POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: Liebesbeziehung

Das Gegenteil von Intensität und warum ich mich danach sehne.

Vor ein paar Monaten hat ein sehr guter Freund zu mir gesagt: “Ich glaube, ich will weniger Intensität in meinem Leben”. Seitdem kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Immer und immer wieder lande ich selbst bei dem Gedanken. Was hat das eigentlich mit der Intensität auf sich? Wieso finde ich weniger Intensität gerade so verlockend? Was ist das Gegenteil von Intensität? Und will ich eigentlich gar keine Intensität mehr oder nur weniger? Oder will ich eigentlich was ganz anderes? Weiterlesen

Please follow and like us:

Trigger/Situationen in denen ich an alte Verletzungen erinnert werde..und wie gehe ich damit um?

Kenn ihr dieses Gefühl wenn euer Körper mit euch macht was er will? Wenn ihr merkt, dass ihr euch eigentlich gerade anders verhalten wollt, aber nicht könnt, weil ihr euch blockiert fühlt. Ich kenne das ziemlich gut. Meistens erfahre ich dieses Gefühl, wenn ich mich überfordert fühle und in gewisser Weise von einer Situation so dermaßen überrascht werde, dass mein Körper komplett zu macht. Sehr häufig wurde ich in solchen Momenten getriggert/an etwas erinnert. Das bedeutet, dass eine aktuelle Situation mich in ein Gefühl versetzt das mir aus der Vergangenheit schon bekannt ist und mich unter Umständen sogar an alte Traumata erinnert. Die Gefühle aus der aktuelle und der vergangenen Situation vermischen sich und es ist für mich zunächst unklar, ob ich von der aktuellen Situation überfordert bin oder mich so stark an die vergangene Situation erinnert fühle und mich in das Gefühl von damals überkommt.

Dass ich unter anderem sehr körperlich auf Trigger/Erinnerungen reagiere, macht es nicht einfacher mit ihnen umzugehen. Ich verliere für eine gewisse Zeit die Kontrolle über meinen Körper, weil er mir durch seine Abwehrreaktion signalisiert, dass er überhaupt nicht gerne an die Herausforderungen und Verletzungen aus der vergangenen Situation erinnert werden will und sie auch gewiss nicht noch einmal erleben möchte. Vor einigen Wochen gab es zum Beispiel die Situation, dass ich mich plötzlich mit einem starken Misstrauensgefühl konfrontiert sah. Ich wusste genau, dass dieses Misstrauensgefühl mit der aktuellen Situation überhaupt nichts zu tun hatte. Meine Beziehungsperson hatte mich noch nie zuvor belogen oder mir in irgend einer Form einen Anlass zum misstrauen gegeben – wieso hätte ich also misstrauisch sein sollen? Ich vertraue ihr vollkommen und doch war ich misstrauisch.

In der Regel halten wir die meisten Absprachen in unserer offenen Beziehung sehr offen, schließlich kann es passieren, dass man einfach mal seine Meinung ändert und doch Lust auf was anderes hat. Situationen können Bedürfnisse formen und bevor ich nicht in einer bestimmten Situation war, weiß ich häufig gar nicht wie weit ich Lust habe mit anderen Menschen zu gehen. Dieses mal war es anders. Zum ersten Mal hat sie den Satz „Ich hab wenn überhaupt nur Lust zu knutschen“ fallen gelassen. Im ersten Moment mochte ich, dass sie weiß was sie will und habe darin eine gewisse Sicherheit verspürt, weil ich wusste was mich potentiell erwartet und was nicht. Je länger ich jedoch über den Satz nachdachte, umso mehr verunsicherte er mich.

