POLYPLOM

Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: Polyamorie (Seite 2 von 3)

Auf der Suche nach meiner eigenen Exklusivität.

Unerwarteterweise hat mich das Sommerloch härter erwischt als ich hätte ahnen können. Fast 2 Monate hab ich jetzt nichts mehr auf meinem Blog veröffentlich, dabei ist so viel passiert! Die Babypläne schreiten in großen Schritten voran, erste Um- und Einzugspläne sind in der Verwirklichungsphase, ich werde bald meine ersten “Beziehungen öffnen – wo fange ich an?” Workshops geben und kommenden Donnerstag führt der Blog Sextapes-podcast ein Interview mit mir. Super aufregend das alles und ich will euch in nächster Zeit mehr davon berichten.

Eins nach dem andern.

Heute geht es in meinem Beitrag um das Thema Exklusivität. In der Vorbereitung auf den offenen Beziehungsworkshop, hab ich intensiv meine ersten Jahre und Erfahrungen mit nicht-monogamen Beziehungen Revue passieren lassen. Dabei bin ich häufiger bei dem Thema Exklusivität hängen geblieben, weil ich mich daran erinnert habe, dass es besonders hart für mich war den Bereich der sexuellen Exklusivität zu verlieren (damals ging es ausschließlich darum mit anderen Menschen sexuelle Begegnungen zu haben, von Gefühlen war noch nicht die Rede ;)). Mein erstes Gefühl damals war “wenn meine Beziehungsperson Sex mit anderen haben will, dann stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht“. Ich war zunächst sehr skeptisch und verletzt und traurig, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir selbst noch nicht eingestanden, dass ich selbst super neugierig war und mich nur nicht getraut hatte den gleichen Schritt zu wagen wie meine Beziehungsperson: das Thema offene Beziehung anzusprechen.

Ich empfand es als eine große Herausforderung dieses Verständnis von Exklusivität gewissermaßen aufzulockern, denn über all dem stand für mich die Frage: Kann es nur eine Exklusivität geben?

Für mich war es total wichtig meine Beziehung(en) genau unter die Lupe zu nehmen und für mich persönlich zu definieren, was ich daran als exklusiv verstehen möchte und welche Exklusivität ich bereit bin gewissermaßen “aufzugeben”. Dabei hab ich bemerkt, dass ich total viel Sicherheit über geteilte Erinnerungen und gemeinsam erlebte Lebenszeit erfahre. Das ist für mich etwas sehr exklusives und dieses Gefühl erfahre ich in der Intensität nur mit meinen Beziehungspersonen. Deswegen wollte ich zum Beispiel auch noch nie eine “Don’t ask, don’t tell” Beziehung haben, weil ich dann das Gefühl hätte, einen wichtigen Teil in dem Leben meiner Beziehungspersonen nicht mitzubekommen und gleichzeitig nicht mit ihnen teilen zu können.

Exklusiv kann für mich auch Intimität sein. Das muss nicht unbedingt sexuelle Intimität sein, denn Intimität umschließt so viel mehr als das. Intim kann für mich eine Umarmung sein, wenn es mir besonders schlecht geht und ich mich dagegen sträube es mir selbst einzugestehen. Mich zu umarmen und dabei zu unterstützen meine Gefühle zuzulassen kann etwas ganz spezielles und unter Umständen auch etwas sehr exklusives sein. Diese Art von Exklusivität verspüre ich in mancher Hinsicht auch mit Freund*innenschaften. Ich mache da keine Hierarchie auf, Exklusivität sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, welche Bedeutung der jeweilige Mensch für mich hat. Ich denke, dass der Dreh- und Angelpunkt darin besteht, dass Exklusivität Beständigkeit vermittelt, diese wiederum schafft Geborgenheit und die wiederum gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für mich, um mich auf Menschen einlassen zu können. Ich will darauf vertrauen können, dass Menschen auf die ich mich einlasse nicht von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwinden. Ich will darauf vertrauen können, dass ich ihnen als Mensch wichtig bin, weil sie mich als Menschen schätzen (und lieben) – ganz unabhängig von unserer Beziehungsform.

Und das ist für mich die wichtigste Exklusivität.

Ganz nach dem Prinzip „trial and error“ hab ich mich selbst ins kalte Wasser der nicht-Monogamie geworfen. Niemand konnte mir damals sagen, ob sich meine Angst, dass meine Beziehungsperson eine „bessere, spannendere, tollere…“ Person findet und mich in der Konsequenz verlässt, bestätigen wird oder nicht. Heute würde ich sagen, dass sich meine Angst hätte nur bestätigen können, wenn eine/beide von uns damals gar nicht an einer offenen Beziehung interessiert gewesen wären und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hätten, um unsere Beziehung zu retten. Das konnte ich damals noch nicht wissen, ich hatte noch nicht das wohltuende Gefühl der Erfahrung. Worauf ich mich allerdings verlassen konnte, dass war unsere zwischenmenschliche Bindung. Ich wusste, dass egal was passiert, mir niemand diese intensive und durchaus auch exklusive Bindung nehmen kann.

Die Erfahrung machte einiges leichter. Indem ich gemerkt habe, dass meine Beziehungsperson mich nicht weniger liebt oder ein weniger wichtiger Mensch in meinem Leben sein will, konnte ich mich in vielerlei Hinsicht zunehmend für offene Beziehungen begeistern. Ich denke, dass Beziehungen so viel mehr ausmacht als bloß der Sex, allein schon, weil manche Menschen gar keinen Sex haben wollen oder irgendwann aufhören Sex zu haben im Laufe ihrer Beziehung. Beziehungen auf Sex zu beschränken würde sie meiner Meinung nach sehr eindimensional erscheinen lassen, weil Beziehungen sich auf unsere Sexualität reduzieren würden. Dabei ist jede Beziehung auf ihre Art und Weise exklusiv und besonders, auch über den Sex hinaus.

