersucht klar zu kommen, während meine Beziehungsperson auf einem aufregenden Date ist. Eifersucht ist kein Härtetest, es ist voll okay uns gut sich Unterstützung zu holen, wenn es einem hilft :)), do (= schöne und bedeutsame Dinge zusammen unternehmen, Pläne machen und kleine gemeinsame Abenteuer planen. Wenn ich neidisch und eifersüchtig bin, dass meine Beziehungsperson ein aufregendes Date hat, hilft es mir manchmal zu wissen, dass wir am kommenden Wochenende oder in naher Zukunft auch etwas schönes gemeinsam geplant haben. Elisabeth Sheff schreibt von hier nur von Sex bzw. physischer Nähe im allgemeinen, aber ich weite es gerne auf quality time aus.)

  • Gemeinsam schwärmen

Ein kleiner Tipp zum Schluss. Ich hab gemerkt, dass ich es sehr genieße mich mit meinen Beziehungspersonen über kleine Flirts oder Momente der Anziehung auszutauschen. Zum einen, weil ich dann nicht aus allen Wolken falle, wenn ich Mal wieder merke, dass ich natürlich nicht die einzige Person bin, die meine Beziehungspersonen auf diesem Planeten interessant finden. Zum anderen, weil diese Anziehungsmomente meist so kurz und flüchtig sind, dass sie vielmehr eine Plattform für kleine Gedankenexperimente darstellen. So kann ich mir manchmal vorstellen, was es gerade mit mir machen würde, wenn daraus mehr entstehen würde. Das macht die Eifersucht und die damit zusammen hängenden Emotionen nicht mehr so weit weg.

5 love languages und die Frage: Wann würdet ihr eine Beziehung beenden?

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass ich inzwischen eine große Palette an Methoden, Tipps und Konzepten gesammelt habe, die mir dabei geholfen haben, mich selbst und meine Beziehungspersonen besser verstehen zu lernen. Eine davon sind die 5 love languages. Ich möchte gerne mit euch teilen, wieso ich sie so hilfreich finde und wie sie mich zu der Frage in der Überschrift bringen.

Nach Gary Chapman (bislang sind die 5 love languages das einzige was ich von ihm gelesen habe. ich glaube, dass die meisten seiner Texte eher  christlich religiös und auf die monogame zweier Ehe fokussiert sind…naja, das hier ist auf jeden Fall vielfältig auslegbar;)) gibt es 5 Beziehungssprachen. Mit Hilfe dieser Sprachen kommunizieren wir in Beziehungen, dass wir jemanden lieben und erhalten durch sie auch das Gefühl geliebt zu werden. Er unterscheidet zwischen:

  1. Lob und Anerkennung (für die unterschiedlichsten Dinge, wie etwa Leistungen oder Unterstützung, etc.)
  2. Quality Time (Zusammen schöne Sachen unternehmen, so etwas wie Ausflüge, Urlaube, Filme ansehen, gemeinsam kochen, etc.)
  3. Acts of service/ Hilfsbereitschaft (Wäsche waschen, jmd. zum Flughafen bringen, Essen kochen, massieren, etc.)
  4. Geschenke machen und bekommen (Aufmerksamkeit und Wertschätzung wird in Form von Geschenken geäußert)
  5. Zärtlichkeit/physische Nähe (jegliche Formen von Berührungen können dazu zählen, von Umarmungen, über Hände halten, bis hin zu Küssen, etc.)