Was badetet überhaupt “nur knutschen” und was wenn sie ihre Meinung ändert? Vielleicht weiß sie selbst gar nicht was sie will? Vielleicht schränkt sie das auch ein? Ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mich überhaupt auf unsere Absprachen verlassen konnte und wurde misstrauisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine unverhältnismäßig starke Reaktion auf eine Situation zeige, die mich in der Regel nicht so stark verunsichern würde. Und so hat dieses Misstrauen zwei konkrete Fragen aufgeworfen:

1.) Woher kommt das Misstrauen?
2.) Was hat das mit meiner Beziehungsperson zu tun?

Nach und nach habe ich mich daran erinnert, dass in meinen ersten Versuchen eine offene Beziehung zu führen, viele Absprachen ziemlich schief gelaufen sind. Wir haben uns Dinge versprochen, um einander ein Gefühl von Sicherheit zu geben und uns selbst dadurch extrem eingeschränkt. Wir haben versucht eine offene Beziehung zu leben, in der es für jeden Atemzug eine Absprache gab. Das hat uns beide stark unter Druck gesetzt unsere Bedürfnisse innerhalb dieser Absprachen zu definieren. Bedürfnisse war nicht mehr flexibel und veränderbar und das führte häufig zu Enttäuschungen und Vertrauensbrüchen, weil wir darauf vertraut haben was die jeweils andere Person gesagt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 1 lautet also: Es erinnert mich an Situationen in denen mir eine andere Person das Gefühl von Sicherheit vermitteln wollte und sich selbst dadurch komplett eingeschränkt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 2 konnte also nur lauten: Ich hatte Angst, dass sie sich einschränkt ohne es zu merken, ich darauf vertraue und dann aus allen Wolken fallen, weil es doch nicht so ist.

Ich finde das Beispiel so treffend, weil es eine vermeintlich kleine Situation sehr groß wirken lässt, allein durch die Tatsache, dass ich mich daran erinnert gefühlt habe. Es zeigt außerdem, dass nicht zwangsläufig jemand etwas „falsch“ gemacht haben muss, damit es sich falsch anfühlt. Wenn ich mich an vergangenen Situationen erinnert fühle, dann ist das Gefühl erst einmal im Raum. Es schafft eine angespannte Atmosphäre und die ist sehr Wirkungsmächtig. In so einem Moment gibt es zwei Perspektiven auf die Situationen. Zum einen die Perspektive der getriggerten/an etwas erinnerten Person und zum anderen diejenigen der Person(en) die dieses Gefühl ausgelöst haben. Demzufolge kann es auch zwei Möglichkeiten geben damit umzugehen. Wenn ich getriggert/an etwas erinnert wurde, versuche ich mir zunächst folgende Fragen zu stellen:

  1. Gab es schon einmal eine ähnliche Situation an die mich die aktuelle Situation erinnert?
  2. Ist/sind die gleiche(n) Person(en) beteiligt?
  3. Was war die Herausforderung/Verletzung in der vergangenen Situation?
  4. Sehe ich Elemente in der jetzigen Situation, die in mir das Gefühl aus der vergangenen Situation hervorrufen?
  5. Was brauche ich gerade, um mich wohl(er) zu fühlen?

Manchmal will ich mich auch nicht sofort mit diesen Fragen beschäftigen. Manchmal will ich mich der Situation gar nicht stellen, sondern einfach in dem Gefühl verweilen oder aufstehen und gehen. Ich verspüre häufig den Impuls einfach aufzustehen und zu gehen, wenn ich getriggert wurde. Es kommt also ganz darauf an, ob und wie ich gerade den Zugang zu mir selbst finde. Ich finde es jedoch wichtig, dass ich diese Fragen früher oder später durchdenke. Es hilft mir dabe zu verstehen, ob irgend etwas hätte anders laufen können. Wer hätte etwas anderes machen können, damit das nicht passiert Letztlich finde ich es auch fair, wenn ich zu irgend einem Zeitpunkte kommunizieren kann, was da gerade passiert ist. Ich will der/den anderen Person(en) nicht das Gefühl vermitteln, dass sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie es gar nicht hat/haben.