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Konfliktstrategien zum ausprobieren

Mir ist vorhin aufgefallen, dass ich schon richtig lange nichts mehr zu Kommunikation geschrieben habe. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich mein Vorhaben den Blog auf Englisch und Deutsch zu gestalten schon zu lange vor mir her schieben. Und weil ich entschieden habe, dass heute ein “ich mache das endlich” Tag ist, kommt hier mein erster Beitrag auf Englisch und Deutsch. Tada! 

Reden ist nicht gleich reden

Ich glaube, dass es in erster Linie wichtig ist Kommunikation weitläufiger als reden zu verstehen. Wenn reden das einzige Mittel der Wahl ist, ist die Palette der Möglichkeiten begrenzt. Irgendwann gelangen viele an ihre Grenzen. Wie geht es dann weiter? Wie kann Kommunikation in Konflikten noch aussehen?  Schreiben, schreiben, schreiben…Ich finde, dass es in Konflikten fast nichts besseres geben kann als zu schreiben. Dabei unterscheide ich zwischen zwei unterschiedlichen Formen:

  1. Schreiben für mich
  2. Schreiben für andere

Klingt banal, aber der Unterschied ist total wichtig. Wenn ich für mich schreibe, dann häufig in dem Bewusstsein, dass niemand jemals diese Sätze lesen wird. Manchmal mache ich das, wenn ich extrem wütend bin und all meiner Wut Raum geben will. Ich verletzte niemanden und gleichzeitig schaffe ich es meine Wut ernst zu nehmen und nicht in mich hinein zu schlucken. Im Gegensatz dazu überlege ich mir häufig mehrmals, was ich schreibe, wenn ich anderen Menschen einen Brief oder einen Text schreibe. Das Nachdenken und formulieren meiner Gedanken und Gefühle hilft mir zum einen zu verstehen, was ich eigentlich ausdrücken will, zum anderen hilft es anderen sich auf mich einzulassen, ohne, dass ich vor ihnen sitze, sie anstarre und möglicherweise mit einer Gesprächspause unter Druck setze. Schreiben entschleunigt. Es gibt einem außerdem die Möglichkeit, dass etwas offen gelegtes keiner Antwort bedarf. Manchmal ist das schwerer, wenn jemand vor einem sitzt und ein besorgtes oder irritiertes Gesicht macht. Die Stille auszuhalten kann schwierig sein – für alle beteiligten. Zum Teil kann es auch helfen ein gemeinsames Büchlein zu führen, indem man anderen Menschen kleine Briefchen hinterlassen kann. Zusätzlich kann man die einzelnen Texte mit Symbolen markieren, die beispielsweise bedeuten “Bitte nur lesen und zur Kenntnis nehmen” oder “Bitte lesen und im Buch antworten” oder aber “bitte lesen und ein Treffen zum reden ausmachen”. Über die Form des Schreiben zu kommunizieren, kann natürlich auch nach hinten los gehen. Alles kann falsch verstanden werden und Wörter anders interpretiert als gedacht. Deswegen an dieser Stelle noch einmal ein Verweis auf meinen Artikel zum Thema Definitionen.

Metakommunikation

Das bringt mich unweigerlich zu dem Punkt von Metakommunikation. Was bedeutet das? Ich bin der Meinung, dass die meisten Konflikte dadurch entstehen, dass Menschen unterschiedliche Ziele haben, wenn sie sich einander mitteilen. Vor ein paar Tagen war ich plötzlich total genervt, als mir jemand in einem Gespräch angefangen hat Ratschläge zu geben. Erst dann hab ich realisiert, dass ich eigentlich nur von einer Situation erzählen wollen und gar keine Meinung dazu hören wollte. Am Anfang eines Gesprächs klar zu stellen, was das Ziel meiner Kommunikation ist kann einem Konflikt zuvor kommen. Die gleiche Strategie ist aber auch ziemlich hilfreich, wenn man sich bereits in einem Konflikt befindet. Wo wollen wir gemeinsam hin? Woran wollen wir arbeiten? Soll es heute um unsere Gefühle zu dem Konflikt gehen oder reden wir über Lösungsideen? Gefühlen Raum zu lassen kann super wichtig sein, vorallem, wenn nur mir klar ist, wie ich mich in der vergangen und der jetzigen Situation fühle. Es kann aber auch hilfreich sein Gespräche über Gefühle und Gespräche über Lösungsideen zu trennen. So lässt man sich genügend Raum für beides.

Unterschiedliche Beziehungsstadien bedeuten unterschiedliche Kommunikation

Wenn Beziehungen sich verändern, dann mit ihnen meistens auch die Kommunikation. Klingt auf den ersten Blick ziemlich logisch, aber in der Realität erhält dieser Punkt wenig Anerkennung. Die wundervolle Kathy Labriola hat vor einiger Zeit in einem Vortrag über die verschiedenen Stadien der Kommunikation gesprochen. Dort unterschied sie zwischen 4 Stadien:

1. honey moon/New Relationship Energy (Flitterwochen/Neue Beziehungsenergie)

Kommunikation ist hier sehr einfach, denn am Anfang ist so viel Aufregung, Verliebtheit und Neugierde im Spiel, dass man in allen Punkten auf der gleichen Wellenlänge zu sein scheint.

2. rude awakening (hartes Erwachen)

Hier führt man erste Diskussionen und Aushandlungsprozesse, die Beziehung scheint nicht mehr magisch zu funktionieren. Beziehungsarbeit wird hier zum ersten Mal Thema und die ersten ernsthaften Diskussionen kommen auf.

