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Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen

Schlagwort: Sex

Eifersucht in Zeiten von Smartphones – besser, schlechter, anders?

Gerade eben bin ich beim Hören von Sex Tapes Podcast – Smartphone Love auf die Verknüpfung von Eifersucht und Smartphones gestoßen und konnte nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken. Plötzlich hatte ich so viele Situationen im Kopf, in denen ich traurig oder ängstlich vor meinem Handy saß und versucht habe, die andere Person zu erreichen. Ich hatte auf einmal die Frage im Kopf, ob mein Handy mich eher dabei unterstützt oder meine Eifersucht in manchen Momenten verschlimmert, weil ich jederzeit und zu jedem Moment in Kontakt treten kann… Weiterlesen

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Auf der Suche nach meiner eigenen Exklusivität.

Unerwarteterweise hat mich das Sommerloch härter erwischt als ich hätte ahnen können. Fast 2 Monate hab ich jetzt nichts mehr auf meinem Blog veröffentlich, dabei ist so viel passiert! Die Babypläne schreiten in großen Schritten voran, erste Um- und Einzugspläne sind in der Verwirklichungsphase, ich werde bald meine ersten “Beziehungen öffnen – wo fange ich an?” Workshops geben und kommenden Donnerstag führt der Blog Sextapes-podcast ein Interview mit mir. Super aufregend das alles und ich will euch in nächster Zeit mehr davon berichten.

Eins nach dem andern.

Heute geht es in meinem Beitrag um das Thema Exklusivität. In der Vorbereitung auf den offenen Beziehungsworkshop, hab ich intensiv meine ersten Jahre und Erfahrungen mit nicht-monogamen Beziehungen Revue passieren lassen. Dabei bin ich häufiger bei dem Thema Exklusivität hängen geblieben, weil ich mich daran erinnert habe, dass es besonders hart für mich war den Bereich der sexuellen Exklusivität zu verlieren (damals ging es ausschließlich darum mit anderen Menschen sexuelle Begegnungen zu haben, von Gefühlen war noch nicht die Rede ;)). Mein erstes Gefühl damals war “wenn meine Beziehungsperson Sex mit anderen haben will, dann stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht“. Ich war zunächst sehr skeptisch und verletzt und traurig, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir selbst noch nicht eingestanden, dass ich selbst super neugierig war und mich nur nicht getraut hatte den gleichen Schritt zu wagen wie meine Beziehungsperson: das Thema offene Beziehung anzusprechen.

Ich empfand es als eine große Herausforderung dieses Verständnis von Exklusivität gewissermaßen aufzulockern, denn über all dem stand für mich die Frage: Kann es nur eine Exklusivität geben?

Für mich war es total wichtig meine Beziehung(en) genau unter die Lupe zu nehmen und für mich persönlich zu definieren, was ich daran als exklusiv verstehen möchte und welche Exklusivität ich bereit bin gewissermaßen “aufzugeben”. Dabei hab ich bemerkt, dass ich total viel Sicherheit über geteilte Erinnerungen und gemeinsam erlebte Lebenszeit erfahre. Das ist für mich etwas sehr exklusives und dieses Gefühl erfahre ich in der Intensität nur mit meinen Beziehungspersonen. Deswegen wollte ich zum Beispiel auch noch nie eine “Don’t ask, don’t tell” Beziehung haben, weil ich dann das Gefühl hätte, einen wichtigen Teil in dem Leben meiner Beziehungspersonen nicht mitzubekommen und gleichzeitig nicht mit ihnen teilen zu können.

Exklusiv kann für mich auch Intimität sein. Das muss nicht unbedingt sexuelle Intimität sein, denn Intimität umschließt so viel mehr als das. Intim kann für mich eine Umarmung sein, wenn es mir besonders schlecht geht und ich mich dagegen sträube es mir selbst einzugestehen. Mich zu umarmen und dabei zu unterstützen meine Gefühle zuzulassen kann etwas ganz spezielles und unter Umständen auch etwas sehr exklusives sein. Diese Art von Exklusivität verspüre ich in mancher Hinsicht auch mit Freund*innenschaften. Ich mache da keine Hierarchie auf, Exklusivität sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, welche Bedeutung der jeweilige Mensch für mich hat. Ich denke, dass der Dreh- und Angelpunkt darin besteht, dass Exklusivität Beständigkeit vermittelt, diese wiederum schafft Geborgenheit und die wiederum gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für mich, um mich auf Menschen einlassen zu können. Ich will darauf vertrauen können, dass Menschen auf die ich mich einlasse nicht von jetzt auf gleich aus meinem Leben verschwinden. Ich will darauf vertrauen können, dass ich ihnen als Mensch wichtig bin, weil sie mich als Menschen schätzen (und lieben) – ganz unabhängig von unserer Beziehungsform.