Für die Person(en) die triggert(n)/etwas in mir ausgelöst haben ist es anders. Ich empfand es als erleichternd, wenn Menschen mich etwas besser kannten und gewisse körperliche Reaktionen deuten konnten. Einige davon sind zum Beispiel: Ein gesenkter Blick, wenig Augenkontakt, keine bis wenig körperliche Zuneigung oder Nähe, eine gebückte Körperhaltung, eine gesenkte Stimmlage und der Reflex zu fliehen und schnell aus der Situation raus kommen zu wollen. Mir hat es geholfen, wenn meine Reaktion nicht abgetan oder als übertrieben abgestempelt wurde. Ein vorsichtiges Annähern hilft mir häufig. Es kann auch sein, dass ich gar nicht in der Lage bin auf Fragen zu antworten, weil ich selbst nicht weiß was los ist, aber es tut gut zu wissen, dass die andere Person mich unterstützt und versucht einfühlsam für mich da zu sein.

Ich kann nicht erwarten (und will ich auch nicht), dass jemand meine Gefühlslage deutet. Ich weiß, dass das sehr schwierig bis unmöglich ist. Wenn ich jedoch weiß was mich triggert könnte/bestimmte Erfahrungen in mir hervorruft, kann ich andere Menschen darauf vorbereiten wie ich möglicherweise reagieren könnte und von vornherein klar stellen, wie ich auf bestimmte Situationen reagieren kann, ohne, dass diese Menschen notwendigerweise etwas “falsch” gemacht haben. Meine Beziehungsperson konnte mir nicht das Gefühl von Misstrauen nehmen, weil es nichts mit ihr und ihren Handlungen zu tun hatte. Das Misstrauen ist ein grundsätzliches Misstrauen und kann mir von niemandem genommen werden. Ich kann jedoch dabei unterstützt werden, dass es kleiner wird und vielleicht irgendwann einmal ganz weg ist. Je häufiger ich also positive Erfahrungen mache wenn ich misstrauisch bin, zum Beispiel, weil sich das Misstrauen nicht bewahrheitet, hilft es mir in Zukunft mich an positive, vergangenen Erfahrungen zu erinnern und die negativen Erfahrungen damit in den Hintergrund zu rücken. Ich ergänze quasi die negativen Erfahrungen durch die positiven und führe mich selbst Schritt für Schritt aus diesem Misstrauen heraus.

Please follow and like us:

Warum wir eine Definition von „lieben“ brauchen.

Im Dezember 1997 lief der Film „Titanic“ zum aller ersten Mal in den Kinosälen der Vereinigten Staaten. Ein Jahr später ist er der erste Film, der über eine Milliarde US-Dollar eingespielt hat und bis 2009 stand er sogar auf dem ersten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme. Bis ich 17 war, hatte ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Jedes Mal in der Hoffnung, dass Jack seinem tragischen Schicksal entkommen kann. Und jedes Mal auf absurde Art und Weise enttäuscht, dass er exakt den gleichen Tod stirbt. Auf 194 Minuten entfaltete sich vor meinen Teenager Augen „wahre Liebe“. Er, aus unpriviligierten Verhältnisse, trifft sie, aus einer sehr wohlhabenden Familie und eine große Liebesgeschichte beginnt.

Sogar in der Schule zeigte man uns den Film. Er sollte wohl eine Art Äquivalent zum Sexualkundeunterricht darstellen. Ganz nach dem Motto: „Jetzt wisst ihr, wie man Sex hat, also können wir auch in 194 Minuten das Thema Liebe behandeln“. Unabhängig davon, dass ich mir gewünscht hätte eine Definition von Sex zu hören, die sich nicht ausschließlich auf „Vorspiel“ und Penetration beschränkt, wäre es auch wünschenswert gewesen, eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was eigentlich Liebe ist. Und wie liebe ich jemanden?