 

Trauer und Verlust in Beziehungen

Durch die 5 love languages konnte ich zum ersten mal in aller Deutlichkeit in Worte fassen, wie ich in liebenden Beziehungen kommuniziere und welche Sprache(n) für mich besonders zentral sind. Sie haben mir vor Augen geführt, dass ich keinen Sex oder sexuelle Situationen brauche, um eine Beziehung als liebende Beziehung zu definieren. Mir ist durch die Beschäftigung damit klar geworden, dass körperliche Intimität nicht die  einzige und vorallem nicht die wichtigste Sprache ist, über die ich in liebenden Beziehungen kommuniziere und das Gefühl von “geliebt sein” erfahre. Sie ist mir sehr wichtig, ohne Zweifel, gleichzeitig habe ich mir schon so häufig die Frage gestellt: Was wenn körperliche Intimität ausbleibt? Ist es dann immer noch eine Beziehung? Ich hatte Angst, dass es irgend zu dem Punkt kommen könnte, an dem ich meine Beziehungspersonen körperliche nicht mehr begehre und …und dann?

Ich weiß aus schmerzvoller Erfahrung, dass es einen treffen kann, wenn die zentralen Beziehungssprachen plötzlich verloren gehen. Als aus meiner monogamen Beziehung eine geöffnete Beziehung und schließlich eine polyamore Beziehung wurde, hat sich einiges verändert. Ob temporär oder endgültig, das spielt dabei in erster Linie keine Rolle, denn ich musste mich zu erst einmal darauf einlassen von bestimmten Dingen Abschied zu nehmen. Beispielsweise die Tatsache, dass ich sehr lange die einzige Person war, die am meisten Zeit mit meiner Beziehungsperson verbringen durfte. Ich habe darum sehr lange getrauert, es hat Zeit gebraucht bis ich mich darauf einstellen konnte, dass ich das nicht mehr war. Ich denke, dass es auch wichtig war für mich, mich auf das trauern einzulassen. Wenn sich Beziehungen plötzlich verändern, vorallem in eine Richtung die ich nicht erwarte oder vielleicht nicht unbedingt selbst initiiere, dann empfinde ich es oft als ziemlich schwer loszulassen und mich auf neue Dinge einzulassen. Darum war das Trauern aber auch entscheidend, weil es mir zum einen gezeigt hat, dass dort etwas verloren ging und zum anderen, dass es mir scheinbar wichtig war, was dort verloren gegangen ist.

Die zentrale Frage lautet also: Was macht mich glücklich? Sind es Geschenke? Körperliche Zuneigung? Oder Quality Time? Und was davon spielt die größte Rolle? Denn letzten Endes kommt es auf eine einzige Frage an:

Was würde mich dazu bringen, dass ich eine Beziehung verlasse?

Das erinnert mich ein bisschen an dieses Spiel, Jenga, da geht es darum einen Turm aus Holzklötzen zu bauen und nach und nach Klötze vorsichtig zu entfernen, bis der Turm schließlich in sich zusammen bricht und jemand verliert, weil er den Stein gezogen hat der alles zum einstürzen brachte. Das ist ein Geschicklichkeitsspiel. Behutsam müssen die Steine gelöst werden, ähnlich wie bei der Beziehung. Denn Beziehungen können sich so häufig verändern und dann kommt es letztlich darauf an, welche Aspekte der Beziehung den Turm aufrecht erhalten und welche ihn zum Einsturz bringen.

Für mich ist das der spannendste Teil einer Beziehung, weil ich am meisten über mich selbst lerne. Ich habe viel Zeit damit verbracht, meine Definition von einer  Beziehung zu durchdenken. Ich war immer mal wieder hin und her gerissen zwischen “Ist das noch eine Beziehung?” und “Das ist doch alles Quatsch, klar willst du das als Beziehung definieren”, wenn sich zentrale Dinge in meinen Beziehungen veränderten. Letztlich bin ich zum dem Schluss gekommen, dass ich selbst bestimmen kann, was eine liebende Beziehung für mich ist und was nicht. Es hat zum einen geholfen über mich selbst zu lernen, dass mir zwei und nicht nur eine einzige Beziehungssprache am wichtigsten sind und zum anderen, dass ich mich dazu entscheiden kann, welche Veränderungen ich zulassen möchte und welche nicht. Manche Veränderungen fühlen sich im ersten Moment (und noch lange Zeit danach) schlecht an, andere werden sich nie gut anfühlen. Das herauszufinden bedarf für mich einem Prozess, auf den ich mich einlassen kann oder nicht. Ich kann nämlich selten sofort sagen, dass eine Veränderung sich dauerhaft schlecht anfühlen wird. Was mir schließlich bleibt, ist mich für oder gegen den Prozess des Herausfindens zu entscheiden. Und ich glaube, dass bei mir letzten Endes viel von dieser Entscheidung abhängt.