Und das ist für mich die wichtigste Exklusivität.

Ganz nach dem Prinzip „trial and error“ hab ich mich selbst ins kalte Wasser der nicht-Monogamie geworfen. Niemand konnte mir damals sagen, ob sich meine Angst, dass meine Beziehungsperson eine „bessere, spannendere, tollere…“ Person findet und mich in der Konsequenz verlässt, bestätigen wird oder nicht. Heute würde ich sagen, dass sich meine Angst hätte nur bestätigen können, wenn eine/beide von uns damals gar nicht an einer offenen Beziehung interessiert gewesen wären und sie nur als Mittel zum Zweck benutzt hätten, um unsere Beziehung zu retten. Das konnte ich damals noch nicht wissen, ich hatte noch nicht das wohltuende Gefühl der Erfahrung. Worauf ich mich allerdings verlassen konnte, dass war unsere zwischenmenschliche Bindung. Ich wusste, dass egal was passiert, mir niemand diese intensive und durchaus auch exklusive Bindung nehmen kann.

Die Erfahrung machte einiges leichter. Indem ich gemerkt habe, dass meine Beziehungsperson mich nicht weniger liebt oder ein weniger wichtiger Mensch in meinem Leben sein will, konnte ich mich in vielerlei Hinsicht zunehmend für offene Beziehungen begeistern. Ich denke, dass Beziehungen so viel mehr ausmacht als bloß der Sex, allein schon, weil manche Menschen gar keinen Sex haben wollen oder irgendwann aufhören Sex zu haben im Laufe ihrer Beziehung. Beziehungen auf Sex zu beschränken würde sie meiner Meinung nach sehr eindimensional erscheinen lassen, weil Beziehungen sich auf unsere Sexualität reduzieren würden. Dabei ist jede Beziehung auf ihre Art und Weise exklusiv und besonders, auch über den Sex hinaus.

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Embrace your jealousy. Ein Plädoyer auf Eifersucht.

Als ich angefangen habe, mich mit offenen Beziehungen auseinanderzusetzen, war die einzige Message, die ich immer und immer wieder bekommen habe: Eifersucht ist schlecht. Das Ziel sollte sein, mich davon zu befreien, weil alles, was dahintersteht, verwerflich ist. Mein erstes Buch zu dem Thema schaffte es sogar, diese Aussage in Bilder zu fassen. Auf dem Cover war ein Herz zu sehen, umschlungen von stählernen Ketten, versiegelt durch ein mächtiges Schloss. Weiterlesen

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Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen? Part 2

Ich habe Eifersucht schon auf sehr unterschiedliche Weise erlebt. Im letzten Beitrag schrieb ich über mein „ich liege auf dem Boden und bin zutiefst traurig und verzweifelt“ Erlebnis, es gibt aber auch ganz viel dazwischen. Von kurzer Unsicher, über tiefsitzende Ängste, bis hin zu Situationen dich mich an vorherige Situationen erinnern und Traumata triggern. Die Eifersuchtspalette ist reich an Inhaltsstoffen. Ich weiß keinen allgemerin gültigen Umgang mit Eifersucht, das wäre auch ziemlich utopisch, aber ich kann meine Erfahrungen mit euch teilen und vielleicht kann ich sogar dazu beitragen, dass die ein oder andere Person von meinen Gedanken dazu profitiert :). Weiterlesen

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Warum ist Eifersucht gut und wie kann ich damit umgehen?

Dieser Eintrag wird alles andere als theoretisch. Ich kann ihn nur schwer mit einer gewissen Distanz verfassen, weil das Thema immer und immer wieder eine große Herausforderung für mich darstellt. Ich verbinde mit Eifersucht viele unterschiedliche Emotionen. Die meisten davon sind negativ, das kann ich nicht leugnen, aber ich möchte euch gerne erklären, wieso es auch durchaus und vielleicht sogar in erster Linie etwas positives hat.

