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Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: Definitionen

Warum wir eine Definition von „lieben“ brauchen.

Im Dezember 1997 lief der Film „Titanic“ zum aller ersten Mal in den Kinosälen der Vereinigten Staaten. Ein Jahr später ist er der erste Film, der über eine Milliarde US-Dollar eingespielt hat und bis 2009 stand er sogar auf dem ersten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme. Bis ich 17 war, hatte ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Jedes Mal in der Hoffnung, dass Jack seinem tragischen Schicksal entkommen kann. Und jedes Mal auf absurde Art und Weise enttäuscht, dass er exakt den gleichen Tod stirbt. Auf 194 Minuten entfaltete sich vor meinen Teenager Augen „wahre Liebe“. Er, aus unpriviligierten Verhältnisse, trifft sie, aus einer sehr wohlhabenden Familie und eine große Liebesgeschichte beginnt.

Sogar in der Schule zeigte man uns den Film. Er sollte wohl eine Art Äquivalent zum Sexualkundeunterricht darstellen. Ganz nach dem Motto: „Jetzt wisst ihr, wie man Sex hat, also können wir auch in 194 Minuten das Thema Liebe behandeln“. Unabhängig davon, dass ich mir gewünscht hätte eine Definition von Sex zu hören, die sich nicht ausschließlich auf „Vorspiel“ und Penetration beschränkt, wäre es auch wünschenswert gewesen, eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was eigentlich Liebe ist. Und wie liebe ich jemanden?

Ich wuchs, wie viele andere vermutlich auch, mit einem Mysterium auf. Liebe kann alles oder nichts sein. Alle wollen lieben, aber niemand weiß so richtig was das bedeutet. Wie auch? Selten hat mich jemand gefragt „Was verstehst du eigentlich darunter?“. In den meisten Fällen wurde das Wissen voraus gesetzt. Als wäre es mit uns zur Welt gekommen. Ganz selbstverständlich. Dabei lernen wir laufen, essen und meistens mindestens eine Sprache. Wieso lernen wir nicht zu lieben?

Weil es verlockend ist Liebe für undefinierbar zu halten. Solange unausgesprochen bleibt, was genau wir darunter verstehen, bleibt es geheimnisvoll und passt in unser Verständnis von Liebe und Romantik. Wenn es um Liebe geht, wird alles versucht zu deuten, es entsteht eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon bei dem ersten Date an. Ob es gut lief oder nicht, das entscheidet sich meistens anhand der Körpersprache, non-verbale Kommunikation ist hier angesagt, den Konsens laut auszusprechen empfinden viele als Stimmungskiller. So geht es häufig weiter. Im Bett kommunizieren, wo meine Grenzen sind, was sich gut anfühlt oder nicht, das kostet die meisten Menschen Überwindung. Und sollten wir uns dazu entscheiden Beziehungen(en) zu führen, wird selbst dort zu wenig darüber geredet, was wir eigentlich unter einer Beziehung verstehen.

Letztlich geht es um Definitionen und deren Wirkungsmacht. Es ist schwierig über die Kunst zu lieben zu reden, wenn es gar nicht um das Verb „lieben“ und somit eine aktive Handlung, sondern um das Substantiv „Liebe“ geht, mit dem alles mögliche gemeint sein kann. Jemanden zu lieben ist eine aktive Handlung, ich bin nicht geleitet von meinen zügellosen Emotionen, die mich dazu nötigen Menschen in meinem Leben zu lieben. Ich habe mich selbst dazu entschlossen, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen will, ich wurde nicht gezwungen. Liebe kann alles sein oder wie es die Definition im Duden so schön ausdrückt: „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“. Klar, jemanden zu lieben hat häufig auch mit Zuneigung und Hingezogensein zu tun, aber nicht in erster Linie und besonders nicht als Grundlage für liebende Beziehungen.

Jemanden zu lieben ist Arbeit und es ist eine Kunst, wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ ausführt. Dort schreibt er „wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin lernen wollten“.