Trigger/Situationen in denen ich an alte Verletzungen erinnert werde..und wie gehe ich damit um?

Kenn ihr dieses Gefühl wenn euer Körper mit euch macht was er will? Wenn ihr merkt, dass ihr euch eigentlich gerade anders verhalten wollt, aber nicht könnt, weil ihr euch blockiert fühlt. Ich kenne das ziemlich gut. Meistens erfahre ich dieses Gefühl, wenn ich mich überfordert fühle und in gewisser Weise von einer Situation so dermaßen überrascht werde, dass mein Körper komplett zu macht. Sehr häufig wurde ich in solchen Momenten getriggert/an etwas erinnert. Das bedeutet, dass eine aktuelle Situation mich in ein Gefühl versetzt das mir aus der Vergangenheit schon bekannt ist und mich unter Umständen sogar an alte Traumata erinnert. Die Gefühle aus der aktuelle und der vergangenen Situation vermischen sich und es ist für mich zunächst unklar, ob ich von der aktuellen Situation überfordert bin oder mich so stark an die vergangene Situation erinnert fühle und mich in das Gefühl von damals überkommt.

Dass ich unter anderem sehr körperlich auf Trigger/Erinnerungen reagiere, macht es nicht einfacher mit ihnen umzugehen. Ich verliere für eine gewisse Zeit die Kontrolle über meinen Körper, weil er mir durch seine Abwehrreaktion signalisiert, dass er überhaupt nicht gerne an die Herausforderungen und Verletzungen aus der vergangenen Situation erinnert werden will und sie auch gewiss nicht noch einmal erleben möchte. Vor einigen Wochen gab es zum Beispiel die Situation, dass ich mich plötzlich mit einem starken Misstrauensgefühl konfrontiert sah. Ich wusste genau, dass dieses Misstrauensgefühl mit der aktuellen Situation überhaupt nichts zu tun hatte. Meine Beziehungsperson hatte mich noch nie zuvor belogen oder mir in irgend einer Form einen Anlass zum misstrauen gegeben – wieso hätte ich also misstrauisch sein sollen? Ich vertraue ihr vollkommen und doch war ich misstrauisch.

In der Regel halten wir die meisten Absprachen in unserer offenen Beziehung sehr offen, schließlich kann es passieren, dass man einfach mal seine Meinung ändert und doch Lust auf was anderes hat. Situationen können Bedürfnisse formen und bevor ich nicht in einer bestimmten Situation war, weiß ich häufig gar nicht wie weit ich Lust habe mit anderen Menschen zu gehen. Dieses mal war es anders. Zum ersten Mal hat sie den Satz „Ich hab wenn überhaupt nur Lust zu knutschen“ fallen gelassen. Im ersten Moment mochte ich, dass sie weiß was sie will und habe darin eine gewisse Sicherheit verspürt, weil ich wusste was mich potentiell erwartet und was nicht. Je länger ich jedoch über den Satz nachdachte, umso mehr verunsicherte er mich.

Was badetet überhaupt “nur knutschen” und was wenn sie ihre Meinung ändert? Vielleicht weiß sie selbst gar nicht was sie will? Vielleicht schränkt sie das auch ein? Ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mich überhaupt auf unsere Absprachen verlassen konnte und wurde misstrauisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine unverhältnismäßig starke Reaktion auf eine Situation zeige, die mich in der Regel nicht so stark verunsichern würde. Und so hat dieses Misstrauen zwei konkrete Fragen aufgeworfen:

1.) Woher kommt das Misstrauen?
2.) Was hat das mit meiner Beziehungsperson zu tun?