Wenn ich an Eifersucht denke, dann denke ich vorallem an schmerzvolle Situationen. Ich erinnere mich so zum Beispiel an die Zeit, in der meine Partnerin und ich unsere geschlossene, romantische Zweierbeziehung (RZB) zu einer geöffneten Beziehung veränderten. Ich kann mich gut an den Schmerz erinnern, an die Trauer und das Gefühl, dass mein komplettes Weltbild einmal Kopf steht. Ich kann mich auch gut erinnern, dass ich die ganze Zeit dachte, dass ich das nicht empfinden darf. Wieso sollte ich auch, wenn ich die Person liebe und möchte, dass sie glücklich ist? Wieso kann ich das nicht? Wieso bin ich dazu nicht in der Lage? Das waren alles Fragen, die mir immer und immer wieder im Kopf herum gingen. Ich konnte den Schmerz und die Trauer nicht so richtig zulassen, aber trotzdem habe ich gelitten. Ich habe so sehr gelitten, dass ich zum Teil auf dem Boden lag, geweint hab und mich vor lauter Herzschmerz und Trauer nicht mehr bewegen konnte.

Ich weiß ganz genau, dass es nicht darum geht, dass meine Partner*innen einen Menschen finden, der besser zu ihnen passt, spannender ist, großartigeren Sex mit ihnen hat etc. Mir ist durchaus bewusst, dass es meistens keine realen Gefahren sind, trotzdem fühle ich sie sehr bewusst. Genau das macht es für mich so schwer die Gefühle zuzulassen. Die ersten Bücher und “Ratgeber” die ich zu diesem Thema gelesen habe, haben mir alle vermittelt, dass es schlecht ist, dass ich das fühle und sie mir allesamt helfen wollen dieses Gefühl zu überwinden. Selbst jetzt, wenn ich nach Büchern zum Thema”Eifersucht” suche, schreiben viele davon “Eifersucht überwinden”, Eifersucht auflösen”, “Eifersucht: Bewältigungsstrategien”etc. Eifersucht ist also häufig als etwas schlecht und ablehnenswertes gesehen. Vielleicht will ich Eifersucht aber auch gar nicht “überwinden”, vielleicht will ich viel mehr lernen mit ihr in einem friedlichen Miteinander zu leben und sie als Teil meiner großen, großen Gefühlswelt zu sehen. Wieso muss Eifersucht auch von Anfang an als etwas per se negatives gesehen werden? Kann es nicht auch erst einmal ohne das Label “negativ” gelten? Ich denke schon!

Während meiner Auseinandersetzung mit mir selbst (und unzähligen aufschlussreichen Blogs, Online Artikeln und Büchern), ist mir immer klarer geworden, dass Eifersucht nicht nur eine Störung meines behutsamen Alltags ist, sondern auch als Aufstörung oder eine Art Antrieb funktioniert. Sie deutet darauf hin, dass mir eine Beziehung, welcher Art auch immer,  wichtig ist. Letzten Endes ist es also irgendwie ein Mechanismus, um die Art von Beziehung zu beschützen die ich habe,  mit dem Ziel sie Aufrecht zu erhalten. Was für ein komplexes Gebilde steht also hinter Eifersucht?

Ich stelle es mir gerne – auch wenn es ein bisschen kitschig ist – folgendermaßen vor: IMG_1405.jpg

Ich glaube, dass ihr trotz meiner miserablen Zeichenkünste erkennen könnt, was es darstellen soll: einen Eisberg. Eifersucht ist sozusagen bildlich gesprochen der Gipfel des Eisbergs. Er deutet zwar an, was unter ihm lauert, aber auf den ersten Blick zieht man nur die Spitze, somit empfinde ich zunächst das Gefühl von Eifersucht. Darunter liegen all die unterschiedlichen, mehr oder weniger offensichtlichen Gefühle, die mich unmittelbar zu mir selbst führen. Durch all den Schmerz bin ich letzten Endes gezwungen mich mit mir selbst auseinander zu setzen und auf große Entdeckungsreise in die Tiefen meiner Gefühlswelt einzutauchen. Was ich dort finde? Viele, viele Ängste. Unter anderem auch Wut, hauptsächlich auf mich selbst und immer wieder Trauer und Traurigkeit. Ich empfand dabei den Artikel “What are you experiencing when you are jeaulous?” von Kathy Labriola als sehr, sehr hilfreich (selbst wenn er zum Teil heteronormativ ist), weil er mir geholfen hat Eifersucht innerhalb dieser drei sehr dominanten, negativen Emotionen zu verstehen : Wut, Trauer und Angst. Ich finde es total hilfreich, wenn ich meine Emotionen strukturieren kann und sie sich nicht wie ein diffuser, großer, unüberwindbarer Knoten anfühlen. So werden sie greifbarer und realer und ich kann daran arbeiten und mich verändern, wenn ich das möchte. Die drei Emotionen sind jedoch auch wieder “nur” Unterkategorien und es hilft mir häufig so klar wie möglich zu definieren, was ich eigentlich fühle. Dabei kann es von einem Gefühl von Ohnmacht, über Depressionen und Hilflosigkeit, bis hin zu Verlustängsten, der Angst vor Einsamkeit, Schwindelgefühlen, Motivationslosigkeit und Bauchkrämpfen etc. reichen. Kathy Labriola schlägt außerdem vor einen jealousy pie zu zeichnen, der einem verdeutlichen soll, ob und welche der drei Emotionen vordergründig zum Vorschein kommen. Das kann folgendermaßen aussehen:

IMG_1406.jpg

Wichtig Fragen wären in meinem Fall:

1.) Wovor habe ich Angst?

2.) Wie wahrscheinlich ist es, dass sich meine Ängste bewahrheiten?

3.) Wie gehe ich damit um, wenn sie sich bewahrheiten? Was kann ich tun, um mich um mich selbst zu kümmern? Was brauche ich?

Der letzte Punkt ist besonders wichtig, weil das eigentlich der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Transformation ist. Ich kann nicht besser mit Situationen umgehen, wenn ich nicht weiß was ich brauche, um damit umzugehen. Was fühlt sich gut an? Was kann ich machen, um self care zu betreiben? Mir hilft es zum Beispiel mir schöne Dinge vorzunehmen, wenn mich Situationen verunsichern. Ich muss nicht den ganzen Abend zu Hause sitzen und mich gewissermaßen zwingen das Gefühl durchzustehen und auszuhalten, wenn eine meiner Beziehungspersonen gerade auf einem Date ist. Es ist auch okay  und sogar sehr schön mir eine schöne Abendgestaltung zu überlegen und gegebenenfalls Freund*innen um Unterstützung zu bitten. Ich muss nicht alleine irgendetwas durchstehen, das fällt unter den Punkt “nicht zu hart zu sich selbst sein”, auf den ich etwas später eingehen werde. Manchmal ist es auch schön sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass viele meiner Vorstellungen von Liebe und Beziehungen von einer heteronormativen Gesellschaft geprägt sind. Es macht total Sinn, dass ich eifersüchtig werde, wenn mir beinahe jeder Film und jedes Buch, was ich in meiner Jugend gelesen und gesehen habe, suggeriert, dass jede Beziehung aus zwei Menschen besteht und jegliche Form von Interesse, das über Freundschaft hinaus geht, als verwerflich und problematisch dargestellt wird. Wir lernen, dass Menschen nur das Interesse an anderen Menschen entwickeln, wenn sie unzufrieden sind in ihrer Beziehung und ihre*n Partner*in nicht mehr begehren. Dass das nicht zwangsläufig stimmt, ist schwer zu realisieren, wenn ich die meiste Zeit meines Lebens diese Dinge nicht in Frage gestellt habe. In welchem Film kriege ich auch zu hören: “Warte, lass dich nicht von diesem Film beeinflussen, du kannst immer noch selbst entscheiden was du unter Eifersucht verstehst” oder “Kinder, das ist nur eine Form von Beziehung, da draußen gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Husch, husch”. Es gibt weniger role models für Polybeziehungen in Filmen/Büchern/Zeitschriften etc. und so erscheint es mir auch logisch, dass es nicht einfach ist seine eigenen Regeln, Grenzen, Strukturen und Bedürfnisse, außerhalb einer geschlossenen Monomanen Beziehung zu finden. Das kostet viel Energie und Zeit und manchmal bin ich dabei schon aus allen Wolken gefallen, weil meine Beziehung doch nicht so unveränderter schien wie ich dachte.

