POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: offene Beziehungen (Seite 2 von 2)

Auf der Suche nach meiner eigenen Exklusivität.

Unerwarteterweise hat mich das Sommerloch härter erwischt als ich hätte ahnen können. Fast 2 Monate hab ich jetzt nichts mehr auf meinem Blog veröffentlich, dabei ist so viel passiert! Die Babypläne schreiten in großen Schritten voran, erste Um- und Einzugspläne sind in der Verwirklichungsphase, ich werde bald meine ersten “Beziehungen öffnen – wo fange ich an?” Workshops geben und kommenden Donnerstag führt der Blog Sextapes-podcast ein Interview mit mir. Super aufregend das alles und ich will euch in nächster Zeit mehr davon berichten.

Eins nach dem andern.

Heute geht es in meinem Beitrag um das Thema Exklusivität. In der Vorbereitung auf den offenen Beziehungsworkshop, hab ich intensiv meine ersten Jahre und Erfahrungen mit nicht-monogamen Beziehungen Revue passieren lassen. Dabei bin ich häufiger bei dem Thema Exklusivität hängen geblieben, weil ich mich daran erinnert habe, dass es besonders hart für mich war den Bereich der sexuellen Exklusivität zu verlieren (damals ging es ausschließlich darum mit anderen Menschen sexuelle Begegnungen zu haben, von Gefühlen war noch nicht die Rede ;)). Mein erstes Gefühl damals war “wenn meine Beziehungsperson Sex mit anderen haben will, dann stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht“. Ich war zunächst sehr skeptisch und verletzt und traurig, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir selbst noch nicht eingestanden, dass ich selbst super neugierig war und mich nur nicht getraut hatte den gleichen Schritt zu wagen wie meine Beziehungsperson: das Thema offene Beziehung anzusprechen.

Ich empfand es als eine große Herausforderung dieses Verständnis von Exklusivität gewissermaßen aufzulockern, denn über all dem stand für mich die Frage: Kann es nur eine Exklusivität geben?

Für mich war es total wichtig meine Beziehung(en) genau unter die Lupe zu nehmen und für mich persönlich zu definieren, was ich daran als exklusiv verstehen möchte und welche Exklusivität ich bereit bin gewissermaßen “aufzugeben”. Dabei hab ich bemerkt, dass ich total viel Sicherheit über geteilte Erinnerungen und gemeinsam erlebte Lebenszeit erfahre. Das ist für mich etwas sehr exklusives und dieses Gefühl erfahre ich in der Intensität nur mit meinen Beziehungspersonen. Deswegen wollte ich zum Beispiel auch noch nie eine “Don’t ask, don’t tell” Beziehung haben, weil ich dann das Gefühl hätte, einen wichtigen Teil in dem Leben meiner Beziehungspersonen nicht mitzubekommen und gleichzeitig nicht mit ihnen teilen zu können.

Exklusiv kann für mich auch Intimität sein. Das muss nicht unbedingt sexuelle Intimität sein, denn Intimität umschließt so viel mehr als das. Intim kann für mich eine Umarmung sein, wenn es mir besonders schlecht geht und ich mich dagegen sträube es mir selbst einzugestehen. Mich zu umarmen und dabei zu unterstützen meine Gefühle zuzulassen kann etwas ganz spezielles und unter Umständen auch etwas sehr exklusives sein. Diese Art von Exklusivität verspüre ich in mancher Hinsicht auch mit Freund*innenschaften. Ich mache da keine Hierarchie auf, Exklusivität sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, welche Bedeutung der jeweilige Mensch für mich hat. Ich denke, dass der Dreh- und Angelpunkt darin besteht, dass Exklusivität Beständigkeit vermittelt, diese wiederum schafft Geborgenheit und die wiederum gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für mich, um mich auf Menschen einlassen zu können. Ich will darauf vertrauen können, dass Menschen auf die ich mich einlasse nicht von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwinden. Ich will darauf vertrauen können, dass ich ihnen als Mensch wichtig bin, weil sie mich als Menschen schätzen (und lieben) – ganz unabhängig von unserer Beziehungsform.

Und das ist für mich die wichtigste Exklusivität.

Ganz nach dem Prinzip „trial and error“ hab ich mich selbst ins kalte Wasser der nicht-Monogamie geworfen. Niemand konnte mir damals sagen, ob sich meine Angst, dass meine Beziehungsperson eine „bessere, spannendere, tollere…“ Person findet und mich in der Konsequenz verlässt, bestätigen wird oder nicht. Heute würde ich sagen, dass sich meine Angst hätte nur bestätigen können, wenn eine/beide von uns damals gar nicht an einer offenen Beziehung interessiert gewesen wären und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hätten, um unsere Beziehung zu retten. Das konnte ich damals noch nicht wissen, ich hatte noch nicht das wohltuende Gefühl der Erfahrung. Worauf ich mich allerdings verlassen konnte, dass war unsere zwischenmenschliche Bindung. Ich wusste, dass egal was passiert, mir niemand diese intensive und durchaus auch exklusive Bindung nehmen kann.

