POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: offene Beziehung

Warum ich Widersprüche mag, und was sie mit Polyamorie zu tun haben

Seit ich in Deutschland lebe, bin ich eigentlich von Widersprüchen umgeben. Story of my life gewissermaßen. Ich bin seit meinem 8ten Lebensjahr in einem Land groß geworden, in dem ich bis vor ca. 70 Jahren noch umgebracht worden wäre. Soweit ich weiß, hat meine Familie keine Verwandten in Deutschland oder anderen Ländern gehabt, in denen Jud*innen ermordet wurden… Weiterlesen

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Beziehungen öffnen – wo fange ich an?

Ich weiß, ich weiß, nicht alle Menschen kommen irgendwann an den Punkt an dem sie etwas “zu öffnen” haben. Viele Haben schon ewig nicht-monogame Beziehungen und mussten noch nie etwas öffnen. Andere kommen vielleicht in bestehende Beziehungen dazu oder bezeichnen sich als Solo oder Single Poly. Und wiederum andere mögen den Ausdruck “offen” nicht, er suggeriert etwas zwangsläufig positives, lieber ist ihnen “nicht-monogame Beziehungen”. Weiterlesen

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Auf der Suche nach meiner eigenen Exklusivität.

Unerwarteterweise hat mich das Sommerloch härter erwischt als ich hätte ahnen können. Fast 2 Monate hab ich jetzt nichts mehr auf meinem Blog veröffentlich, dabei ist so viel passiert! Die Babypläne schreiten in großen Schritten voran, erste Um- und Einzugspläne sind in der Verwirklichungsphase, ich werde bald meine ersten “Beziehungen öffnen – wo fange ich an?” Workshops geben und kommenden Donnerstag führt der Blog Sextapes-podcast ein Interview mit mir. Super aufregend das alles und ich will euch in nächster Zeit mehr davon berichten.

Eins nach dem andern.

Heute geht es in meinem Beitrag um das Thema Exklusivität. In der Vorbereitung auf den offenen Beziehungsworkshop, hab ich intensiv meine ersten Jahre und Erfahrungen mit nicht-monogamen Beziehungen Revue passieren lassen. Dabei bin ich häufiger bei dem Thema Exklusivität hängen geblieben, weil ich mich daran erinnert habe, dass es besonders hart für mich war den Bereich der sexuellen Exklusivität zu verlieren (damals ging es ausschließlich darum mit anderen Menschen sexuelle Begegnungen zu haben, von Gefühlen war noch nicht die Rede ;)). Mein erstes Gefühl damals war “wenn meine Beziehungsperson Sex mit anderen haben will, dann stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht“. Ich war zunächst sehr skeptisch und verletzt und traurig, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir selbst noch nicht eingestanden, dass ich selbst super neugierig war und mich nur nicht getraut hatte den gleichen Schritt zu wagen wie meine Beziehungsperson: das Thema offene Beziehung anzusprechen.

Ich empfand es als eine große Herausforderung dieses Verständnis von Exklusivität gewissermaßen aufzulockern, denn über all dem stand für mich die Frage: Kann es nur eine Exklusivität geben?

Für mich war es total wichtig meine Beziehung(en) genau unter die Lupe zu nehmen und für mich persönlich zu definieren, was ich daran als exklusiv verstehen möchte und welche Exklusivität ich bereit bin gewissermaßen “aufzugeben”. Dabei hab ich bemerkt, dass ich total viel Sicherheit über geteilte Erinnerungen und gemeinsam erlebte Lebenszeit erfahre. Das ist für mich etwas sehr exklusives und dieses Gefühl erfahre ich in der Intensität nur mit meinen Beziehungspersonen. Deswegen wollte ich zum Beispiel auch noch nie eine “Don’t ask, don’t tell” Beziehung haben, weil ich dann das Gefühl hätte, einen wichtigen Teil in dem Leben meiner Beziehungspersonen nicht mitzubekommen und gleichzeitig nicht mit ihnen teilen zu können.