3. grow up or break up (werd erwachsen oder trenn dich)

In diesem Stadium beschreibt Kathy Labriola, dass es manchmal gut sein kann sich zu trennen, weil Menschen vielleicht ganz unterschiedliche Vorstellungen von Beziehungen haben. In ihrem Vortrag spricht sie außerdem davon, dass es schön sein kann eine aufregende Liebesaffäre zu haben, aber zu einem Team im Leben zu werden schöner ist. (die Aussage finde ich im übrigen ein bisschen schwierig…denn nicht für alle Menschen ist es schöner eine langfristige und verbindliche Beziehung zu führen). Verliebtsein hält in der Regel nicht für immer an, deswegen wird früher oder später jede Beziehung vor die Entscheidung gestellt, in welche Richtung sie sich begeben will.

4. living in love (in Liebe leben)

Zu diesem Zeitpunkt habt ihr schon einige grundlegende Konflikte miteinander bestritten und an Zuversicht gewonnen, dass ihr Lösungen findet oder die Konflikte bislang klein genug waren, dass ihr damit umgehen konntet. Kathy Labriola beschreibt hier ein Stadium in dem ihrer Meinung nach viele Menschen entweder beschlossen haben zusammen zu leben oder viele Aspekte ihres Lebens miteinander teilen. Man muss über viele Kleinigkeiten reden und sich häufig absprechen. An dieser Stelle beschreibt sie auch, dass viele Beziehungspersonen denken, dass sie ihre Beziehungen so gut kennen, dass sie manchmal vergessen einander zuzuhören und Dinge für selbstverständlich nehmen. Hier treten wiederum andere Konflikte auf.

Ich denke, dass die 4 Stadien unterschiedlich schnell von Menschen durchlebt werden können. Manche würde vielleicht nach ein paar Wochen in das zweite Stadium übergehen, wohingegen andere ein ganzes Jahr in dem Gefühl der Leichtigkeit und Verliebtheit verbringen könnten. Deswegen finde ich es wichtig, dass offen kommuniziert werden kann, wo sich die einzelnen Menschen befinden und welche Art der Konflikte gerade und insbesondere wegen des Beziehungsstadiums auftreten. Seit bereit für die ein oder andere Überraschung, wenn ihr eure Beziehungperson(en) nach ihrer derzeitig wahrgenommenen Phase befragt ;).

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Review von der ersten polyromantischen Comedyserie “You, Me, Her”.

—–Spoiler Alarm—

Vor ein paar Wochen bin ich über die Serie “You, Me, Her” gestolpert, wo ein verheiratetes hetero Paar eine Art Dreierbeziehung beginnt, nachdem erst der Mann (heimlich) und dann seine Frau (aus Interesse und Eifersucht, als es raus kommt) sich mit einer Escort trifft und beide sich in sie verknallen. Sie wird als die erste “polyromantische Comedyserie” angekündigt. Weiterlesen

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Wie offen muss meine offene Beziehung sein? Ein Kommentar zum Monopoly Phänomen.

Ich führe zwei Beziehungen. Für mich sind sie die verbindlichsten und intimsten Bindungen in meinem Leben. Manchmal, da vergesse ich, dass es nicht so selbstverständlich normal ist, wie es sich anfühlt. Immer wieder sind Menschen überrascht, dass ich nicht wilde Orgien veranstalte, jede Woche wechselnde Sexualpartner*innen habe oder von einer Kurzzeitbeziehung in die nächste hüpfe. Weiterlesen

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Trigger/Situationen in denen ich an alte Verletzungen erinnert werde..und wie gehe ich damit um?

Kenn ihr dieses Gefühl wenn euer Körper mit euch macht was er will? Wenn ihr merkt, dass ihr euch eigentlich gerade anders verhalten wollt, aber nicht könnt, weil ihr euch blockiert fühlt. Ich kenne das ziemlich gut. Meistens erfahre ich dieses Gefühl, wenn ich mich überfordert fühle und in gewisser Weise von einer Situation so dermaßen überrascht werde, dass mein Körper komplett zu macht. Sehr häufig wurde ich in solchen Momenten getriggert/an etwas erinnert. Das bedeutet, dass eine aktuelle Situation mich in ein Gefühl versetzt das mir aus der Vergangenheit schon bekannt ist und mich unter Umständen sogar an alte Traumata erinnert. Die Gefühle aus der aktuelle und der vergangenen Situation vermischen sich und es ist für mich zunächst unklar, ob ich von der aktuellen Situation überfordert bin oder mich so stark an die vergangene Situation erinnert fühle und mich in das Gefühl von damals überkommt.

Dass ich unter anderem sehr körperlich auf Trigger/Erinnerungen reagiere, macht es nicht einfacher mit ihnen umzugehen. Ich verliere für eine gewisse Zeit die Kontrolle über meinen Körper, weil er mir durch seine Abwehrreaktion signalisiert, dass er überhaupt nicht gerne an die Herausforderungen und Verletzungen aus der vergangenen Situation erinnert werden will und sie auch gewiss nicht noch einmal erleben möchte. Vor einigen Wochen gab es zum Beispiel die Situation, dass ich mich plötzlich mit einem starken Misstrauensgefühl konfrontiert sah. Ich wusste genau, dass dieses Misstrauensgefühl mit der aktuellen Situation überhaupt nichts zu tun hatte. Meine Beziehungsperson hatte mich noch nie zuvor belogen oder mir in irgend einer Form einen Anlass zum misstrauen gegeben – wieso hätte ich also misstrauisch sein sollen? Ich vertraue ihr vollkommen und doch war ich misstrauisch.

In der Regel halten wir die meisten Absprachen in unserer offenen Beziehung sehr offen, schließlich kann es passieren, dass man einfach mal seine Meinung ändert und doch Lust auf was anderes hat. Situationen können Bedürfnisse formen und bevor ich nicht in einer bestimmten Situation war, weiß ich häufig gar nicht wie weit ich Lust habe mit anderen Menschen zu gehen. Dieses mal war es anders. Zum ersten Mal hat sie den Satz „Ich hab wenn überhaupt nur Lust zu knutschen“ fallen gelassen. Im ersten Moment mochte ich, dass sie weiß was sie will und habe darin eine gewisse Sicherheit verspürt, weil ich wusste was mich potentiell erwartet und was nicht. Je länger ich jedoch über den Satz nachdachte, umso mehr verunsicherte er mich.