Die Erfahrung machte einiges leichter. Indem ich gemerkt habe, dass meine Beziehungsperson mich nicht weniger liebt oder ein weniger wichtiger Mensch in meinem Leben sein will, konnte ich mich in vielerlei Hinsicht zunehmend für offene Beziehungen begeistern. Ich denke, dass Beziehungen so viel mehr ausmacht als bloß der Sex, allein schon, weil manche Menschen gar keinen Sex haben wollen oder irgendwann aufhören Sex zu haben im Laufe ihrer Beziehung. Beziehungen auf Sex zu beschränken würde sie meiner Meinung nach sehr eindimensional erscheinen lassen, weil Beziehungen sich auf unsere Sexualität reduzieren würden. Dabei ist jede Beziehung auf ihre Art und Weise exklusiv und besonders, auch über den Sex hinaus.

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Konfliktstrategien zum ausprobieren

Mir ist vorhin aufgefallen, dass ich schon richtig lange nichts mehr zu Kommunikation geschrieben habe. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich mein Vorhaben den Blog auf Englisch und Deutsch zu gestalten schon zu lange vor mir her schieben. Und weil ich entschieden habe, dass heute ein “ich mache das endlich” Tag ist, kommt hier mein erster Beitrag auf Englisch und Deutsch. Tada! 

Reden ist nicht gleich reden

Ich glaube, dass es in erster Linie wichtig ist Kommunikation weitläufiger als reden zu verstehen. Wenn reden das einzige Mittel der Wahl ist, ist die Palette der Möglichkeiten begrenzt. Irgendwann gelangen viele an ihre Grenzen. Wie geht es dann weiter? Wie kann Kommunikation in Konflikten noch aussehen?  Schreiben, schreiben, schreiben…Ich finde, dass es in Konflikten fast nichts besseres geben kann als zu schreiben. Dabei unterscheide ich zwischen zwei unterschiedlichen Formen:

  1. Schreiben für mich
  2. Schreiben für andere

Klingt banal, aber der Unterschied ist total wichtig. Wenn ich für mich schreibe, dann häufig in dem Bewusstsein, dass niemand jemals diese Sätze lesen wird. Manchmal mache ich das, wenn ich extrem wütend bin und all meiner Wut Raum geben will. Ich verletzte niemanden und gleichzeitig schaffe ich es meine Wut ernst zu nehmen und nicht in mich hinein zu schlucken. Im Gegensatz dazu überlege ich mir häufig mehrmals, was ich schreibe, wenn ich anderen Menschen einen Brief oder einen Text schreibe. Das Nachdenken und formulieren meiner Gedanken und Gefühle hilft mir zum einen zu verstehen, was ich eigentlich ausdrücken will, zum anderen hilft es anderen sich auf mich einzulassen, ohne, dass ich vor ihnen sitze, sie anstarre und möglicherweise mit einer Gesprächspause unter Druck setze. Schreiben entschleunigt. Es gibt einem außerdem die Möglichkeit, dass etwas offen gelegtes keiner Antwort bedarf. Manchmal ist das schwerer, wenn jemand vor einem sitzt und ein besorgtes oder irritiertes Gesicht macht. Die Stille auszuhalten kann schwierig sein – für alle beteiligten. Zum Teil kann es auch helfen ein gemeinsames Büchlein zu führen, indem man anderen Menschen kleine Briefchen hinterlassen kann. Zusätzlich kann man die einzelnen Texte mit Symbolen markieren, die beispielsweise bedeuten “Bitte nur lesen und zur Kenntnis nehmen” oder “Bitte lesen und im Buch antworten” oder aber “bitte lesen und ein Treffen zum reden ausmachen”. Über die Form des Schreiben zu kommunizieren, kann natürlich auch nach hinten los gehen. Alles kann falsch verstanden werden und Wörter anders interpretiert als gedacht. Deswegen an dieser Stelle noch einmal ein Verweis auf meinen Artikel zum Thema Definitionen.

Metakommunikation

Das bringt mich unweigerlich zu dem Punkt von Metakommunikation. Was bedeutet das? Ich bin der Meinung, dass die meisten Konflikte dadurch entstehen, dass Menschen unterschiedliche Ziele haben, wenn sie sich einander mitteilen. Vor ein paar Tagen war ich plötzlich total genervt, als mir jemand in einem Gespräch angefangen hat Ratschläge zu geben. Erst dann hab ich realisiert, dass ich eigentlich nur von einer Situation erzählen wollen und gar keine Meinung dazu hören wollte. Am Anfang eines Gesprächs klar zu stellen, was das Ziel meiner Kommunikation ist kann einem Konflikt zuvor kommen. Die gleiche Strategie ist aber auch ziemlich hilfreich, wenn man sich bereits in einem Konflikt befindet. Wo wollen wir gemeinsam hin? Woran wollen wir arbeiten? Soll es heute um unsere Gefühle zu dem Konflikt gehen oder reden wir über Lösungsideen? Gefühlen Raum zu lassen kann super wichtig sein, vorallem, wenn nur mir klar ist, wie ich mich in der vergangen und der jetzigen Situation fühle. Es kann aber auch hilfreich sein Gespräche über Gefühle und Gespräche über Lösungsideen zu trennen. So lässt man sich genügend Raum für beides.