Wir brauchen klare Definitionen, um über die Dinge die wir empfinden zu reden. Eine Definition verstehe ich dabei als Rahmen, der uns nicht von vornherein darauf festlegt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Vielmehr macht er es uns möglich, liebende Handlungen als solche zu verstehen und erwidern zu können. Im Gegensatz dazu zeichnet unser Verständnis von Liebe häufig ein Bild von „fluffig-leichter-Ponyhof“. Alles ist einfach und schön, und alles bleibt in Zukunft auch einfach und schön.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. Für den Anfang kann uns dabei die Definition von Scott Peck aus dem Buch „The Road Less Travelled“ eine große Hilfe sein. Dort definiert er lieben als „the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one`s own or another’s spiritual growth“. („Der Wille, für den Zweck seines eigenen oder dem eines anderen geistigen Wachstums, über sich hinaus zu wachsen“). Liebende Beziehungen helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, weil sie Grenzen aufzeigen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Wenn wir also über lieben reden wollen, dann kann es helfen ein Verständnis davon zu haben, was wir eigentlich meinen.

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Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Je mehr ich drüber nachdenke, umso häufiger fällt mir auf, dass sich die meisten Konflikte in meinen Beziehungen um Definitionen drehen. Vor einiger Zeit musste ich zum Beispiel feststellen, dass eine meiner Beziehungspersonen “alleine sein” nicht notwendigerweise als ein Bedürfnis, sich in ihrem Zimmer oder sonstigen Räumlichkeiten oder Situationen komplett zurück zu ziehen, sieht. Vielmehr ist es für sie die schlichte Voraussetzung, unabhängig von anderen Menschen Entscheidungen treffen zu können, ohne sie mit anderen in irgend einer Form kommunizieren oder absprechen zu müssen oder zu wollen. Der Konflikt entsteht für mich natürlich dann, wenn der Satz “ich würde ganz gerne alleine sein”, ein komplett anderes Bild hervor ruft, als das was meine Partnerin eigentlich meint. Ich stelle mir vor, wie sie alleine in ihrem Zimmer sitzt oder ins Kino geht oder ein Buch liest, stattdessen sitzt sie mit ihrer WG in der Küche und trinkt Wein. Das irritiert und ruft bei mir ein Gefühl von Unehrlichkeit hervor , obwohl es einzig und allein um unterschiedliche Definitionen von Wörtern geht. Klar, seitdem ich das verstanden habe, ist es kein Thema mehr, aber erst einmal zu realisieren, dass es unterschiedliche Definitionen von “allein sein” gibt, das hat einen Moment lang gedauert.

Viele Begriffe die jeden Tag benutzt werden, scheinen für alle so eindeutig und so klar zu sein und gleichzeitig frage ich mich häufig, ob wir wirklich von ein und den selben Dingen sprechen. Sex zum Beispiel. Wann fängt Sex überhaupt an? Und was ist der Unterschied zu fummeln? Wieso gibt’s überhaupt solche Wörter wie “Vorspiel”? Was ist denn dann das “Nachspiel”? Ist es erst “das richtige” Spiel, wenn es um Penetration geht? Oder Orgasmen? Einige Menschen in meinem Leben hatten schon so manch ernüchternden Moment, als sie festgestellt haben wann sie eigentlich zum ersten Mal Sex hatten in ihrem Leben, nachdem sie ihre Definition von Sex hinterfragt und sie nicht nur und ausschließlich an den Akt der Penetration gekoppelt haben. Ein befreundetes Pärchen musste die Erfahrung machen, dass für die eine Person von Sex die Rede ist wenn nackte Körper im Spiel sind, die andere Person hingegen versteht Sex sehr wohl auch im Kontext von bekleideten Körpern und deren Miteinander. Das führte zu Beginn ihrer geöffneten Beziehung zu einem enormen Konflikt als sie feststellen mussten, dass eine von beiden mit anderen Menschen Sex hatte, selbst wenn sie es selbst nicht so definiert hätte.