Was badetet überhaupt “nur knutschen” und was wenn sie ihre Meinung ändert? Vielleicht weiß sie selbst gar nicht was sie will? Vielleicht schränkt sie das auch ein? Ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mich überhaupt auf unsere Absprachen verlassen konnte und wurde misstrauisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine unverhältnismäßig starke Reaktion auf eine Situation zeige, die mich in der Regel nicht so stark verunsichern würde. Und so hat dieses Misstrauen zwei konkrete Fragen aufgeworfen:

1.) Woher kommt das Misstrauen?
2.) Was hat das mit meiner Beziehungsperson zu tun?

Nach und nach habe ich mich daran erinnert, dass in meinen ersten Versuchen eine offene Beziehung zu führen, viele Absprachen ziemlich schief gelaufen sind. Wir haben uns Dinge versprochen, um einander ein Gefühl von Sicherheit zu geben und uns selbst dadurch extrem eingeschränkt. Wir haben versucht eine offene Beziehung zu leben, in der es für jeden Atemzug eine Absprache gab. Das hat uns beide stark unter Druck gesetzt unsere Bedürfnisse innerhalb dieser Absprachen zu definieren. Bedürfnisse war nicht mehr flexibel und veränderbar und das führte häufig zu Enttäuschungen und Vertrauensbrüchen, weil wir darauf vertraut haben was die jeweils andere Person gesagt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 1 lautet also: Es erinnert mich an Situationen in denen mir eine andere Person das Gefühl von Sicherheit vermitteln wollte und sich selbst dadurch komplett eingeschränkt hat. Die Antwort auf Frage Nr. 2 konnte also nur lauten: Ich hatte Angst, dass sie sich einschränkt ohne es zu merken, ich darauf vertraue und dann aus allen Wolken fallen, weil es doch nicht so ist.

Ich finde das Beispiel so treffend, weil es eine vermeintlich kleine Situation sehr groß wirken lässt, allein durch die Tatsache, dass ich mich daran erinnert gefühlt habe. Es zeigt außerdem, dass nicht zwangsläufig jemand etwas „falsch“ gemacht haben muss, damit es sich falsch anfühlt. Wenn ich mich an vergangenen Situationen erinnert fühle, dann ist das Gefühl erst einmal im Raum. Es schafft eine angespannte Atmosphäre und die ist sehr Wirkungsmächtig. In so einem Moment gibt es zwei Perspektiven auf die Situationen. Zum einen die Perspektive der getriggerten/an etwas erinnerten Person und zum anderen diejenigen der Person(en) die dieses Gefühl ausgelöst haben. Demzufolge kann es auch zwei Möglichkeiten geben damit umzugehen. Wenn ich getriggert/an etwas erinnert wurde, versuche ich mir zunächst folgende Fragen zu stellen:

  1. Gab es schon einmal eine ähnliche Situation an die mich die aktuelle Situation erinnert?
  2. Ist/sind die gleiche(n) Person(en) beteiligt?
  3. Was war die Herausforderung/Verletzung in der vergangenen Situation?
  4. Sehe ich Elemente in der jetzigen Situation, die in mir das Gefühl aus der vergangenen Situation hervorrufen?
  5. Was brauche ich gerade, um mich wohl(er) zu fühlen?

Manchmal will ich mich auch nicht sofort mit diesen Fragen beschäftigen. Manchmal will ich mich der Situation gar nicht stellen, sondern einfach in dem Gefühl verweilen oder aufstehen und gehen. Ich verspüre häufig den Impuls einfach aufzustehen und zu gehen, wenn ich getriggert wurde. Es kommt also ganz darauf an, ob und wie ich gerade den Zugang zu mir selbst finde. Ich finde es jedoch wichtig, dass ich diese Fragen früher oder später durchdenke. Es hilft mir dabe zu verstehen, ob irgend etwas hätte anders laufen können. Wer hätte etwas anderes machen können, damit das nicht passiert Letztlich finde ich es auch fair, wenn ich zu irgend einem Zeitpunkte kommunizieren kann, was da gerade passiert ist. Ich will der/den anderen Person(en) nicht das Gefühl vermitteln, dass sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie es gar nicht hat/haben.

Für die Person(en) die triggert(n)/etwas in mir ausgelöst haben ist es anders. Ich empfand es als erleichternd, wenn Menschen mich etwas besser kannten und gewisse körperliche Reaktionen deuten konnten. Einige davon sind zum Beispiel: Ein gesenkter Blick, wenig Augenkontakt, keine bis wenig körperliche Zuneigung oder Nähe, eine gebückte Körperhaltung, eine gesenkte Stimmlage und der Reflex zu fliehen und schnell aus der Situation raus kommen zu wollen. Mir hat es geholfen, wenn meine Reaktion nicht abgetan oder als übertrieben abgestempelt wurde. Ein vorsichtiges Annähern hilft mir häufig. Es kann auch sein, dass ich gar nicht in der Lage bin auf Fragen zu antworten, weil ich selbst nicht weiß was los ist, aber es tut gut zu wissen, dass die andere Person mich unterstützt und versucht einfühlsam für mich da zu sein.