Ich wuchs, wie viele andere vermutlich auch, mit einem Mysterium auf. Liebe kann alles oder nichts sein. Alle wollen lieben, aber niemand weiß so richtig was das bedeutet. Wie auch? Selten hat mich jemand gefragt „Was verstehst du eigentlich darunter?“. In den meisten Fällen wurde das Wissen voraus gesetzt. Als wäre es mit uns zur Welt gekommen. Ganz selbstverständlich. Dabei lernen wir laufen, essen und meistens mindestens eine Sprache. Wieso lernen wir nicht zu lieben?

Weil es verlockend ist Liebe für undefinierbar zu halten. Solange unausgesprochen bleibt, was genau wir darunter verstehen, bleibt es geheimnisvoll und passt in unser Verständnis von Liebe und Romantik. Wenn es um Liebe geht, wird alles versucht zu deuten, es entsteht eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon bei dem ersten Date an. Ob es gut lief oder nicht, das entscheidet sich meistens anhand der Körpersprache, non-verbale Kommunikation ist hier angesagt, den Konsens laut auszusprechen empfinden viele als Stimmungskiller. So geht es häufig weiter. Im Bett kommunizieren, wo meine Grenzen sind, was sich gut anfühlt oder nicht, das kostet die meisten Menschen Überwindung. Und sollten wir uns dazu entscheiden Beziehungen(en) zu führen, wird selbst dort zu wenig darüber geredet, was wir eigentlich unter einer Beziehung verstehen.

Letztlich geht es um Definitionen und deren Wirkungsmacht. Es ist schwierig über die Kunst zu lieben zu reden, wenn es gar nicht um das Verb „lieben“ und somit eine aktive Handlung, sondern um das Substantiv „Liebe“ geht, mit dem alles mögliche gemeint sein kann. Jemanden zu lieben ist eine aktive Handlung, ich bin nicht geleitet von meinen zügellosen Emotionen, die mich dazu nötigen Menschen in meinem Leben zu lieben. Ich habe mich selbst dazu entschlossen, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen will, ich wurde nicht gezwungen. Liebe kann alles sein oder wie es die Definition im Duden so schön ausdrückt: „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“. Klar, jemanden zu lieben hat häufig auch mit Zuneigung und Hingezogensein zu tun, aber nicht in erster Linie und besonders nicht als Grundlage für liebende Beziehungen.

Jemanden zu lieben ist Arbeit und es ist eine Kunst, wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ ausführt. Dort schreibt er „wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin lernen wollten“.

Wir brauchen klare Definitionen, um über die Dinge die wir empfinden zu reden. Eine Definition verstehe ich dabei als Rahmen, der uns nicht von vornherein darauf festlegt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Vielmehr macht er es uns möglich, liebende Handlungen als solche zu verstehen und erwidern zu können. Im Gegensatz dazu zeichnet unser Verständnis von Liebe häufig ein Bild von „fluffig-leichter-Ponyhof“. Alles ist einfach und schön, und alles bleibt in Zukunft auch einfach und schön.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. Für den Anfang kann uns dabei die Definition von Scott Peck aus dem Buch „The Road Less Travelled“ eine große Hilfe sein. Dort definiert er lieben als „the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one`s own or another’s spiritual growth“. („Der Wille, für den Zweck seines eigenen oder dem eines anderen geistigen Wachstums, über sich hinaus zu wachsen“). Liebende Beziehungen helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, weil sie Grenzen aufzeigen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Wenn wir also über lieben reden wollen, dann kann es helfen ein Verständnis davon zu haben, was wir eigentlich meinen.

Please follow and like us:

4 Mütter, 1 Kind.

Mein Bruder und ich haben nicht viel gemeinsam, trotzdem ist er die einzige Person in meiner Familie, die mich schon immer dabei unterstützt hat, so zu sein, wie ich bin. Ich war 16 und er war 10 Jahre alt, als ich mich vor ihm geoutet habe. Selten hatte ich so ein unaufgeregtes Outing. Ihm war es vollkommen gleich, wen ich begehre und wie ich begehre, solange ich glücklich bin, war er es auch. Weiterlesen

Please follow and like us:

Embrace your jealousy. Ein Plädoyer auf Eifersucht.