Unterschiedliche Beziehungsstadien bedeuten unterschiedliche Kommunikation

Wenn Beziehungen sich verändern, dann mit ihnen meistens auch die Kommunikation. Klingt auf den ersten Blick ziemlich logisch, aber in der Realität erhält dieser Punkt wenig Anerkennung. Die wundervolle Kathy Labriola hat vor einiger Zeit in einem Vortrag über die verschiedenen Stadien der Kommunikation gesprochen. Dort unterschied sie zwischen 4 Stadien:

1. honey moon/New Relationship Energy (Flitterwochen/Neue Beziehungsenergie)

Kommunikation ist hier sehr einfach, denn am Anfang ist so viel Aufregung, Verliebtheit und Neugierde im Spiel, dass man in allen Punkten auf der gleichen Wellenlänge zu sein scheint.

2. rude awakening (hartes Erwachen)

Hier führt man erste Diskussionen und Aushandlungsprozesse, die Beziehung scheint nicht mehr magisch zu funktionieren. Beziehungsarbeit wird hier zum ersten Mal Thema und die ersten ernsthaften Diskussionen kommen auf.

3. grow up or break up (werd erwachsen oder trenn dich)

In diesem Stadium beschreibt Kathy Labriola, dass es manchmal gut sein kann sich zu trennen, weil Menschen vielleicht ganz unterschiedliche Vorstellungen von Beziehungen haben. In ihrem Vortrag spricht sie außerdem davon, dass es schön sein kann eine aufregende Liebesaffäre zu haben, aber zu einem Team im Leben zu werden schöner ist. (die Aussage finde ich im übrigen ein bisschen schwierig…denn nicht für alle Menschen ist es schöner eine langfristige und verbindliche Beziehung zu führen). Verliebtsein hält in der Regel nicht für immer an, deswegen wird früher oder später jede Beziehung vor die Entscheidung gestellt, in welche Richtung sie sich begeben will.

4. living in love (in Liebe leben)

Zu diesem Zeitpunkt habt ihr schon einige grundlegende Konflikte miteinander bestritten und an Zuversicht gewonnen, dass ihr Lösungen findet oder die Konflikte bislang klein genug waren, dass ihr damit umgehen konntet. Kathy Labriola beschreibt hier ein Stadium in dem ihrer Meinung nach viele Menschen entweder beschlossen haben zusammen zu leben oder viele Aspekte ihres Lebens miteinander teilen. Man muss über viele Kleinigkeiten reden und sich häufig absprechen. An dieser Stelle beschreibt sie auch, dass viele Beziehungspersonen denken, dass sie ihre Beziehungen so gut kennen, dass sie manchmal vergessen einander zuzuhören und Dinge für selbstverständlich nehmen. Hier treten wiederum andere Konflikte auf.

Ich denke, dass die 4 Stadien unterschiedlich schnell von Menschen durchlebt werden können. Manche würde vielleicht nach ein paar Wochen in das zweite Stadium übergehen, wohingegen andere ein ganzes Jahr in dem Gefühl der Leichtigkeit und Verliebtheit verbringen könnten. Deswegen finde ich es wichtig, dass offen kommuniziert werden kann, wo sich die einzelnen Menschen befinden und welche Art der Konflikte gerade und insbesondere wegen des Beziehungsstadiums auftreten. Seit bereit für die ein oder andere Überraschung, wenn ihr eure Beziehungperson(en) nach ihrer derzeitig wahrgenommenen Phase befragt ;).

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Wie offen muss meine offene Beziehung sein? Ein Kommentar zum Monopoly Phänomen.

Ich führe zwei Beziehungen. Für mich sind sie die verbindlichsten und intimsten Bindungen in meinem Leben. Manchmal, da vergesse ich, dass es nicht so selbstverständlich normal ist, wie es sich anfühlt. Immer wieder sind Menschen überrascht, dass ich nicht wilde Orgien veranstalte, jede Woche wechselnde Sexualpartner*innen habe oder von einer Kurzzeitbeziehung in die nächste hüpfe. Weiterlesen

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Warum wir eine Definition von „lieben“ brauchen.

Im Dezember 1997 lief der Film „Titanic“ zum aller ersten Mal in den Kinosälen der Vereinigten Staaten. Ein Jahr später ist er der erste Film, der über eine Milliarde US-Dollar eingespielt hat und bis 2009 stand er sogar auf dem ersten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme. Bis ich 17 war, hatte ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Jedes Mal in der Hoffnung, dass Jack seinem tragischen Schicksal entkommen kann. Und jedes Mal auf absurde Art und Weise enttäuscht, dass er exakt den gleichen Tod stirbt. Auf 194 Minuten entfaltete sich vor meinen Teenager Augen „wahre Liebe“. Er, aus unpriviligierten Verhältnisse, trifft sie, aus einer sehr wohlhabenden Familie und eine große Liebesgeschichte beginnt.