Ich kann nicht erwarten (und will ich auch nicht), dass jemand meine Gefühlslage deutet. Ich weiß, dass das sehr schwierig bis unmöglich ist. Wenn ich jedoch weiß was mich triggert könnte/bestimmte Erfahrungen in mir hervorruft, kann ich andere Menschen darauf vorbereiten wie ich möglicherweise reagieren könnte und von vornherein klar stellen, wie ich auf bestimmte Situationen reagieren kann, ohne, dass diese Menschen notwendigerweise etwas “falsch” gemacht haben. Meine Beziehungsperson konnte mir nicht das Gefühl von Misstrauen nehmen, weil es nichts mit ihr und ihren Handlungen zu tun hatte. Das Misstrauen ist ein grundsätzliches Misstrauen und kann mir von niemandem genommen werden. Ich kann jedoch dabei unterstützt werden, dass es kleiner wird und vielleicht irgendwann einmal ganz weg ist. Je häufiger ich also positive Erfahrungen mache wenn ich misstrauisch bin, zum Beispiel, weil sich das Misstrauen nicht bewahrheitet, hilft es mir in Zukunft mich an positive, vergangenen Erfahrungen zu erinnern und die negativen Erfahrungen damit in den Hintergrund zu rücken. Ich ergänze quasi die negativen Erfahrungen durch die positiven und führe mich selbst Schritt für Schritt aus diesem Misstrauen heraus.

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Warum wir eine Definition von „lieben“ brauchen.

Im Dezember 1997 lief der Film „Titanic“ zum aller ersten Mal in den Kinosälen der Vereinigten Staaten. Ein Jahr später ist er der erste Film, der über eine Milliarde US-Dollar eingespielt hat und bis 2009 stand er sogar auf dem ersten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme. Bis ich 17 war, hatte ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Jedes Mal in der Hoffnung, dass Jack seinem tragischen Schicksal entkommen kann. Und jedes Mal auf absurde Art und Weise enttäuscht, dass er exakt den gleichen Tod stirbt. Auf 194 Minuten entfaltete sich vor meinen Teenager Augen „wahre Liebe“. Er, aus unpriviligierten Verhältnisse, trifft sie, aus einer sehr wohlhabenden Familie und eine große Liebesgeschichte beginnt.

Sogar in der Schule zeigte man uns den Film. Er sollte wohl eine Art Äquivalent zum Sexualkundeunterricht darstellen. Ganz nach dem Motto: „Jetzt wisst ihr, wie man Sex hat, also können wir auch in 194 Minuten das Thema Liebe behandeln“. Unabhängig davon, dass ich mir gewünscht hätte eine Definition von Sex zu hören, die sich nicht ausschließlich auf „Vorspiel“ und Penetration beschränkt, wäre es auch wünschenswert gewesen, eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was eigentlich Liebe ist. Und wie liebe ich jemanden?

Ich wuchs, wie viele andere vermutlich auch, mit einem Mysterium auf. Liebe kann alles oder nichts sein. Alle wollen lieben, aber niemand weiß so richtig was das bedeutet. Wie auch? Selten hat mich jemand gefragt „Was verstehst du eigentlich darunter?“. In den meisten Fällen wurde das Wissen voraus gesetzt. Als wäre es mit uns zur Welt gekommen. Ganz selbstverständlich. Dabei lernen wir laufen, essen und meistens mindestens eine Sprache. Wieso lernen wir nicht zu lieben?

Weil es verlockend ist Liebe für undefinierbar zu halten. Solange unausgesprochen bleibt, was genau wir darunter verstehen, bleibt es geheimnisvoll und passt in unser Verständnis von Liebe und Romantik. Wenn es um Liebe geht, wird alles versucht zu deuten, es entsteht eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon bei dem ersten Date an. Ob es gut lief oder nicht, das entscheidet sich meistens anhand der Körpersprache, non-verbale Kommunikation ist hier angesagt, den Konsens laut auszusprechen empfinden viele als Stimmungskiller. So geht es häufig weiter. Im Bett kommunizieren, wo meine Grenzen sind, was sich gut anfühlt oder nicht, das kostet die meisten Menschen Überwindung. Und sollten wir uns dazu entscheiden Beziehungen(en) zu führen, wird selbst dort zu wenig darüber geredet, was wir eigentlich unter einer Beziehung verstehen.

Letztlich geht es um Definitionen und deren Wirkungsmacht. Es ist schwierig über die Kunst zu lieben zu reden, wenn es gar nicht um das Verb „lieben“ und somit eine aktive Handlung, sondern um das Substantiv „Liebe“ geht, mit dem alles mögliche gemeint sein kann. Jemanden zu lieben ist eine aktive Handlung, ich bin nicht geleitet von meinen zügellosen Emotionen, die mich dazu nötigen Menschen in meinem Leben zu lieben. Ich habe mich selbst dazu entschlossen, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen will, ich wurde nicht gezwungen. Liebe kann alles sein oder wie es die Definition im Duden so schön ausdrückt: „starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“. Klar, jemanden zu lieben hat häufig auch mit Zuneigung und Hingezogensein zu tun, aber nicht in erster Linie und besonders nicht als Grundlage für liebende Beziehungen.

Jemanden zu lieben ist Arbeit und es ist eine Kunst, wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ ausführt. Dort schreibt er „wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin lernen wollten“.

Wir brauchen klare Definitionen, um über die Dinge die wir empfinden zu reden. Eine Definition verstehe ich dabei als Rahmen, der uns nicht von vornherein darauf festlegt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Vielmehr macht er es uns möglich, liebende Handlungen als solche zu verstehen und erwidern zu können. Im Gegensatz dazu zeichnet unser Verständnis von Liebe häufig ein Bild von „fluffig-leichter-Ponyhof“. Alles ist einfach und schön, und alles bleibt in Zukunft auch einfach und schön.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. Für den Anfang kann uns dabei die Definition von Scott Peck aus dem Buch „The Road Less Travelled“ eine große Hilfe sein. Dort definiert er lieben als „the will to extend one’s self for the purpose of nurturing one`s own or another’s spiritual growth“. („Der Wille, für den Zweck seines eigenen oder dem eines anderen geistigen Wachstums, über sich hinaus zu wachsen“). Liebende Beziehungen helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, weil sie Grenzen aufzeigen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Wenn wir also über lieben reden wollen, dann kann es helfen ein Verständnis davon zu haben, was wir eigentlich meinen.

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4 Mütter, 1 Kind.