Exklusiv kann für mich auch Intimität sein. Das muss nicht unbedingt sexuelle Intimität sein, denn Intimität umschließt so viel mehr als das. Intim kann für mich eine Umarmung sein, wenn es mir besonders schlecht geht und ich mich dagegen sträube es mir selbst einzugestehen. Mich zu umarmen und dabei zu unterstützen meine Gefühle zuzulassen kann etwas ganz spezielles und unter Umständen auch etwas sehr exklusives sein. Diese Art von Exklusivität verspüre ich in mancher Hinsicht auch mit Freund*innenschaften. Ich mache da keine Hierarchie auf, Exklusivität sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, welche Bedeutung der jeweilige Mensch für mich hat. Ich denke, dass der Dreh- und Angelpunkt darin besteht, dass Exklusivität Beständigkeit vermittelt, diese wiederum schafft Geborgenheit und die wiederum gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für mich, um mich auf Menschen einlassen zu können. Ich will darauf vertrauen können, dass Menschen auf die ich mich einlasse nicht von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwinden. Ich will darauf vertrauen können, dass ich ihnen als Mensch wichtig bin, weil sie mich als Menschen schätzen (und lieben) – ganz unabhängig von unserer Beziehungsform.

Und das ist für mich die wichtigste Exklusivität.

Ganz nach dem Prinzip „trial and error“ hab ich mich selbst ins kalte Wasser der nicht-Monogamie geworfen. Niemand konnte mir damals sagen, ob sich meine Angst, dass meine Beziehungsperson eine „bessere, spannendere, tollere…“ Person findet und mich in der Konsequenz verlässt, bestätigen wird oder nicht. Heute würde ich sagen, dass sich meine Angst hätte nur bestätigen können, wenn eine/beide von uns damals gar nicht an einer offenen Beziehung interessiert gewesen wären und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hätten, um unsere Beziehung zu retten. Das konnte ich damals noch nicht wissen, ich hatte noch nicht das wohltuende Gefühl der Erfahrung. Worauf ich mich allerdings verlassen konnte, dass war unsere zwischenmenschliche Bindung. Ich wusste, dass egal was passiert, mir niemand diese intensive und durchaus auch exklusive Bindung nehmen kann.

Die Erfahrung machte einiges leichter. Indem ich gemerkt habe, dass meine Beziehungsperson mich nicht weniger liebt oder ein weniger wichtiger Mensch in meinem Leben sein will, konnte ich mich in vielerlei Hinsicht zunehmend für offene Beziehungen begeistern. Ich denke, dass Beziehungen so viel mehr ausmacht als bloß der Sex, allein schon, weil manche Menschen gar keinen Sex haben wollen oder irgendwann aufhören Sex zu haben im Laufe ihrer Beziehung. Beziehungen auf Sex zu beschränken würde sie meiner Meinung nach sehr eindimensional erscheinen lassen, weil Beziehungen sich auf unsere Sexualität reduzieren würden. Dabei ist jede Beziehung auf ihre Art und Weise exklusiv und besonders, auch über den Sex hinaus.

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Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen?

Dieser Eintrag wird alles andere als theoretisch. Ich kann ihn nur schwer mit einer gewissen Distanz verfassen, weil das Thema immer und immer wieder eine große Herausforderung für mich darstellt. Ich verbinde mit Eifersucht viele unterschiedliche Emotionen. Die meisten davon sind negativ, das kann ich nicht leugnen, aber ich möchte euch gerne erklären, wieso es auch durchaus und vielleicht sogar in erster Linie etwas positives hat.

Wenn ich an Eifersucht denke, dann denke ich vorallem an schmerzvolle Situationen. Ich erinnere mich so zum Beispiel an die Zeit, in der meine Partnerin und ich unsere geschlossene, romantische Zweierbeziehung (RZB) zu einer geöffneten Beziehung veränderten. Ich kann mich gut an den Schmerz erinnern, an die Trauer und das Gefühl, dass mein komplettes Weltbild einmal Kopf steht. Ich kann mich auch gut erinnern, dass ich die ganze Zeit dachte, dass ich das nicht empfinden darf. Wieso sollte ich auch, wenn ich die Person liebe und möchte, dass sie glücklich ist? Wieso kann ich das nicht? Wieso bin ich dazu nicht in der Lage? Das waren alles Fragen, die mir immer und immer wieder im Kopf herum gingen. Ich konnte den Schmerz und die Trauer nicht so richtig zulassen, aber trotzdem habe ich gelitten. Ich habe so sehr gelitten, dass ich zum Teil auf dem Boden lag, geweint hab und mich vor lauter Herzschmerz und Trauer nicht mehr bewegen konnte.