Sogar in der Schule zeigte man uns den Film. Er sollte wohl eine Art Äquivalent zum Sexualkundeunterricht darstellen. Ganz nach dem Motto: „Jetzt wisst ihr, wie man Sex hat, also können wir auch in 194 Minuten das Thema Liebe behandeln“. Unabhängig davon, dass ich mir gewünscht hätte eine Definition von Sex zu hören, die sich nicht ausschließlich auf „Vorspiel“ und Penetration beschränkt, wäre es auch wünschenswert gewesen, eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was eigentlich Liebe ist. Und wie liebe ich jemanden?

Ich wuchs, wie viele andere vermutlich auch, mit einem Mysterium auf. Liebe kann alles oder nichts sein. Alle wollen lieben, aber niemand weiß so richtig was das bedeutet. Wie auch? Selten hat mich jemand gefragt „Was verstehst du eigentlich darunter?“. In den meisten Fällen wurde das Wissen voraus gesetzt. Als wäre es mit uns zur Welt gekommen. Ganz selbstverständlich. Dabei lernen wir laufen, essen und meistens mindestens eine Sprache. Wieso lernen wir nicht zu lieben?

Weil es verlockend ist Liebe für undefinierbar zu halten. Solange unausgesprochen bleibt, was genau wir darunter verstehen, bleibt es geheimnisvoll und passt in unser Verständnis von Liebe und Romantik. Wenn es um Liebe geht, wird alles versucht zu deuten, es entsteht eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon bei dem ersten Date an. Ob es gut lief oder nicht, das entscheidet sich meistens anhand der Körpersprache, non-verbale Kommunikation ist hier angesagt, den Konsens laut auszusprechen empfinden viele als Stimmungskiller. So geht es häufig weiter. Im Bett kommunizieren, wo meine Grenzen sind, was sich gut anfühlt oder nicht, das kostet die meisten Menschen Überwindung. Und sollten wir uns dazu entscheiden Beziehungen(en) zu führen, wird selbst dort zu wenig darüber geredet, was wir eigentlich unter einer Beziehung verstehen.

Letztlich geht es um Definitionen und deren Wirkungsmacht. Es ist schwierig über die Kunst zu lieben zu reden, wenn es gar nicht um das Verb „lieben“ und somit eine aktive Handlung, sondern um das Substantiv „Liebe“ geht, mit dem alles mögliche gemeint sein kann. Jemanden zu lieben ist eine aktive Handlung, ich bin nicht geleitet von meinen zügellosen Emotionen, die mich dazu nötigen Menschen in meinem Leben zu lieben. Ich habe mich selbst dazu entschlossen, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen will, ich wurde nicht gezwungen. Liebe kann alles sein oder wie es die Definition im Duden so schön ausdrückt: „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“. Klar, jemanden zu lieben hat häufig auch mit Zuneigung und Hingezogensein zu tun, aber nicht in erster Linie und besonders nicht als Grundlage für liebende Beziehungen.

Jemanden zu lieben ist Arbeit und es ist eine Kunst, wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ ausführt. Dort schreibt er „wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin lernen wollten“.

Wir brauchen klare Definitionen, um über die Dinge die wir empfinden zu reden. Eine Definition verstehe ich dabei als Rahmen, der uns nicht von vornherein darauf festlegt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Vielmehr macht er es uns möglich, liebende Handlungen als solche zu verstehen und erwidern zu können. Im Gegensatz dazu zeichnet unser Verständnis von Liebe häufig ein Bild von „fluffig-leichter-Ponyhof“. Alles ist einfach und schön, und alles bleibt in Zukunft auch einfach und schön.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. Für den Anfang kann uns dabei die Definition von Scott Peck aus dem Buch „The Road Less Travelled“ eine große Hilfe sein. Dort definiert er lieben als „the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one`s own or another’s spiritual growth“. („Der Wille, für den Zweck seines eigenen oder dem eines anderen geistigen Wachstums, über sich hinaus zu wachsen“). Liebende Beziehungen helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, weil sie Grenzen aufzeigen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Wenn wir also über lieben reden wollen, dann kann es helfen ein Verständnis davon zu haben, was wir eigentlich meinen.