Nach und nach habe ich mich daran erinnert, dass in meinen ersten Versuchen eine offene Beziehung zu führen, viele Absprachen ziemlich schief gelaufen sind. Wir haben uns Dinge versprochen, um einander ein Gefühl von Sicherheit zu geben und uns selbst dadurch extrem eingeschränkt. Wir haben versucht eine offene Beziehung zu leben, in der es für jeden Atemzug eine Absprache gab. Das hat uns beide stark unter Druck gesetzt unsere Bedürfnisse innerhalb dieser Absprachen zu definieren. Bedürfnisse war nicht mehr flexibel und veränderbar und das führte häufig zu Enttäuschungen und Vertrauensbrüchen, weil wir darauf vertraut haben was die jeweils andere Person gesagt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 1 lautet also: Es erinnert mich an Situationen in denen mir eine andere Person das Gefühl von Sicherheit vermitteln wollte und sich selbst dadurch komplett eingeschränkt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 2 konnte also nur lauten: Ich hatte Angst, dass sie sich einschränkt ohne es zu merken, ich darauf vertraue und dann aus allen Wolken fallen, weil es doch nicht so ist.

Ich finde das Beispiel so treffend, weil es eine vermeintlich kleine Situation sehr groß wirken lässt, allein durch die Tatsache, dass ich mich daran erinnert gefühlt habe. Es zeigt außerdem, dass nicht zwangsläufig jemand etwas „falsch“ gemacht haben muss, damit es sich falsch anfühlt. Wenn ich mich an vergangenen Situationen erinnert fühle, dann ist das Gefühl erst einmal im Raum. Es schafft eine angespannte Atmosphäre und die ist sehr Wirkungsmächtig. In so einem Moment gibt es zwei Perspektiven auf die Situationen. Zum einen die Perspektive der getriggerten/an etwas erinnerten Person und zum anderen diejenigen der Person(en) die dieses Gefühl ausgelöst haben. Demzufolge kann es auch zwei Möglichkeiten geben damit umzugehen. Wenn ich getriggert/an etwas erinnert wurde, versuche ich mir zunächst folgende Fragen zu stellen:

  1. Gab es schon einmal eine ähnliche Situation an die mich die aktuelle Situation erinnert?
  2. Ist/sind die gleiche(n) Person(en) beteiligt?
  3. Was war die Herausforderung/Verletzung in der vergangenen Situation?
  4. Sehe ich Elemente in der jetzigen Situation, die in mir das Gefühl aus der vergangenen Situation hervorrufen?
  5. Was brauche ich gerade, um mich wohl(er) zu fühlen?

Manchmal will ich mich auch nicht sofort mit diesen Fragen beschäftigen. Manchmal will ich mich der Situation gar nicht stellen, sondern einfach in dem Gefühl verweilen oder aufstehen und gehen. Ich verspüre häufig den Impuls einfach aufzustehen und zu gehen, wenn ich getriggert wurde. Es kommt also ganz darauf an, ob und wie ich gerade den Zugang zu mir selbst finde. Ich finde es jedoch wichtig, dass ich diese Fragen früher oder später durchdenke. Es hilft mir dabe zu verstehen, ob irgend etwas hätte anders laufen können. Wer hätte etwas anderes machen können, damit das nicht passiert Letztlich finde ich es auch fair, wenn ich zu irgend einem Zeitpunkte kommunizieren kann, was da gerade passiert ist. Ich will der/den anderen Person(en) nicht das Gefühl vermitteln, dass sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie es gar nicht hat/haben.