Mein Bruder und ich haben nicht viel gemeinsam, trotzdem ist er die einzige Person in meiner Familie, die mich schon immer dabei unterstützt hat, so zu sein, wie ich bin. Ich war 16 und er war 10 Jahre alt, als ich mich vor ihm geoutet habe. Selten hatte ich so ein unaufgeregtes Outing. Ihm war es vollkommen gleich, wen ich begehre und wie ich begehre, solange ich glücklich bin, war er es auch. Weiterlesen

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Polyamorie und Outing – wieso ist das wichtig?

Zuerst erschienen bei “kleinerdrei” am 01.02.2017: http://kleinerdrei.org/2017/02/polyamorie-und-outing-wieso-ist-das-wichtig/

Vor knapp 13 Jahren, als ich angefangen hatte, meine eigene Sexualität und somit einen Teil meiner Identität zu erforschen, outete ich mich zum ersten Mal in meinem Leben vor Freundinnen als Queer (besser gesagt damals noch als lesbisch). Sich vor Menschen zu outen, die einen schon lange kennen und davon ausgehen, dass du eine unausgesprochene Heterosexualität lebst, kann unter Umständen schwierig sein. Damals waren einige irritiert, andere schienen desinteressiert und wiederum andere wollten mich eine Zeit lang nicht mehr umarmen – es kursierte die Angst, dass ich mich plötzlich in alle weiblich gesehen Menschen auf dem Planeten verlieben könnte.

Nach dem ersten Outing wurde es von Mal zu Mal einfacher und durch die zunehmende Sichtbarkeit in der Gesellschaft, stellt ein offen queeres Leben zumindest aus rechtlicher Perspektive in Deutschland mittlerweile weniger ein Hindernis da, obgleich es immer noch sehr viel Homofeindlichkeit und Abwertung von Queers in der Gesellschaft gibt. Mir hat niemand jemals die Frage gestellt „Bist du sicher, dass du lesbisch sein willst?“ und selbst wenn diese Menschen Queer-sein sogar fälschlicherweise noch als „Krankheit“ sahen, erkannten sie zumindest an, dass Sexualität keine Frage der Wahl ist. So fühlten die meisten Menschen, denen ich begegnete, ihre eigene Sexualität durch ein Coming Out von Freund*innen oder Bekannten nicht in Frage gestellt.

Bei Beziehungsformen erfuhr ich das anders. Als polyamore Person, die zwei Beziehungen gleichzeitig führt, musste ich die Erfahrung machen, dass mir mein Outing häufiger in Frage gestellt wird als mir lieb ist.

Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort polýs „viele, mehrere“ und dem lateinischen Wort amor „Liebe“ zusammen. Sexuelles Begehren spielt an dieser Stelle nicht unbedingt eine Rolle, es geht ausschließlich darum, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Das Konzept gibt es schon sehr lange, aber erst seit etwa 1960 vernetzen sich Menschen, tauschen sich über ihre Erfahrungen aus und unterstützen sich gegenseitig. Seit 1997 zum ersten Mal das Buch The Ethical Slut) rausgekommen ist, wird das Konzept Polyamorie immer bekannter – das Buch fällt vielen Menschen, die sich anfangen mit dem Thema auseinanderzusetzen, zuerst in die Hände.

NEUEN VORSTELLUNGEN PLATZ MACHEN 

Durch mein Poly-Dasein fühlen sich viele Menschen in ihrer eigenen Art und Weise Beziehungen zu führen in Frage gestellt. Von Neugierde über Ablehnung und Unverständnis bis hin zu pathetischen Plädoyers auf monogame Beziehungen ist mir schon alles begegnet. In 13 Jahren Outing ist es keine Neuheit für mich, dass Menschen mit Ablehnung oder Neugierde reagieren. Davon abgesehen bin ich eine cis-frau mit jüdischer Migrationsgeschichte, es ist also auch keine Neuheit für mich, mit Antisemitismus und/oder Sexismus konfrontiert zu sein. Was neu dazu gekommen ist, ist die Rechtfertigung. Ich musste mich noch nie dafür rechtfertigen, in wen ich mich verliebe oder mit wem ich wie eine Beziehung führen möchte.

Seit kurzem schon.

Den meisten Menschen fällt es schwer, nachzuvollziehen, wie ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann. Dabei gibt es in unserem Alltag bereits so viele lebhafte Beispiele dafür, wie das problemlos möglich ist. Am besten gefällt mir der Vergleich mit Kindern. Wenn ihr euch vorstellt ein Kind zu haben und später ein zweites oder drittes, liebt ihr letztere weniger, weil sie später auf die Welt gekommen sind? There you go Und wie steht es mit Freund*innen? Viele von uns kennen sicherlich das Gefühl, dass es mehrere Menschen in unserem Leben gibt, die uns wichtig sind und die wir gleichzeitig lieben. Wieso fällt es uns dann so schwer, andere Formen von Beziehungen als nicht-exklusiv zu verstehen?

Es hat lange gedauert, bis ich selbst von bestimmten Vorstellungen, wie Beziehungen sein müssen oder wie sich Menschen in Beziehungen zueinander verhalten müssen, losgelassen habe. Ich habe lange gebraucht, um mich selbst zu überzeugen, dass es vollkommen in Ordnung und nicht falsch ist, dass ich mich zu so vielen unterschiedlichen Menschen hingezogen fühlen kann, unabhängig davon, in welchen Beziehungen ich mich befinde. Lange habe ich mich dafür geschämt und das Problem in meiner damaligen Beziehung gesucht, bis meine Partnerin den ersten Schritt gewagt und mir von ihren Sehnsüchten nach anderen Menschen erzählt hat. Das hat mich ganz schön getroffen. Schließlich war ich diejenige, die versucht hat, all diese Gedanken und Bedürfnisse, mit der größten Hartnäckigkeit zu verdrängen und zu überwinden. Ich habe auch viel getrauert und trauere manchmal immer noch um Fantasien und Vorstellungen, die neuen Fantasien und Vorstellungen Platz machen musste. Ich musste mich von einigen Gedanken trennen, weil ich sie nicht mehr wollte.

