POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: Bedürfnisse

Warum ich Widersprüche mag, und was sie mit Polyamorie zu tun haben

Seit ich in Deutschland lebe, bin ich eigentlich von Widersprüchen umgeben. Story of my life gewissermaßen. Ich bin seit meinem 8ten Lebensjahr in einem Land groß geworden, in dem ich bis vor ca. 70 Jahren noch umgebracht worden wäre. Soweit ich weiß, hat meine Familie keine Verwandten in Deutschland oder anderen Ländern gehabt, in denen Jud*innen ermordet wurden… Weiterlesen

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Sollte ich häufiger alleine schlafen?

Als ich noch in einer monogamen Zweierbeziehung war und mit meiner Beziehungsperson zusammen gewohnt habe, hat mich die Frage kaum beschäftigt. Es gab ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Das ließ nicht besonders viel Raum, um sich die Frage zu stellen, ob man in der kommenden Nacht nicht lieber alleine schlafen möchte. Klar, manchmal ist eine Person weg gefahren und man musste gezwungenermaßen alleine schlafen, aber das hatte recht wenig damit zu tun, dass man sich aktiv für eine Nacht alleine entschieden hat. Weiterlesen

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Grenzen. Embrace the power of No.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich eine für mich sehr bahnbrechende Erkenntnis. Eigentlich waren es mehrere bahnbrechende Erkenntnisse. Das meiste davon hatte unmittelbar mit einem Podcast über Boundaries: a conversation with Hilary Nunes auf dem Sender Carnalcopia zu tun. Dieses 1-stündige Gespräch über Grenzen hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben ein Stück weit verändert. So pathetisch das jetzt klingen mag, ich will euch erklären wieso es eigentlich ganz einfach war.

Es gab Zeitpunkten in meinen Beziehungen – und es gibt sie immer und immer wieder – wo ich mich selbst noch nicht gut genug kannte, um abschätzen zu können, wo eigentlich meine Bedürfnisse und die damit verbundenen Grenzen lagen. Und selbst als ich es dann wusste, habe ich mich nicht immer getraut sie zu äußern. Klar, zum Teil lag es daran, dass ich nicht genau wusste was ich eigentlich will, aber zum größten Teil ging es bei mir um zwei grundlegende Ängste:

  1.  Mein Bedürfnis könnte sich so sehr von dem meiner Partner*innen unterscheiden, dass ich meine Beziehung riskiere
  2. Die andere Person respektiert nicht meine Grenzen/belächelt mich/versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen etc. und dann fühle ich mich zurückgewiesen, abgelehnt oder nicht ernst genommen

Was tun also? Ich habe es mir in den meisten Fällen sehr einfach gemacht. Das Unbehagen für mich zu behalten schien einfacher als zu kommunizieren, was denn mein eigenes Bedürfnis ist – und noch dazu war es Risikofreier.

Ich habe mir zum Beispiel lange Zeit nicht eingestehen wollen (da hat es also an Ehrlichkeit zu mir selbst und zu andere gefehlt), dass ich auch andere Menschen auf dieser Welt außerhalb meiner Beziehung(en) attraktiv und sexuelle anziehend finde und der Rest der Welt unter einem magischen Deckmantel verschwindet. Es war also ein bisschen wie ein doppelter Schlag ins Gesicht als meine Beziehungsperson damals eine geöffnete Beziehung probieren wollte. Ich war hauptsächlich enttäuscht von mir selbst, aber die Enttäuschung hat sich damals in Form von Wut, Traurigkeit und Verlustängsten gegenüber der anderen Person geäußert, schließlich war es einfacher negative Gefühle auf andere zu projizieren als die Ursache des Ganzen bei mir selbst zu suchen.

Die unmittelbare Konsequenz aus meinem scheinbar einfachen Weg: Ich habe angefangen zu zweifeln. Und zwar nicht nur an mir und mit welcher Intention ich eigentlich Dinge mache, sondern auch an anderen Menschen. Von mir habe ich auf andere geschlossen und mich gefragt, ob Menschen gerade wirklich das wollen was sie sagen. Wie kann ich auch ein „Ja“ wertschätzen, wenn ich immer wieder in Frage stelle, dass es eben so gut ein „Nein“ sein könnte. Eigentlich hatte ich im Grunde genommen Angst vor der Konsequenz aus einem “Nein”. Was hab ich also gemacht?