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Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen? Part 2

Ich habe Eifersucht schon auf sehr unterschiedliche Weise erlebt. Im letzten Beitrag schrieb ich über mein „ich liege auf dem Boden und bin zutiefst traurig und verzweifelt“ Erlebnis, es gibt aber auch ganz viel dazwischen. Von kurzer Unsicher, über tiefsitzende Ängste, bis hin zu Situationen dich mich an vorherige Situationen erinnern und Traumata triggern. Die Eifersuchtspalette ist reich an Inhaltsstoffen. Ich weiß keinen allgemerin gültigen Umgang mit Eifersucht, das wäre auch ziemlich utopisch, aber ich kann meine Erfahrungen mit euch teilen und vielleicht kann ich sogar dazu beitragen, dass die ein oder andere Person von meinen Gedanken dazu profitiert :). Weiterlesen

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Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Je mehr ich drüber nachdenke, umso häufiger fällt mir auf, dass sich die meisten Konflikte in meinen Beziehungen um Definitionen drehen. Vor einiger Zeit musste ich zum Beispiel feststellen, dass eine meiner Beziehungspersonen “alleine sein” nicht notwendigerweise als ein Bedürfnis, sich in ihrem Zimmer oder sonstigen Räumlichkeiten oder Situationen komplett zurück zu ziehen, sieht. Vielmehr ist es für sie die schlichte Voraussetzung, unabhängig von anderen Menschen Entscheidungen treffen zu können, ohne sie mit anderen in irgend einer Form kommunizieren oder absprechen zu müssen oder zu wollen. Der Konflikt entsteht für mich natürlich dann, wenn der Satz “ich würde ganz gerne alleine sein”, ein komplett anderes Bild hervor ruft, als das was meine Partnerin eigentlich meint. Ich stelle mir vor, wie sie alleine in ihrem Zimmer sitzt oder ins Kino geht oder ein Buch liest, stattdessen sitzt sie mit ihrer WG in der Küche und trinkt Wein. Das irritiert und ruft bei mir ein Gefühl von Unehrlichkeit hervor , obwohl es einzig und allein um unterschiedliche Definitionen von Wörtern geht. Klar, seitdem ich das verstanden habe, ist es kein Thema mehr, aber erst einmal zu realisieren, dass es unterschiedliche Definitionen von “allein sein” gibt, das hat einen Moment lang gedauert.

Viele Begriffe die jeden Tag benutzt werden, scheinen für alle so eindeutig und so klar zu sein und gleichzeitig frage ich mich häufig, ob wir wirklich von ein und den selben Dingen sprechen. Sex zum Beispiel. Wann fängt Sex überhaupt an? Und was ist der Unterschied zu fummeln? Wieso gibt’s überhaupt solche Wörter wie “Vorspiel”? Was ist denn dann das “Nachspiel”? Ist es erst “das richtige” Spiel, wenn es um Penetration geht? Oder Orgasmen? Einige Menschen in meinem Leben hatten schon so manch ernüchternden Moment, als sie festgestellt haben wann sie eigentlich zum ersten Mal Sex hatten in ihrem Leben, nachdem sie ihre Definition von Sex hinterfragt und sie nicht nur und ausschließlich an den Akt der Penetration gekoppelt haben. Ein befreundetes Pärchen musste die Erfahrung machen, dass für die eine Person von Sex die Rede ist wenn nackte Körper im Spiel sind, die andere Person hingegen versteht Sex sehr wohl auch im Kontext von bekleideten Körpern und deren Miteinander. Das führte zu Beginn ihrer geöffneten Beziehung zu einem enormen Konflikt als sie feststellen mussten, dass eine von beiden mit anderen Menschen Sex hatte, selbst wenn sie es selbst nicht so definiert hätte.

Ich glaube, dass eine meiner größten Herausforderungen im Kontext von Definition war, dass ich erst einmal verstehen musste, dass Menschen Dinge komplett unterschiedlich verstehen und definieren können. Daraus ergibt sich ein vollkommen anderer Aushandlungsprozess. Dann geht es nicht nur um leere Worthülsen für große Begriffe wie Ehrlichkeit, Sex, Betrug, etc., sondern auch um deren unterschiedliche Auslegung und die Grenzen die damit einher gehen. Was bedeutet es zum Beispiel ehrlich zu sein? Heißt es bedingungslos und uneingeschränkt alles zu teilen? oder einfach nur ehrlich zu antworten, wenn man danach gefragt wird? Ist es okay Dinge zu verschweigen, weil sie nicht relevant sind? Und was ist der Unterschied zwischen der Ehrlichkeit zu sich selbst und Ehrlichkeit zu anderen? Wenn ich weiß was die andere/n Person/en von mir erwarten, wie sie Dinge verstehen und definieren, kann ich unterschiedlich Rücksicht darauf nehmen, selbst wenn ich den Begriff anders beschreiben würde. Je mehr ich weiß, umso einfacher fällt es mir logischerweise mich rücksichtsvoll und respektvoll zu verhalten.

Ich kann nicht die Gedanken meiner Beziehungspersonen lesen, ich kann und will auch nicht ihre Erwartungen und Wünsche von den Lippen ablesen, das ist utopisch und führt nur zu Enttäuschungen. Definitionen schaffen Klarheit. Ich weiß was andere Menschen brauchen, wo sie vielleicht verletzbar und unsicher sind, was ihnen gut tut und wie ich auf sie Rücksicht nehmen kann. Definitionen bedeuten auch viel, viel, viel kommunizieren, sich austauschen, sich selbst kennenlernen und hinterfragen. Klar, es ist einfach, wenn ich mich selbst hinter den Begriffen “Betrug oder Verrat” verstecke, aber es ist ehrlicher, wenn ich auch sagen kann, was genau das für mich bedeutet, wie es sich anfühlt und wie es das nächste mal anders laufen kann.