Als ich angefangen habe, mich mit offenen Beziehungen auseinanderzusetzen, war die einzige Message, die ich immer und immer wieder bekommen habe: Eifersucht ist schlecht. Das Ziel sollte sein, mich davon zu befreien, weil alles, was dahintersteht, verwerflich ist. Mein erstes Buch zu dem Thema schaffte es sogar, diese Aussage in Bilder zu fassen. Auf dem Cover war ein Herz zu sehen, umschlungen von stählernen Ketten, versiegelt durch ein mächtiges Schloss. Weiterlesen

Please follow and like us:

Sollte ich häufiger alleine schlafen?

Als ich noch in einer monogamen Zweierbeziehung war und mit meiner Beziehungsperson zusammen gewohnt habe, hat mich die Frage kaum beschäftigt. Es gab ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Das ließ nicht besonders viel Raum, um sich die Frage zu stellen, ob man in der kommenden Nacht nicht lieber alleine schlafen möchte. Klar, manchmal ist eine Person weg gefahren und man musste gezwungenermaßen alleine schlafen, aber das hatte recht wenig damit zu tun, dass man sich aktiv für eine Nacht alleine entschieden hat. Weiterlesen

Please follow and like us:

Warum oute ich mich nicht?

Mit 13 hat meine Mutter mich zwangsgeoutet. Ich wusste nicht einmal selbst, was oder wen oder wieso ich überhaupt begehre. Vor Sorge über meine Suche nach mir selbst, ist sie in meine Privatsphäre eingedrungen, hat sich meiner Gedanken und Gefühle ermächtigt und mich zur Rede gestellt. Zweifelsohne war das einer der schmerzvollsten Momente meiner Jugend. Ein Moment, den ich heute gerne als “den Bruch” in unserer Beziehung bezeichne. Weiterlesen

Please follow and like us:

Grenzen. Embrace the power of No.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich eine für mich sehr bahnbrechende Erkenntnis. Eigentlich waren es mehrere bahnbrechende Erkenntnisse. Das meiste davon hatte unmittelbar mit einem Podcast über Boundaries: a conversation with Hilary Nunes auf dem Sender Carnalcopia zu tun. Dieses 1-stündige Gespräch über Grenzen hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben ein Stück weit verändert. So pathetisch das jetzt klingen mag, ich will euch erklären wieso es eigentlich ganz einfach war.

Es gab Zeitpunkten in meinen Beziehungen – und es gibt sie immer und immer wieder – wo ich mich selbst noch nicht gut genug kannte, um abschätzen zu können, wo eigentlich meine Bedürfnisse und die damit verbundenen Grenzen lagen. Und selbst als ich es dann wusste, habe ich mich nicht immer getraut sie zu äußern. Klar, zum Teil lag es daran, dass ich nicht genau wusste was ich eigentlich will, aber zum größten Teil ging es bei mir um zwei grundlegende Ängste:

  1.  Mein Bedürfnis könnte sich so sehr von dem meiner Partner*innen unterscheiden, dass ich meine Beziehung riskiere
  2. Die andere Person respektiert nicht meine Grenzen/belächelt mich/versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen etc. und dann fühle ich mich zurückgewiesen, abgelehnt oder nicht ernst genommen

Was tun also? Ich habe es mir in den meisten Fällen sehr einfach gemacht. Das Unbehagen für mich zu behalten schien einfacher als zu kommunizieren, was denn mein eigenes Bedürfnis ist – und noch dazu war es Risikofreier.