Für die Person(en) die triggert(n)/etwas in mir ausgelöst haben ist es anders. Ich empfand es als erleichternd, wenn Menschen mich etwas besser kannten und gewisse körperliche Reaktionen deuten konnten. Einige davon sind zum Beispiel: Ein gesenkter Blick, wenig Augenkontakt, keine bis wenig körperliche Zuneigung oder Nähe, eine gebückte Körperhaltung, eine gesenkte Stimmlage und der Reflex zu fliehen und schnell aus der Situation raus kommen zu wollen. Mir hat es geholfen, wenn meine Reaktion nicht abgetan oder als übertrieben abgestempelt wurde. Ein vorsichtiges Annähern hilft mir häufig. Es kann auch sein, dass ich gar nicht in der Lage bin auf Fragen zu antworten, weil ich selbst nicht weiß was los ist, aber es tut gut zu wissen, dass die andere Person mich unterstützt und versucht einfühlsam für mich da zu sein.

Ich kann nicht erwarten (und will ich auch nicht), dass jemand meine Gefühlslage deutet. Ich weiß, dass das sehr schwierig bis unmöglich ist. Wenn ich jedoch weiß was mich triggert könnte/bestimmte Erfahrungen in mir hervorruft, kann ich andere Menschen darauf vorbereiten wie ich möglicherweise reagieren könnte und von vornherein klar stellen, wie ich auf bestimmte Situationen reagieren kann, ohne, dass diese Menschen notwendigerweise etwas “falsch” gemacht haben. Meine Beziehungsperson konnte mir nicht das Gefühl von Misstrauen nehmen, weil es nichts mit ihr und ihren Handlungen zu tun hatte. Das Misstrauen ist ein grundsätzliches Misstrauen und kann mir von niemandem genommen werden. Ich kann jedoch dabei unterstützt werden, dass es kleiner wird und vielleicht irgendwann einmal ganz weg ist. Je häufiger ich also positive Erfahrungen mache wenn ich misstrauisch bin, zum Beispiel, weil sich das Misstrauen nicht bewahrheitet, hilft es mir in Zukunft mich an positive, vergangenen Erfahrungen zu erinnern und die negativen Erfahrungen damit in den Hintergrund zu rücken. Ich ergänze quasi die negativen Erfahrungen durch die positiven und führe mich selbst Schritt für Schritt aus diesem Misstrauen heraus.

Warum wir eine Definition von „lieben“ brauchen.

Im Dezember 1997 lief der Film „Titanic“ zum aller ersten Mal in den Kinosälen der Vereinigten Staaten. Ein Jahr später ist er der erste Film, der über eine Milliarde US-Dollar eingespielt hat und bis 2009 stand er sogar auf dem ersten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme. Bis ich 17 war, hatte ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Jedes Mal in der Hoffnung, dass Jack seinem tragischen Schicksal entkommen kann. Und jedes Mal auf absurde Art und Weise enttäuscht, dass er exakt den gleichen Tod stirbt. Auf 194 Minuten entfaltete sich vor meinen Teenager Augen „wahre Liebe“. Er, aus unpriviligierten Verhältnisse, trifft sie, aus einer sehr wohlhabenden Familie und eine große Liebesgeschichte beginnt.

Sogar in der Schule zeigte man uns den Film. Er sollte wohl eine Art Äquivalent zum Sexualkundeunterricht darstellen. Ganz nach dem Motto: „Jetzt wisst ihr, wie man Sex hat, also können wir auch in 194 Minuten das Thema Liebe behandeln“. Unabhängig davon, dass ich mir gewünscht hätte eine Definition von Sex zu hören, die sich nicht ausschließlich auf „Vorspiel“ und Penetration beschränkt, wäre es auch wünschenswert gewesen, eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was eigentlich Liebe ist. Und wie liebe ich jemanden?