Viele Begriffe sind in meiner Wahrnehmung sehr allgemein (wie Freiheit) oder negativ vorbelastet (wie Betrug), dass es schwierig macht neutral oder spezifisch über Dinge zu reden. Ich finde es einfacher, wenn ich versuche so spezifisch wie möglich das Gefühl oder die Situation zu beschreiben. Es fühlt sich so an, als ob ich mich hinter Überbegriffen verstecken würde, sie benutzen würde, um eine Emotion oder Stimmung zu kreieren. Klar, es fühlt sich für mich einfacher an, wenn ich einfach so tue, als ob mein Gegenüber und ich die selbe Sache meinen wenn wir über Ehrlichkeit oder Betrug reden, aber letzten Endes ist mir sehr wohl klar, dass das leider nicht so ist. Spätestens wenn ich feststelle, dass ich nach meiner Definition belogen wurde. Spätestens dann kann ich mich auch nicht mehr in der Sicherheit scheinbar gleicher Definitionen wiegen und muss mich damit auseinandersetzen, was es eigentlich für mich bedeutet belogen zu werden.

Definitionen sind alles andere als einfach. Ich kann bis heute nicht genau definieren, was für mich Sex bedeutet (und wann er anfängt) oder flirten, aber immerhin kann ich inzwischen sagen, was z.B. Ehrlichkeit für mich ausmacht, wie ich alleine sein definieren und was ich unter Freiheit in Beziehungen verstehe. Ich weiß, dass ich manchmal an Definitionen und Begriffen hängen bleibe und viel und lange darüber reden kann. Ich weiß auch, dass ich damit schon so manch einer Person gewaltig auf die Nerven gegangen bin. Ich weiß aber auch, dass es sich für mich immer sehr bereichernd und gut angefühlt hat, wenn ich wusste was ich eigentlich sagen will und was ich eigentlich brauche. Definitionen bleiben für mich also der Dreh und Angelpunkt einer guten Kommunikation.

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FAQ Polybeziehungen

Stellt euch vor, Person 1 und Person 2 laufen sich zufällig auf der Straße über den Weg und folgendes Gespräch kommt zustande:

Person 1 : Oh, hallo, schön dich zu sehen, was machst du heute so?

Person 2: Ich geh mit meinen Partner*innen ein Eis essen und du?

Person 1: Ach, spannend. Sag mal, schlaft ihr dann eigentlich auch alle 
          miteinander?

Innerhalb weniger Sekunden ist das Gespräch von belanglos zu intim und von smalltalk zu Sexleben gerutscht. Menschen in Polybeziehungen machen häufig genau diese Art von Erfahrung, immer und immer wieder aufs neue. Beim Eis essen, spazieren gehen, in der Sauna, beim Bier trinken in einer großen Runde von Menschen oder auf einer Party zwischen Musikanlage und Tür. Plötzlich und unverhofft ploppen sie auf. Neugierige Fragen. Dabei fragt niemand danach, ob die Frage gerade angebracht ist oder die andere Person überhaupt darüber reden möchte.

Dabei sind Fragen so wichtig. Sie können neue Impulse setzen, dabei helfen sich weiter zu entwickeln oder Veränderungen anstoßen. Deswegen mein Appell: Fragt bewusst! Häufig wird beim fragen nämlich vergessen, dass es wichtig ist, wem die Frage gestellt wird und wie sie formuliert ist.

Um Antworten auf Fragen zu bekommen muss nicht immer die erste Begegnung mit einer Person die “live” berichten kann ergriffen werden. Und vorallem ist es wichtig sich zu fragen, was man mit der Frage eigentlich herausfinden will. Möchte ich Tipps oder Hinweise erhalten? Will ich die Person besser kennenlernen? Oder ist es pure Neugierde? Für letzteres habe ich eine Liste von Fragen erstellt, die die meisten frequently asked questions abdeckt, ohne Menschen vermutlich zum 128-igsten Mal die gleiche Frage zu stellen und euch außerdem die Möglichkeit bietet, einen ersten Eindruck über Polybeziehungen zu erhalten. Gleichzeitig findet ihr Tipps wie manche Fragen besser gestellt werden können, ohne unerwartet intimes Terrain zu betreten und möglicherweise ein Gespräch zu führen, was über reine Neugierde hinaus geht.

Denn die Devise lautet: Nur weil jemand mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führt, ist das noch lange kein “all you can ask” Freifahrtschein für deren Privatleben.

Bist du nicht eifersüchtig?