Ich habe mir zum Beispiel lange Zeit nicht eingestehen wollen (da hat es also an Ehrlichkeit zu mir selbst und zu andere gefehlt), dass ich auch andere Menschen auf dieser Welt außerhalb meiner Beziehung(en) attraktiv und sexuelle anziehend finde und der Rest der Welt unter einem magischen Deckmantel verschwindet. Es war also ein bisschen wie ein doppelter Schlag ins Gesicht als meine Beziehungsperson damals eine geöffnete Beziehung probieren wollte. Ich war hauptsächlich enttäuscht von mir selbst, aber die Enttäuschung hat sich damals in Form von Wut, Traurigkeit und Verlustängsten gegenüber der anderen Person geäußert, schließlich war es einfacher negative Gefühle auf andere zu projizieren als die Ursache des Ganzen bei mir selbst zu suchen.

Die unmittelbare Konsequenz aus meinem scheinbar einfachen Weg: Ich habe angefangen zu zweifeln. Und zwar nicht nur an mir und mit welcher Intention ich eigentlich Dinge mache, sondern auch an anderen Menschen. Von mir habe ich auf andere geschlossen und mich gefragt, ob Menschen gerade wirklich das wollen was sie sagen. Wie kann ich auch ein „Ja“ wertschätzen, wenn ich immer wieder in Frage stelle, dass es eben so gut ein „Nein“ sein könnte. Eigentlich hatte ich im Grunde genommen Angst vor der Konsequenz aus einem “Nein”. Was hab ich also gemacht?

Ich musste meine Logik komplett umstellen. Anstatt mich darauf zu fixieren, dass “Ja” etwas positives und “Nein” etwas negatives ist, habe ich, vorallem seitdem ich das erste mal den Beitrag über Boundaries gehört habe, folgendes gelernt: Wenn ich weiß, dass Menschen bewusst und selbstsicher zu Dingen “Nein” sagen können, kann ich ihr “Ja” viel mehr wertschätzen. Embrace the power of No. Anstatt mich von einem “Nein” abschrecken zu lesen oder das Gefühl zu haben Ablehnung und Zurückweisung zu erfahren, versuche ich es aus einer anderen Perspektive zu sehen – auch wenn es mir immer wieder schwer fällt mich von dem Gefühl von Zurückweisung zu distanzieren, weil das starke Emotionen in mir hervor ruft. Je mehr ich weiß, was Menschen wollen oder nicht, umso schöner und sicherer fühlt es sich an, umso sicherer fühle ich mich in der Beziehung. Grenzen fühlen sich gut an, weil ich weiß was sich gut anfühlt für andere und ich kann entscheiden, wie ich darauf Rücksicht nehmen will oder nicht.  Grenzen helfen mir mich zu verstehen und ich bin der Meinung, dass sie auch anderen helfen mich besser zu verstehen. Klar, ich kann sie komplett über Bord werfen und genau das Gegenteil von allem machen. Genau so gut kann ich versuchen rücksichtsvoll und umsichtig mit den Grenzen anderer Menschen umzugehen und sie nicht mit Füßen zu treten. Schließlich bin ich nicht in Beziehungen mit Personen die mir unwichtig sind, wieso sollte ich sie bewusst mit meinen Handlungen verletzen? So lerne ich mich also kennen. Eine meiner Beziehungspersonen hat sehr schön gesagt, dass es logischerweise schwierig ist anderen näher zu kommen, weil man sich öffnet und dadurch komplett auf sich selbst zurück geworfen wird. Je näher ich jemandem komme, umso näher komme ich mir selbst und klar kann das beängstigend und schwer sein und Dinge hervor holen die tief in mir lauern.