Es ist schwer, 26 Jahre Sozialisation zu überwinden.

Während ich die meiste Zeit meines Lebens damit konfrontiert war, dass Eifersucht ein Zeichen von Zuneigung, Zuneigung zu Menschen außerhalb von einer romantischen Zweierbeziehung Betrug, und die Suche nach der einen Seelenverwandtschaft das größte Ziel im Leben ist, bin ich jetzt damit beschäftigt all diese Gedanken loszulassen und loszuwerden.  Mir hat es geholfen role models zu finden und von funktionierenden Polybeziehungen zu lesen und zu hören. Der Blog morethantwo.com war einer der ersten über die ich gestolpert bin und vieles davon hat mich nachhaltig beeinflusst. Das Buch “Love In Abundance: A Counselor’s Advice On Open Relationships” von Kathy Labriola kann ich auch nur sehr empfehlen und besonders die Seite lifeontheswingset.com. Ich bemühe mich zwar stets um die Suche nach deutschsprachigen Seiten, aber leider gibts es immer noch sehr viel mehr englischsprachiges Material.

“DAS KÖNNTE ICH JA NICHT”

Ich denke, dass an geschlossenen Zweierbeziehungen nichts verkehrt ist. Mein Eindruck ist nur, dass wenn es um Begierde und Sehnsüchtige, im Bezug auf alle anderen Menschen außerhalb einer Zweierbeziehung geht, Ehrlichkeit nicht besonders geschätzt wird. Ehrlichkeit kann weh tun und sie kann besonders hart sein, wenn man weiß, dass die andere(n) Person(en) sich schwer damit tun werden, aber sie ist auch der Grundpfeiler jeglicher Beziehungen. Geschlossene Beziehungen können genau so gut sein, wie polyamore Beziehungen, es geht nicht um das Konzept. Vielmehr geht es um die Menschen, die das Konzept ausfüllen und die Beziehungen gestalten, die sie leben wollen. Jetzt möchte ich zwei Beziehungen, mit zwei wundervollen Menschen führen, aber ich kann nicht mit Gewissheit sagen, dass ich für den Rest meines Lebens genau das möchte. Mein Bedürfnisse stehen in einem ständigen Prozess der Veränderung und solange ich die Offenheit spüre, diese zu äußern, ist es mir vollkommen egal, um welche Form von Beziehung es sich handelt.

Jedes Mal wenn ich mich als Poly oute, outete sich mit mir der Prozess der Veränderungen, den ich durchlaufe. Ich bin leider keine Expertin was geöffnete Beziehungen angeht, und doch werde ich häufig als Vertreterin eines ganzen Konzepts gesehen, dabei bin ich selbst noch dabei mich zu finden. Es gab wenig bis keine Vorbilder in meinem Umfeld, wenn es darum ging, funktionierende polyamore Beziehungen zu finden, die mir von ihren Erfahrungen berichten konnten. Sich selbst zu erfinden und alles neu zu definieren war deswegen der schwerste Teil. Wenn ich Menschen von meiner Konstellation erzähle, liegt der Fokus des Gesprächs meistens auf deren Neugierde und Befangenheit, meistens eingeleitet mit dem Satz „Das könnte ich ja nicht“.

Es ist fast ein bisschen so, als ob mir jemand einen Spiegel vorhalten würde und ich meinen eigenen Prozess der Veränderung, erneut von vorne bis hinten durchspielen würde. Ich rede gerne mit Menschen darüber, was es bedeutet, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen und ich bin gerne da, um mit ihnen gemeinsam ihre Vorstellungen von Beziehungen unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu hinterfragen, was davon sie wirklich gut finden. Gleichzeitig fühle ich mich unter Druck gesetzt, dass ich zum Vorzeigebild einer funktionierenden polyamoren Beziehung auserkoren werde.

VIELE PROBLEME UND KONFLIKTE SIND DIE GLEICHEN
WIE IN MONOGAMEN BEZIEHUNGEN 

Wenn ich also als Individuum in meinen Beziehungen „scheitere“, dann scheitert mit mir ein Stück weit die Vorbildfunktion und ein positiv besetztes Bild von Polyamorie. Das gesamte Konzept wird an eine einzige Beziehung geknüpft und wenn die Beziehung zu Ende geht, dann geht mit ihr auch die Polyamorie, weil es keinen anderen Grund geben kann, dass eine Beziehung zu Ende geht. Alle negativen Entwicklungen werden mit dem Beziehungskonzept in Verbindung gebracht und nicht mit den Individuen, die dahinter stehen. Das ist problematisch.

Klar, es kann Dinge geben, die in Polybeziehungen besonders ausgeprägt sind, wie etwa das ehrliche Kommunizieren von Bedürfnissen, weil Begierden offen gelegt sind, nicht verheimlicht werden müssen und nicht als Betrug oder Verrat abgestempelt werden. Aber viele Probleme und Konflikte sind genau die gleichen, die Menschen in monogamen Beziehungen durchleben. Da geht es genauso um Ehrlichkeit, Zeit füreinander haben, Eifersucht und unterschiedliche Bedürfnisse. Beispielsweise bin ich ein Mensch, der selten alleine schlafen möchte. Meine Beziehungspersonen hingegen brauchen häufiger Zeit für sich und Zeit alleine in ihrem Bett.

Ob Beziehungen zwischen Menschen halten oder nicht, hängt von den Menschen ab, die die Beziehungen ausfüllen, nicht von der Beziehungsform.