Ich weiß ganz genau, dass es nicht darum geht, dass meine Partner*innen einen Menschen finden, der besser zu ihnen passt, spannender ist, großartigeren Sex mit ihnen hat etc. Mir ist durchaus bewusst, dass es meistens keine realen Gefahren sind, trotzdem fühle ich sie sehr bewusst. Genau das macht es für mich so schwer die Gefühle zuzulassen. Die ersten Bücher und “Ratgeber” die ich zu diesem Thema gelesen habe, haben mir alle vermittelt, dass es schlecht ist, dass ich das fühle und sie mir allesamt helfen wollen dieses Gefühl zu überwinden. Selbst jetzt, wenn ich nach Büchern zum Thema”Eifersucht” suche, schreiben viele davon “Eifersucht überwinden”, Eifersucht auflösen”, “Eifersucht: Bewältigungsstrategien”etc. Eifersucht ist also häufig als etwas schlecht und ablehnenswertes gesehen. Vielleicht will ich Eifersucht aber auch gar nicht “überwinden”, vielleicht will ich viel mehr lernen mit ihr in einem friedlichen Miteinander zu leben und sie als Teil meiner großen, großen Gefühlswelt zu sehen. Wieso muss Eifersucht auch von Anfang an als etwas per se negatives gesehen werden? Kann es nicht auch erst einmal ohne das Label “negativ” gelten? Ich denke schon!

Während meiner Auseinandersetzung mit mir selbst (und unzähligen aufschlussreichen Blogs, Online Artikeln und Büchern), ist mir immer klarer geworden, dass Eifersucht nicht nur eine Störung meines behutsamen Alltags ist, sondern auch als Aufstörung oder eine Art Antrieb funktioniert. Sie deutet darauf hin, dass mir eine Beziehung, welcher Art auch immer,  wichtig ist. Letzten Endes ist es also irgendwie ein Mechanismus, um die Art von Beziehung zu beschützen die ich habe,  mit dem Ziel sie Aufrecht zu erhalten. Was für ein komplexes Gebilde steht also hinter Eifersucht?

Ich stelle es mir gerne – auch wenn es ein bisschen kitschig ist – folgendermaßen vor: IMG_1405.jpg

Ich glaube, dass ihr trotz meiner miserablen Zeichenkünste erkennen könnt, was es darstellen soll: einen Eisberg. Eifersucht ist sozusagen bildlich gesprochen der Gipfel des Eisbergs. Er deutet zwar an, was unter ihm lauert, aber auf den ersten Blick zieht man nur die Spitze, somit empfinde ich zunächst das Gefühl von Eifersucht. Darunter liegen all die unterschiedlichen, mehr oder weniger offensichtlichen Gefühle, die mich unmittelbar zu mir selbst führen. Durch all den Schmerz bin ich letzten Endes gezwungen mich mit mir selbst auseinander zu setzen und auf große Entdeckungsreise in die Tiefen meiner Gefühlswelt einzutauchen. Was ich dort finde? Viele, viele Ängste. Unter anderem auch Wut, hauptsächlich auf mich selbst und immer wieder Trauer und Traurigkeit. Ich empfand dabei den Artikel “What are you experiencing when you are jeaulous?” von Kathy Labriola als sehr, sehr hilfreich (selbst wenn er zum Teil heteronormativ ist), weil er mir geholfen hat Eifersucht innerhalb dieser drei sehr dominanten, negativen Emotionen zu verstehen : Wut, Trauer und Angst. Ich finde es total hilfreich, wenn ich meine Emotionen strukturieren kann und sie sich nicht wie ein diffuser, großer, unüberwindbarer Knoten anfühlen. So werden sie greifbarer und realer und ich kann daran arbeiten und mich verändern, wenn ich das möchte. Die drei Emotionen sind jedoch auch wieder “nur” Unterkategorien und es hilft mir häufig so klar wie möglich zu definieren, was ich eigentlich fühle. Dabei kann es von einem Gefühl von Ohnmacht, über Depressionen und Hilflosigkeit, bis hin zu Verlustängsten, der Angst vor Einsamkeit, Schwindelgefühlen, Motivationslosigkeit und Bauchkrämpfen etc. reichen. Kathy Labriola schlägt außerdem vor einen jealousy pie zu zeichnen, der einem verdeutlichen soll, ob und welche der drei Emotionen vordergründig zum Vorschein kommen. Das kann folgendermaßen aussehen:

IMG_1406.jpg

Wichtig Fragen wären in meinem Fall:

1.) Wovor habe ich Angst?