Ich glaube, dass eine meiner größten Herausforderungen im Kontext von Definition war, dass ich erst einmal verstehen musste, dass Menschen Dinge komplett unterschiedlich verstehen und definieren können. Daraus ergibt sich ein vollkommen anderer Aushandlungsprozess. Dann geht es nicht nur um leere Worthülsen für große Begriffe wie Ehrlichkeit, Sex, Betrug, etc., sondern auch um deren unterschiedliche Auslegung und die Grenzen die damit einher gehen. Was bedeutet es zum Beispiel ehrlich zu sein? Heißt es bedingungslos und uneingeschränkt alles zu teilen? oder einfach nur ehrlich zu antworten, wenn man danach gefragt wird? Ist es okay Dinge zu verschweigen, weil sie nicht relevant sind? Und was ist der Unterschied zwischen der Ehrlichkeit zu sich selbst und Ehrlichkeit zu anderen? Wenn ich weiß was die andere/n Person/en von mir erwarten, wie sie Dinge verstehen und definieren, kann ich unterschiedlich Rücksicht darauf nehmen, selbst wenn ich den Begriff anders beschreiben würde. Je mehr ich weiß, umso einfacher fällt es mir logischerweise mich rücksichtsvoll und respektvoll zu verhalten.

Ich kann nicht die Gedanken meiner Beziehungspersonen lesen, ich kann und will auch nicht ihre Erwartungen und Wünsche von den Lippen ablesen, das ist utopisch und führt nur zu Enttäuschungen. Definitionen schaffen Klarheit. Ich weiß was andere Menschen brauchen, wo sie vielleicht verletzbar und unsicher sind, was ihnen gut tut und wie ich auf sie Rücksicht nehmen kann. Definitionen bedeuten auch viel, viel, viel kommunizieren, sich austauschen, sich selbst kennenlernen und hinterfragen. Klar, es ist einfach, wenn ich mich selbst hinter den Begriffen “Betrug oder Verrat” verstecke, aber es ist ehrlicher, wenn ich auch sagen kann, was genau das für mich bedeutet, wie es sich anfühlt und wie es das nächste mal anders laufen kann.

Viele Begriffe sind in meiner Wahrnehmung sehr allgemein (wie Freiheit) oder negativ vorbelastet (wie Betrug), dass es schwierig macht neutral oder spezifisch über Dinge zu reden. Ich finde es einfacher, wenn ich versuche so spezifisch wie möglich das Gefühl oder die Situation zu beschreiben. Es fühlt sich so an, als ob ich mich hinter Überbegriffen verstecken würde, sie benutzen würde, um eine Emotion oder Stimmung zu kreieren. Klar, es fühlt sich für mich einfacher an, wenn ich einfach so tue, als ob mein Gegenüber und ich die selbe Sache meinen wenn wir über Ehrlichkeit oder Betrug reden, aber letzten Endes ist mir sehr wohl klar, dass das leider nicht so ist. Spätestens wenn ich feststelle, dass ich nach meiner Definition belogen wurde. Spätestens dann kann ich mich auch nicht mehr in der Sicherheit scheinbar gleicher Definitionen wiegen und muss mich damit auseinandersetzen, was es eigentlich für mich bedeutet belogen zu werden.

Definitionen sind alles andere als einfach. Ich kann bis heute nicht genau definieren, was für mich Sex bedeutet (und wann er anfängt) oder flirten, aber immerhin kann ich inzwischen sagen, was z.B. Ehrlichkeit für mich ausmacht, wie ich alleine sein definieren und was ich unter Freiheit in Beziehungen verstehe. Ich weiß, dass ich manchmal an Definitionen und Begriffen hängen bleibe und viel und lange darüber reden kann. Ich weiß auch, dass ich damit schon so manch einer Person gewaltig auf die Nerven gegangen bin. Ich weiß aber auch, dass es sich für mich immer sehr bereichernd und gut angefühlt hat, wenn ich wusste was ich eigentlich sagen will und was ich eigentlich brauche. Definitionen bleiben für mich also der Dreh und Angelpunkt einer guten Kommunikation.

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