Ich wuchs, wie viele andere vermutlich auch, mit einem Mysterium auf. Liebe kann alles oder nichts sein. Alle wollen lieben, aber niemand weiß so richtig was das bedeutet. Wie auch? Selten hat mich jemand gefragt „Was verstehst du eigentlich darunter?“. In den meisten Fällen wurde das Wissen voraus gesetzt. Als wäre es mit uns zur Welt gekommen. Ganz selbstverständlich. Dabei lernen wir laufen, essen und meistens mindestens eine Sprache. Wieso lernen wir nicht zu lieben?

Weil es verlockend ist Liebe für undefinierbar zu halten. Solange unausgesprochen bleibt, was genau wir darunter verstehen, bleibt es geheimnisvoll und passt in unser Verständnis von Liebe und Romantik. Wenn es um Liebe geht, wird alles versucht zu deuten, es entsteht eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon bei dem ersten Date an. Ob es gut lief oder nicht, das entscheidet sich meistens anhand der Körpersprache, non-verbale Kommunikation ist hier angesagt, den Konsens laut auszusprechen empfinden viele als Stimmungskiller. So geht es häufig weiter. Im Bett kommunizieren, wo meine Grenzen sind, was sich gut anfühlt oder nicht, das kostet die meisten Menschen Überwindung. Und sollten wir uns dazu entscheiden Beziehungen(en) zu führen, wird selbst dort zu wenig darüber geredet, was wir eigentlich unter einer Beziehung verstehen.

Letztlich geht es um Definitionen und deren Wirkungsmacht. Es ist schwierig über die Kunst zu lieben zu reden, wenn es gar nicht um das Verb „lieben“ und somit eine aktive Handlung, sondern um das Substantiv „Liebe“ geht, mit dem alles mögliche gemeint sein kann. Jemanden zu lieben ist eine aktive Handlung, ich bin nicht geleitet von meinen zügellosen Emotionen, die mich dazu nötigen Menschen in meinem Leben zu lieben. Ich habe mich selbst dazu entschlossen, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen will, ich wurde nicht gezwungen. Liebe kann alles sein oder wie es die Definition im Duden so schön ausdrückt: „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“. Klar, jemanden zu lieben hat häufig auch mit Zuneigung und Hingezogensein zu tun, aber nicht in erster Linie und besonders nicht als Grundlage für liebende Beziehungen.

Jemanden zu lieben ist Arbeit und es ist eine Kunst, wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ ausführt. Dort schreibt er „wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin lernen wollten“.

Wir brauchen klare Definitionen, um über die Dinge die wir empfinden zu reden. Eine Definition verstehe ich dabei als Rahmen, der uns nicht von vornherein darauf festlegt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Vielmehr macht er es uns möglich, liebende Handlungen als solche zu verstehen und erwidern zu können. Im Gegensatz dazu zeichnet unser Verständnis von Liebe häufig ein Bild von „fluffig-leichter-Ponyhof“. Alles ist einfach und schön, und alles bleibt in Zukunft auch einfach und schön.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. Für den Anfang kann uns dabei die Definition von Scott Peck aus dem Buch „The Road Less Travelled“ eine große Hilfe sein. Dort definiert er lieben als „the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one`s own or another’s spiritual growth“. („Der Wille, für den Zweck seines eigenen oder dem eines anderen geistigen Wachstums, über sich hinaus zu wachsen“). Liebende Beziehungen helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, weil sie Grenzen aufzeigen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Wenn wir also über lieben reden wollen, dann kann es helfen ein Verständnis davon zu haben, was wir eigentlich meinen.

4 Mütter, 1 Kind.

Mein Bruder und ich haben nicht viel gemeinsam, trotzdem ist er die einzige Person in meiner Familie, die mich schon immer dabei unterstützt hat, so zu sein, wie ich bin. Ich war 16 und er war 10 Jahre alt, als ich mich vor ihm geoutet habe. Selten hatte ich so ein unaufgeregtes Outing. Ihm war es vollkommen gleich, wen ich begehre und wie ich begehre, solange ich glücklich bin, war er es auch. Weiterlesen

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