Ich musste meine Logik komplett umstellen. Anstatt mich darauf zu fixieren, dass “Ja” etwas positives und “Nein” etwas negatives ist, habe ich, vorallem seitdem ich das erste mal den Beitrag über Boundaries gehört habe, folgendes gelernt: Wenn ich weiß, dass Menschen bewusst und selbstsicher zu Dingen “Nein” sagen können, kann ich ihr “Ja” viel mehr wertschätzen. Embrace the power of No. Anstatt mich von einem “Nein” abschrecken zu lesen oder das Gefühl zu haben Ablehnung und Zurückweisung zu erfahren, versuche ich es aus einer anderen Perspektive zu sehen – auch wenn es mir immer wieder schwer fällt mich von dem Gefühl von Zurückweisung zu distanzieren, weil das starke Emotionen in mir hervor ruft. Je mehr ich weiß, was Menschen wollen oder nicht, umso schöner und sicherer fühlt es sich an, umso sicherer fühle ich mich in der Beziehung. Grenzen fühlen sich gut an, weil ich weiß was sich gut anfühlt für andere und ich kann entscheiden, wie ich darauf Rücksicht nehmen will oder nicht.  Grenzen helfen mir mich zu verstehen und ich bin der Meinung, dass sie auch anderen helfen mich besser zu verstehen. Klar, ich kann sie komplett über Bord werfen und genau das Gegenteil von allem machen. Genau so gut kann ich versuchen rücksichtsvoll und umsichtig mit den Grenzen anderer Menschen umzugehen und sie nicht mit Füßen zu treten. Schließlich bin ich nicht in Beziehungen mit Personen die mir unwichtig sind, wieso sollte ich sie bewusst mit meinen Handlungen verletzen? So lerne ich mich also kennen. Eine meiner Beziehungspersonen hat sehr schön gesagt, dass es logischerweise schwierig ist anderen näher zu kommen, weil man sich öffnet und dadurch komplett auf sich selbst zurück geworfen wird. Je näher ich jemandem komme, umso näher komme ich mir selbst und klar kann das beängstigend und schwer sein und Dinge hervor holen die tief in mir lauern.

So musste ich also über mich lernen, dass ich starke Verlustängste habe die Form von Beziehungen zu verlieren die ich führe. Aus Angst das zu “verlieren” habe ich Bedürfnisse nach hinten gestellt oder sie gar nicht erst zugelassen. Zum einen ist es glaube ich absurd, weil ich damit meinen Beziehungspersonen unterstelle, dass sie damit nicht klar kommen würden und die Angst berechtigt ist und zum anderen erachte ich mich selbst und meine Bedürfnisse als nicht wertvoll genug, dass ich sie so sehr als Priorität setze und es unabdingbar ist sie anzusprechen. Nachdem ich also vor einigen Tagen zum gefühlt zehnten Mal den Beitrag über Boundaries angehört habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass alle meine Emotionen und Bedürfnisse eine Daseinsberechtigung haben, ob sie erfüllt werden können oder ob es gut oder schlecht ist ihnen nachzugehen ist in erster Linie unwichtig. Aber ich glaube, dass es wichtig ist Dinge erst einmal ansprechen zu können und darüber zu reden.

Grenzen und Bedürfnisse können sich aber logischerweise auch verändern. Was ich vor fünf Jahren wollte ist vielleicht nicht mehr das gleiche was ich jetzt will. Es ist sogar ziemlich sicher nicht das gleiche. Zum Teil wollte ich sogar meine Grenzen bewusst verändern. Ich wollte irgendwann keine monogame Beziehung mehr haben und was für mich damals als “Betrug” und Grenze schien, wurde plötzlich ehrlich gelebte Realität. Sex, Liebe, Körperlichkeiten, Zuneigung, etc. mit Menschen außerhalb meiner einzigen Beziehung, waren auf einmal kein Tabu mehr und auch keine Grenze, ich wollte sie bewusst verschieben und verändern, weil es sich wichtig und richtig angefühlt hat. Gut oder einfach hat es sich nicht im ersten Moment angefühlt und ich habe lange gebraucht, um mich in dem neunen Konstrukt sicher zu fühlen, aber nur weil es sich im ersten Moment scheiße anfühlt und vielleicht weh tut, heißt es nicht, dass es in Zukunft auch noch so bleibt.