So musste ich also über mich lernen, dass ich starke Verlustängste habe die Form von Beziehungen zu verlieren die ich führe. Aus Angst das zu “verlieren” habe ich Bedürfnisse nach hinten gestellt oder sie gar nicht erst zugelassen. Zum einen ist es glaube ich absurd, weil ich damit meinen Beziehungspersonen unterstelle, dass sie damit nicht klar kommen würden und die Angst berechtigt ist und zum anderen erachte ich mich selbst und meine Bedürfnisse als nicht wertvoll genug, dass ich sie so sehr als Priorität setze und es unabdingbar ist sie anzusprechen. Nachdem ich also vor einigen Tagen zum gefühlt zehnten Mal den Beitrag über Boundaries angehört habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass alle meine Emotionen und Bedürfnisse eine Daseinsberechtigung haben, ob sie erfüllt werden können oder ob es gut oder schlecht ist ihnen nachzugehen ist in erster Linie unwichtig. Aber ich glaube, dass es wichtig ist Dinge erst einmal ansprechen zu können und darüber zu reden.

Grenzen und Bedürfnisse können sich aber logischerweise auch verändern. Was ich vor fünf Jahren wollte ist vielleicht nicht mehr das gleiche was ich jetzt will. Es ist sogar ziemlich sicher nicht das gleiche. Zum Teil wollte ich sogar meine Grenzen bewusst verändern. Ich wollte irgendwann keine monogame Beziehung mehr haben und was für mich damals als “Betrug” und Grenze schien, wurde plötzlich ehrlich gelebte Realität. Sex, Liebe, Körperlichkeiten, Zuneigung, etc. mit Menschen außerhalb meiner einzigen Beziehung, waren auf einmal kein Tabu mehr und auch keine Grenze, ich wollte sie bewusst verschieben und verändern, weil es sich wichtig und richtig angefühlt hat. Gut oder einfach hat es sich nicht im ersten Moment angefühlt und ich habe lange gebraucht, um mich in dem neunen Konstrukt sicher zu fühlen, aber nur weil es sich im ersten Moment scheiße anfühlt und vielleicht weh tut, heißt es nicht, dass es in Zukunft auch noch so bleibt.

Letzten Endes war es für mich irgendwie wichtig, mich auf einen Prozess einzulassen der nicht von heute auf morgen funktioniert hätte und Zeit und Geduld in Anspruch genommen hat. Eine gute Metapher dafür sind die Lauferlebnisse einer meiner Partnerin. Sie geht gerne regelmäßig 8-10 km joggen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie einfach so von heute auf morgen einen Halb-Marathon (21km) laufen könnte. Ihre physische Grenze liegt also bei 10 km, da sie aber gerne einen Halb-Marathon laufen wollte, hat sie angefangen sich darauf vorzubereiten und ihre Grenze hat sich verändert. Ihr Bedürfnis hat sich verändert, sie hat sich auf den Prozess der Veränderung eingelassen und damit hat sich auch eine neue Grenze entwickelt. Nächstes Jahr oder in zwei Jahren kann es eben wieder eine komplett andere Grenze sein.

Ich glaube, dass nicht alles durch Kommunikation gelöst werden kann, manche Dinge lassen sich so häufig besprechen bis es nicht mehr weiter geht und Kommunikation nur ermüdend ist und man sich im Kreis dreht. Ich glaube aber auch, und das ist zumindest mir wichtig geworden, dass es sich gut anfühlt eine Atmosphäre in meinen Beziehungen zu schaffen, in der es erst einmal gut ist Dinge anzusprechen. Was damit dann passiert und welche Emotionen das hervor holt ist eine andere Sache, aber ich möchte mich darum bemühen und meine Partner*innen dazu ermuntern ehrlich mit mir und ehrlich mit sich selbst zu sein. Das bedeutet, dass ich versuche wertschätzend mit Gefühlen und Gedanken anderer umzugehen und ihnen von meiner Seite (so gut ich kann) ein sicheres und aufgehobenes Gefühl zu vermitteln.

Das war Teil drei meiner Kommunikationsstrecke. Hier findet ihr die beiden anderen Beiträge:

Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Das kleine 1×1 der Kommunikation..und wieso ist das eigentlich so verdammt schwer?

Please follow and like us:

© 2018 POLYPLOM

Theme von Anders NorénHoch ↑