2.) Wie wahrscheinlich ist es, dass sich meine Ängste bewahrheiten?

3.) Wie gehe ich damit um, wenn sie sich bewahrheiten? Was kann ich tun, um mich um mich selbst zu kümmern? Was brauche ich?

Der letzte Punkt ist besonders wichtig, weil das eigentlich der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Transformation ist. Ich kann nicht besser mit Situationen umgehen, wenn ich nicht weiß was ich brauche, um damit umzugehen. Was fühlt sich gut an? Was kann ich machen, um self care zu betreiben? Mir hilft es zum Beispiel mir schöne Dinge vorzunehmen, wenn mich Situationen verunsichern. Ich muss nicht den ganzen Abend zu Hause sitzen und mich gewissermaßen zwingen das Gefühl durchzustehen und auszuhalten, wenn eine meiner Beziehungspersonen gerade auf einem Date ist. Es ist auch okay  und sogar sehr schön mir eine schöne Abendgestaltung zu überlegen und gegebenenfalls Freund*innen um Unterstützung zu bitten. Ich muss nicht alleine irgendetwas durchstehen, das fällt unter den Punkt “nicht zu hart zu sich selbst sein”, auf den ich etwas später eingehen werde. Manchmal ist es auch schön sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass viele meiner Vorstellungen von Liebe und Beziehungen von einer heteronormativen Gesellschaft geprägt sind. Es macht total Sinn, dass ich eifersüchtig werde, wenn mir beinahe jeder Film und jedes Buch, was ich in meiner Jugend gelesen und gesehen habe, suggeriert, dass jede Beziehung aus zwei Menschen besteht und jegliche Form von Interesse, das über Freundschaft hinaus geht, als verwerflich und problematisch dargestellt wird. Wir lernen, dass Menschen nur das Interesse an anderen Menschen entwickeln, wenn sie unzufrieden sind in ihrer Beziehung und ihre*n Partner*in nicht mehr begehren. Dass das nicht zwangsläufig stimmt, ist schwer zu realisieren, wenn ich die meiste Zeit meines Lebens diese Dinge nicht in Frage gestellt habe. In welchem Film kriege ich auch zu hören: “Warte, lass dich nicht von diesem Film beeinflussen, du kannst immer noch selbst entscheiden was du unter Eifersucht verstehst” oder “Kinder, das ist nur eine Form von Beziehung, da draußen gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Husch, husch”. Es gibt weniger role models für Polybeziehungen in Filmen/Büchern/Zeitschriften etc. und so erscheint es mir auch logisch, dass es nicht einfach ist seine eigenen Regeln, Grenzen, Strukturen und Bedürfnisse, außerhalb einer geschlossenen Monomanen Beziehung zu finden. Das kostet viel Energie und Zeit und manchmal bin ich dabei schon aus allen Wolken gefallen, weil meine Beziehung doch nicht so unveränderter schien wie ich dachte.

Ich habe für mich vor nicht all zu langer Zeit gelernt, dass es vollkommen okay ist zu trauern, leiden und all den Schmerz zu empfinden, der mit dem Gefühl von Eifersucht in Erscheinung tritt. Daran ist nichts verwerfliches oder schlechtes. Besonders realistisch ist es auch, dass ich als Person in einer Polybeziehung und zwei offenen Beziehungen, trotzdem auch immer wieder eifersüchtig bin. Ich bin nicht immun dagegen, ich bin genau so wie andere Menschen auf dieser Welt manchmal unsicher und manchmal auch besonders empfindsam für gewisse Situationen und ich will mich dafür nicht schämen müssen. Mir ist es jedoch auch wichtig geworden, dass ich mich nicht von der(n) Emotion(en) überwältigen lasse. Eifersucht kann so kompliziert sein und einen im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen überrollen, aber ich mache mir immer wieder bewusst, dass ich immer noch die Kontrolle über meine Handlungen habe und an bestimmten Sachen arbeiten kann, wenn ich es denn will. Um diesen Eintrag allerdings nicht ins Unendliche auszuweiten, schreibe ich darüber in  “Why is jealousy good Part 2”. Ich will außerdem gerne (m)einen Umgang mit Eifersucht mit euch teilen, auf self care und auf die Fragen “Was, wenn mich Situationen von früher triggern? und “Was hat eigentlich Eifersucht mit Vertrauen zu tun?” eingehen.

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