Letzten Endes war es für mich irgendwie wichtig, mich auf einen Prozess einzulassen der nicht von heute auf morgen funktioniert hätte und Zeit und Geduld in Anspruch genommen hat. Eine gute Metapher dafür sind die Lauferlebnisse einer meiner Partnerin. Sie geht gerne regelmäßig 8-10 km joggen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie einfach so von heute auf morgen einen Halb-Marathon (21km) laufen könnte. Ihre physische Grenze liegt also bei 10 km, da sie aber gerne einen Halb-Marathon laufen wollte, hat sie angefangen sich darauf vorzubereiten und ihre Grenze hat sich verändert. Ihr Bedürfnis hat sich verändert, sie hat sich auf den Prozess der Veränderung eingelassen und damit hat sich auch eine neue Grenze entwickelt. Nächstes Jahr oder in zwei Jahren kann es eben wieder eine komplett andere Grenze sein.

Ich glaube, dass nicht alles durch Kommunikation gelöst werden kann, manche Dinge lassen sich so häufig besprechen bis es nicht mehr weiter geht und Kommunikation nur ermüdend ist und man sich im Kreis dreht. Ich glaube aber auch, und das ist zumindest mir wichtig geworden, dass es sich gut anfühlt eine Atmosphäre in meinen Beziehungen zu schaffen, in der es erst einmal gut ist Dinge anzusprechen. Was damit dann passiert und welche Emotionen das hervor holt ist eine andere Sache, aber ich möchte mich darum bemühen und meine Partner*innen dazu ermuntern ehrlich mit mir und ehrlich mit sich selbst zu sein. Das bedeutet, dass ich versuche wertschätzend mit Gefühlen und Gedanken anderer umzugehen und ihnen von meiner Seite (so gut ich kann) ein sicheres und aufgehobenes Gefühl zu vermitteln.

Das war Teil drei meiner Kommunikationsstrecke. Hier findet ihr die beiden anderen Beiträge:

Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Das kleine 1×1 der Kommunikation..und wieso ist das eigentlich so verdammt schwer?

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Das kleine 1×1 der Kommunikation..und wieso ist das eigentlich so verdammt schwer?

 

Ich finde es grundsätzlich unglaublich schwer meine eigenen Bedürfnisse ehrlich zu kommunizieren. Viele Leute um mich herum scheinen es als keine all zu schwere Aufgabe zu betrachten, einfach ehrlich und klar zu kommunizieren, was sie wollen und was sie nicht, was sie sich erhoffen und was nicht und welche Erwartungen damit verbunden sein könnten. Mir fällt das viel schwerer. Über die letzten Jahre habe ich für mich selbst herausgefunden, dass sich meine Kommunikation innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen und vorallem in Polybeziehungen, häufig zwischen zwei Punkten bewegt: Grenzen und Definitionen von Begriffen. Wieso für mich beides so wichtig geworden ist, werde ich in den nachfolgenden Beiträgen weiter ausführen.

Inzwischen weiß ich, dass es mir leichter fällt Gespräche offen und ehrlich zu führen, wenn sie auf eine bestimmte Art und Weise strukturiert sind. Vor einem Klärungsgespräch oder ähnlichem, finde ich es beispielsweise gut, wenn ich mich selbst frage: Was ist der Sinn und Zweck des ganzen Gespräches? Ist es einfach nur eine Info, will ich diskutieren, will ich es später bereden, will ich, dass sich die andere Person Gedanken darüber macht und jetzt erst einmal nichts dazu sagt? Im Gespräch selbst hat es mir geholfen, wenn ich versuche so klar wie möglich meine eigenen Wünsche zu kommunizieren. Wie können wir es nächstes mal besser machen? Klare Wünsche zu kommunizieren kann schwerer sein als man meint. Mir fällt es dabei besonders schwer präzise zu äußern, was ich eigentlich sagen will. Viele von meinen Gedanken spielen sich in einzelnen Emotionen und Gefühlen ab, da kann ich meistens nicht klar eine Sache oder eine konkrete Situation benennen. Und zu guter Letzt: Wie können wir versuchen den unterschiedlichen Wünschen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken? Wo ist die Mitte? Wie weit können wir aufeinander zugehen, dass es sich für alle gut anfühlt?