Gerade deswegen ist ein Outing als polyamore Person auch so wichtig: Menschen fühlen sich schnell von meiner Art und Weise Beziehungen zu führen angegriffen, weil sie häufig glauben, dass mein Outing eine Art Manifest oder Kritik an monogamen Beziehungen ist. Dabei ist es mir vollkommen egal, was Menschen für Beziehungen führen, solange sie zufrieden und ehrlich zu sich selbst sind. Durch das Gefühl sich angegriffen zu fühlen wird so ein Nachdenken angeregt, weil es offensichtlich ein Thema ist, dass Menschen auf irgendeine Art beschäftigt. Es kann dazu beitragen, dass eigene Bedürfnisse ehrlich und kritisch hinterfragt werden und offene Beziehungen kein Tabu Thema in Beziehungen mehr sind. Letztlich glaube ich, dass jedes Outing wichtig ist, weil es die unhinterfragte Norm von Zweierbeziehungen in Wanken bringt und so eine größere Sichtbarkeit für Liebes- und Beziehungsformen aller Form herstellt.

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Über das Geheimnis langanhaltender Beziehungen und wofür ich dir nach 6 gemeinsamen Jahren dankbar bin.

Vor 6 Jahren lag ich in einem Bett und habe die Frage der Fragen gestellt “willst du mit mir zusammen sein?”. Ich war ziemlich jung und ziemlich unerfahren, was Beziehungen führen anging. Ehrlich gesagt, ich hatte absolut keine Ahnung von Beziehungen. Zu dem Zeitpunkt war ich der Meinung, dass es etwas schönes ist und etwas, was sich schön anfühlt, wollte ich behalten. Deswegen wollte ich diese Beziehung, weil sie mir gut getan hat.

Vieles ist seitdem passiert. Und vieles hat sich alles andere als schön und fluffig und weich angefühlt. Ich wurde verletzt und ich habe verletzt. Ich habe auch ziemlich viel gelitten und mich sehr verändert. Ich habe gelogen und war mehrfach davor zu sagen, dass ich das alles nicht mehr möchte. Ich habe mich durch dich kennengelernt, das wahre Ich, nicht die Person die ich mal vorgegeben habe zu sein oder die, von der ich dachte, dass ich sie sein müsste. Ich habe den Schmerz der Veränderung ausgehalten. Ich wäre fast daran zerbrochen. Ich habe erfahren, was es bedeutet Wahrheiten zu ertragen und gespürt, wie schwer es eigentlich sein kann ehrlich zu sein. Ich hatte sehr viel Angst. Und ich habe immer noch Angst, wenn ich daran denke, wie wichtig du mir als Mensch bist.

Die letzten 6 Jahren waren alles andere als einfach und ich denke, dass ich erst jetzt so langsam anfangen zu begreifen, was es eigentlich bedeutet in einer committed (entschuldigt, ich finde das deutsche Wort “verbindlich” oder “fest” nicht passend) Beziehung zu sein. Wir haben uns nicht magisch und von Zauberhand verändert, das war kein selbsterklärender Prozess. Jemanden zu lieben ist viel Arbeit, das habe ich nach und nach begreifen müssen. Um genau zu sein, ich musste es erlernen, weil jemanden zu lieben eine Kunst ist. Sich zu öffnen und anzuvertrauen, beutetet sich nackt zu machen. Es gibt keinen Ort des Versteckens mehr, ich komm nicht umher mich selbst zu sehen und genau das kann so angsteinflößend sein.

Die Wahrheit ist, dass lieben eine Herausforderung ist, weil ich Menschen, die ich liebe, so liebe wie sie sind, mit all ihren Wünschen und Träumen und Bedürfnissen. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich sie dabei unterstützen will, so zu werden wie sie das möchten und sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie sein wollen. In John Welwoods Worten ausgedrückt: “seeing and loving them for who they could be, and for who we could become under their influence”. Ich glaube, dass liebende Beziehungen, welcher Form auch immer, dazu beitragen, dass wir uns in einer bestimmten Art und Weise entwickeln können. Sich einer anderen Person gegenüber zu öffnen, ist wie einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ich muss erst einmal ehrlich zu mir selbst sein, um ehrlich zu anderen sein zu können und so lerne ich mich kennen. Du hast mir dabei geholfen mich selbst zu finden oder um es in bell hooks Worten auszudrücken “we are committed to being changed, to being acted upon by the beloved in a way that enables us to be more fully self-actualized”.

Ich weiß inzwischen, dass ich mich nicht darauf verlassen kann, dass Beziehungen gleich bleiben und, dass es immer schön sein wird oder einfach oder fluffig und weich, aber ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, dass wir einander mit Respekt begebenen werden und Arbeit und Zeit investieren, um uns zu lieben. Ich will mich nicht verstecken oder aus Angst vor zu viel Intimität davon laufen, weil ich letzten Endes vor mir selbst fliehen würde. Ich glaube, dass wir uns erst nackt machen müssen, um uns selbst verändern zu können und ich bin mir unsicher, ob die Art von Veränderung, ohne eine liebende, enge, vertraute und intime Beziehung, welcher Art auch immer, möglich ist. Genau aus diesem Grund bin ich die für die letzten 6 Jahre dankbar. Danke, dass du mich dabei unterstützt hast, die Person zu werden, die ich sein will. Mit all meinen seltsamen und nervigen Eigenschaften. Danke, dass du mich liebst so wie ich bin und ich ein Teil deines Lebens sein darf. Danke für die letzten 6 Jahre.

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Ist es immer besser ehrlich zu sein?

Ich bin vor einigen Tagen über folgendes Zitat aus dem Buch “all about love” von bell hooks gestolpert:

“Lots of people learn how to lie in childhood. Usually they begin to lie to avoid punishment or to avoid disappointing or hurting an adult. How many of us can vividly recall childhood moments where we courageously practiced the honesty we had been taught to value by our parents, only to find that they did not really mean for us to tell the truth all the time. In far too many cases children are punished in circumstances where they respond with honesty to a question posed by an adult authority figure. It is impressed on their consciousness early on, then, that telling the truth will cause pain. And so they learn that lying is a way to avoid being hurt and hurting others.” Weiterlesen

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