Ähnlich wie danach zu fragen, ob Menschen zu irgend einem Zeitpunkt sterben, denn das tun sie gewiss, ist diese Art von Frage überflüssig. Natürlich sind alle Menschen zu irgend einem Zeitpunkt eifersüchtig. Monobeziehungen sind kein magisches Schutzschild vor dem Gefühl von Eifersucht und ich kenne keinen Menschen, der von sich behaupten kann, dass er noch nie eifersüchtig war, selbst wenn er in einer Polybeziehung ist. Eifersucht ist sogar wichtig. Warum? Weil sie die Spitze des Eisbergs ist. Sie ist der Moment in dem einem klar wird, dass tief in einem verborgene Ängste, Unsicherheiten, Zweifel etc. liegen. Eifersucht deutet in all ihrer Komplexität auf etwas hin und bietet einem so meistens zum aller ersten Mal die Gelegenheit sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Anders gefragt: Darf ich dich fragen, wie du mit Eifersucht umgehst? Hast du Strategien/Hinweise, die du mir empfehlen kannst?

Kennen sich deine Partner*innen?

Ähnlich wie bei der Frage davor, geht es meistens nicht einfach nur darum heraus zu finden, ob sich die einzelnen Menschen untereinander kennen, sondern auch, ob man ein Gefühl von Konkurrenz empfindet, sich miteinander vergleicht oder alles in allem die andere Beziehung geheim und verborgen hält. Ganz nach dem Motto: Don’t ask, don’t tell. Ganz so funktioniert das leider nicht. Ehrlichkeit und Vertrauen sind hier genau so wichtig wie in jeder anderen Beziehung auch. Das mysteriöse Misstrauen gegenüber der unbekannten Person verflüchtigt sich auch aus Erfahrung genau dann, wenn es de-mystifiziert wird und man einander kennenlernt. Es ist schön zu merken, dass die andere Person in der Regel nicht vor hat meine Rolle zu ersetzen, mich zu verdrängen oder platt gesagt, mir nichts böses will. Im Gegenteil, es kann sogar sehr schön sein zu merken, dass ich meine Begeisterung für meine Partner*innen mit einer anderen Person teilen kann. In dem Sinne: Meine Partner*innen wissen voneinander, sie mögen sich sogar sehr gerne und wir machen regelmäßig Poly Familien Treffen/Ausflüge.

Anders gefragt: War es für dich schwer die Partner*innen deiner Beziehung kennenzulernen? Teilt ihr viel aus der jeweils anderen Beziehung miteinander?

Kriegst du das zeitlich überhaupt hin?

Diese Frage lässt sich schnell beantwortet: Natürlich kriege ich das zeitlich hin, sonst könnte ich keine zwei Beziehungen gleichzeitig führen. In meiner Wahrnehmung geht es bei dieser Frage häufig um “genug” Zeit. Wie kannst du genug Zeit für alles haben, wenn du mehrere Beziehungen gleichzeitig führst? Dabei schwebt in erster Linie die Angst im Raum, dass bei mehreren Partner*innen automatisch die quality time mit einer von diesen Personen zu kurz kommt. Mehrere Beziehungen müssen nicht automatisch bedeuten, dass ich mich immer zwischen zwei oder mehr Personen entscheiden muss und immer vor einer Auswahlsituation stehe. Ich finde es macht Situationen erheblich einfacher, wenn sich alle miteinander verstehen und manche Aktivitäten gemeinsam als Poly Familie stattfinden können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass die einzelnen Beziehungen nicht zu kurz kommen und hin und wieder Dates ausgemacht werden, um Zeit zu zweit verbringen zu können. Letzen Endes ist es wichtig zwei Dinge nicht zu vergessen. Erstens haben Menschen auch andere Dinge in ihrem Leben die ihnen wichtig sind, wie Freund*innen, ihr WG-Leben, Sport, Zeit für sich, etc. Und diese Dinge kosten auch Zeit. Selbst wenn ich eine geschlossene Monobeziehung führen würde, würde es nicht bedeuten, dass ich mehr Zeit für meine Beziehung hätte, als ich sie jetzt habe. Zweitens musste ich lernen, dass Flexibilität ungemein wichtig ist und mehr zeitliche Freiräume schafft als gedacht.

Anders gefragt: Wie kriegst du es hin deine Zeit gut zu managen? Hast du bestimmte Strategien? Fällt es dir zeitlich schwerer mit mehreren Beziehungen  alles unter einen Hut zu kriegen?

Schlaft ihr alle miteinander?

Davon abgesehen, dass nicht jeder Mensch gerne und viel und zu jedem Zeitpunkt über sein Sexleben spricht, liegt dieser Frage ein grundsätzliches Missverständnis von dem Wort Polyamorie zu Grunde. Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort polýs “viele, mehrere” und dem lateinischen Wort amor “Liebe” zusammen. Sexuelles Begehren spielt an dieser Stelle noch keine Rolle, es geht ausschließlich darum mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Wie einzelne Menschen ihre Polybeziehungen gestalten, ob sie körperliches Interesse aneinander haben oder gar keins, ob sie alle gleichzeitig miteinander schlafen oder sich nur zum kuscheln treffen, ob sie ausschließlich mit einer Person Sex haben oder regelmäßig mit vielen die nichts mit den Liebesbeziehungen zu tun haben, kann eine komplizierte Frage sein. Jedoch hat sie in erster Linie nichts damit zu tun, dass Menschen Polybeziehungen führen. Polybeziehungen können genau so offen oder geschlossen sein, wie alle anderen Beziehungen auch. Sie implizieren nämlich zu keinem Zeitpunkt, eine größere Bereitschaft wilde Sex Orgien mit Menschen zu veranstalten die einem nahe stehen.