Das hört sich alles so schön einfach an, wenn ich es mir durch den Kopf gehen lasse und in diesem Beitrag verewige. Die Wahrheit ist leider, dass ich mich noch viel zu häufig über mich selbst ärgere. Manchmal gerne noch klarer sagen wollen würde, was ich eigentlich brauche, meine und will. Die Realität ist leider manchmal nicht so sanft und fluffig, wie ich sie mir wünschen würde. Sie schmeckt nun mal nicht immer wie ein saftiger Schokokuchen. Dafür habe ich unter bestimmten Umständen Angst, dass ich Menschen verletzte die mir wichtig sind. Sie zurückweise oder selbst Ablehnung erfahre. Vielleicht sogar für meine Bedürfnisse als komisch oder seltsam gesehen werde. Die Wahrheit ist leider, dass es immer besser ist ehrlich zu sein. Sowohl zu sich selbst, als auch zu anderen. Jede Situation, die ich mit Unwahrheiten weniger schlimm, weniger konfrontativ, weniger “gefährlich” oder beängstigend machen wollte, ist im Endeffekt viel schlimmer geworden. Es hat immer dazu geführt, dass ich andere Menschen verletzt habe, weil ich nicht ehrlich war und noch dazu, die Sache selbst, durch die Lüge an ungewollter Bedeutung gewonnen hat. Noch dazu kommen in Polybeziehungen so viele unterschiedliche Bedürfnisse und Gefühle und Gedanken zusammen, dass meiner Meinung nach mit Kommunikation alles steht oder fällt. So wie in jeder anderen Beziehung eigentlich auch.

Über die Zeit habe ich jeden Falls angefangen mir kleine Regeln zu setzen. Klar, ich halte sie mal mehr, mal weniger ein. Mal ist mir auch komplett bewusst, dass ich gerade all meine Vorsätze über den Haufen werfe – mit Schwung. Manchmal ist es mir auch erst im Nachhinein bewusst. Und ganz selten, wenn ich mich selbst kurz zurück nehme und einen Moment lang nicht mit Anlauf auf jedes möglicherweise stürmische oder aufwühlende oder schwierige Gespräch zurenne, dann erinnere mich mich an folgende Regeln:

 

  1. Ich-Botschaften machen einiges wirklich einfacher 😉
  2. Keine ernsthaften Beziehungsgespräche anfangen, wenn man kurz davor ist schlafen  zu gehen und sowieso schon müde ist.
  3. Auf Alkohol und unter dem Einfluss anderer Drogen ist auch nie eine gute Idee.
  4. 5 Minuten Pause hilft, wenn die Emotionen und Gedanken sich zu überschlagen scheinen und nur noch in Vorwürfen und Anschuldigungen gesprochen wird.
  5. Keine Verallgemeinerungen. Es ist selten schon immer alles schlecht oder negativ.
  6. Nur weil es sich zuerst scheiße anfühlt, heißt es nicht, dass es auch scheiße bleibt.
  7. Kommunizieren, wenn ich nicht sofort bereit über etwas zu reden/zu antworten und mir Zeit nehmen in Ruhe über Dinge nachzudenken, anstatt vorschnell zu antworten.
  8. Erwartungen kommunizieren. Ich kann nicht wissen, was andere wollen und andere nicht, was ich will.
  9. Nur, weil ich auf eine bestimmte Art und Weise über etwas denke und fühle, bedeutet das nicht, dass mein Gegenüber die Situation identisch wahrnimmt.
  10. Ultimaten lassen keinen Raum, um über Dinge zu verhandeln und haben in der Regel nur dazu geführt, dass sich meine Parter*innen in ihrer Freiheit zu Handeln beraubt gefühlt haben und viel viel Drama entstanden ist..entweder ich kann mich darauf einlassen über Dinge zu reden oder ich kann es nicht.

 

Fühlt euch bitte frei, Nr. 11,12,13,etc. zu ergänzen! Ich bin mir sicher, dass es noch ganz viele weitere tolle Vorsätze oder selbstgesetzte Regeln gibt, die unter anderem mich brennend interessieren würden 🙂

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