Also hast du wohl andauernd Sex mit vielen unterschiedlichen Menschen?

siehe Frage davor

Gibt es eine Hierarchie zwischen den Beziehungen?

Es gibt viele Beziehungen, die Wert darauf legen ihre Beziehungen nach “primär (primary)” und “sekundär (sekundary)” zu unterscheiden. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Manchen fällt es so einfacher ihre Zeit und Ressourcen zu managen, andere teilen vielleicht die Verantwortung für Kinder mit ihrer primären Beziehung und wieder andere wollen, dass ihre Beziehung durch die Bezeichnung “primär” etwas besonderes bleibt.

Die Unterscheidung kann sinnvoll sein, wenn sie sich von alleine so ergibt und fügt. Wenn sich die Beziehung also als sekundäre etabliert, ohne, dass ich von Anfang an versucht habe eine Beziehung in ihrer Entstehungsphase in eine fertige Vorstellung von sekundär und primär zu stecken. Die Gefahr liegt für mich allerdings darin, dass primary und secondary von sich aus implizieren, dass etwas an erster Stelle kommt und etwas an zweiter. Das kann zur Folge haben, dass sich Menschen als weniger gleichwertig fühlen und nicht nur eine Hierarchie im Sinne von Zeit und Ressourcenmanagement stattfindet, sondern auch eine Hierarchisierung von Menschen und deren Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen. Ich bevorzuge es Beziehungen individuell zu gestalten, ohne dabei Begriffe wie primary und secondary zu benutzen. Beziehungen sind von Grund auf unterschiedlich und lassen sich in meinen Augen nicht miteinander vergleichen oder gegeneinander Abwegen. Nur, weil ich eine Beziehung seit 5 Jahren führe und eine andere seit einem Jahr, bedeutet das nicht “wer zuerst kommt, malt zuerst”. Die beiden wichtigsten Pfeiler sind an dieser Stelle wohl Transparenz und Ehrlichkeit. Insbesondere ist es wichtig sich folgende Fragen zu stellen: Welche Wünsche und Erwartungen stehen für die andere Person hinter dem Konzept secondary partner? Wie viele meiner Bedürfnisse können und werden in so einer Form von Beziehung erfüllt werden? Besteht die Möglichkeit, dass ich jemals ein primary partner werden kann (wenn ich das möchte)?

Mit wem fährst du in den Urlaub?

Ich fahre zum Beispiel sehr gerne mit meinen Partner*innen jeweils alleine in den Urlaub, weil ich es genieße mich auf eine Person konzentrieren zu können. Gleichzeitig ist es auch wichtig für uns alle, wenn wir von Zeit zu Zeit gemeinsam wegfahren. Das Gefühl dabei ist ein komplett anderes und die Intention dahinter auch, aber das macht es nicht weniger schön.

Das besondere am Urlaub ist wohl, dass eine Situation geschaffen wird, in der man unter Umständen längere Zeit, ausschließlich mit einer Person verbringen. Man schafft einen über den Alltag hinaus gehenden Moment der Zweisamkeit und somit entsteht eine kurze Monogamieblase, die sonst nicht vorhanden ist. Urlaub kann dementsprechend ein schwieriges Thema sein und unterschiedliche Konflikte und Schwierigkeiten mit sich bringen. Für mich waren bislang die Urlaubsziele schwierig, die ich auch mit der jeweils anderen Person besuchen wollte, aber keine Zeit oder kein Geld hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Gefühl von Neid kann dabei ziemlich unangenehm sein.

Redet ihr über/Habt ihr Safer Sex?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass innerhalb von queeren Szenen allgemein sehr wenig und sehr selten über Safer Sex geredet wird. Dabei ist es besonders in queeren Polybeziehungen umso wichtiger darüber zu reden, weil man potenziell die Verantwortung für mehr als eine weitere Person trägt. Wenn ich mit meiner Partnerin schlafe und ihr eine Infektion übertrage und sie wiederum mit ihrer Partnerin Sex hat und ihre Partnerin einen One-Night-Stand mit einer Partybekanntschaft hat, dann bin nicht nur ich von der Infektion betroffen, sondern mindestens 3 weitere Personen.

Polybeziehungen implizieren nicht automatisch einen vernünftigeren Umgang mit Safer Sex, aber sie implizieren eine Verantwortung, die in der Regel über eine zweite Person hinaus gehen kann. Und diese Verantwortung sollte nicht unterschätzt oder ignoriert werden.

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