Ich habe für mich vor nicht all zu langer Zeit gelernt, dass es vollkommen okay ist zu trauern, leiden und all den Schmerz zu empfinden, der mit dem Gefühl von Eifersucht in Erscheinung tritt. Daran ist nichts verwerfliches oder schlechtes. Besonders realistisch ist es auch, dass ich als Person in einer Polybeziehung und zwei offenen Beziehungen, trotzdem auch immer wieder eifersüchtig bin. Ich bin nicht immun dagegen, ich bin genau so wie andere Menschen auf dieser Welt manchmal unsicher und manchmal auch besonders empfindsam für gewisse Situationen und ich will mich dafür nicht schämen müssen. Mir ist es jedoch auch wichtig geworden, dass ich mich nicht von der(n) Emotion(en) überwältigen lasse. Eifersucht kann so kompliziert sein und einen im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen überrollen, aber ich mache mir immer wieder bewusst, dass ich immer noch die Kontrolle über meine Handlungen habe und an bestimmten Sachen arbeiten kann, wenn ich es denn will. Um diesen Eintrag allerdings nicht ins Unendliche auszuweiten, schreibe ich darüber in  “Why is jealousy good Part 2”. Ich will außerdem gerne (m)einen Umgang mit Eifersucht mit euch teilen, auf self care und auf die Fragen “Was, wenn mich Situationen von früher triggern? und “Was hat eigentlich Eifersucht mit Vertrauen zu tun?” eingehen.

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Grenzen. Embrace the power of No.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich eine für mich sehr bahnbrechende Erkenntnis. Eigentlich waren es mehrere bahnbrechende Erkenntnisse. Das meiste davon hatte unmittelbar mit einem Podcast über Boundaries: a conversation with Hilary Nunes auf dem Sender Carnalcopia zu tun. Dieses 1-stündige Gespräch über Grenzen hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben ein Stück weit verändert. So pathetisch das jetzt klingen mag, ich will euch erklären wieso es eigentlich ganz einfach war.

Es gab Zeitpunkten in meinen Beziehungen – und es gibt sie immer und immer wieder – wo ich mich selbst noch nicht gut genug kannte, um abschätzen zu können, wo eigentlich meine Bedürfnisse und die damit verbundenen Grenzen lagen. Und selbst als ich es dann wusste, habe ich mich nicht immer getraut sie zu äußern. Klar, zum Teil lag es daran, dass ich nicht genau wusste was ich eigentlich will, aber zum größten Teil ging es bei mir um zwei grundlegende Ängste:

  1.  Mein Bedürfnis könnte sich so sehr von dem meiner Partner*innen unterscheiden, dass ich meine Beziehung riskiere
  2. Die andere Person respektiert nicht meine Grenzen/belächelt mich/versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen etc. und dann fühle ich mich zurückgewiesen, abgelehnt oder nicht ernst genommen

Was tun also? Ich habe es mir in den meisten Fällen sehr einfach gemacht. Das Unbehagen für mich zu behalten schien einfacher als zu kommunizieren, was denn mein eigenes Bedürfnis ist – und noch dazu war es Risikofreier.

Ich habe mir zum Beispiel lange Zeit nicht eingestehen wollen (da hat es also an Ehrlichkeit zu mir selbst und zu andere gefehlt), dass ich auch andere Menschen auf dieser Welt außerhalb meiner Beziehung(en) attraktiv und sexuelle anziehend finde und der Rest der Welt unter einem magischen Deckmantel verschwindet. Es war also ein bisschen wie ein doppelter Schlag ins Gesicht als meine Beziehungsperson damals eine geöffnete Beziehung probieren wollte. Ich war hauptsächlich enttäuscht von mir selbst, aber die Enttäuschung hat sich damals in Form von Wut, Traurigkeit und Verlustängsten gegenüber der anderen Person geäußert, schließlich war es einfacher negative Gefühle auf andere zu projizieren als die Ursache des Ganzen bei mir selbst zu suchen.

Die unmittelbare Konsequenz aus meinem scheinbar einfachen Weg: Ich habe angefangen zu zweifeln. Und zwar nicht nur an mir und mit welcher Intention ich eigentlich Dinge mache, sondern auch an anderen Menschen. Von mir habe ich auf andere geschlossen und mich gefragt, ob Menschen gerade wirklich das wollen was sie sagen. Wie kann ich auch ein „Ja“ wertschätzen, wenn ich immer wieder in Frage stelle, dass es eben so gut ein „Nein“ sein könnte. Eigentlich hatte ich im Grunde genommen Angst vor der Konsequenz aus einem “Nein”. Was hab ich also gemacht?

Ich musste meine Logik komplett umstellen. Anstatt mich darauf zu fixieren, dass “Ja” etwas positives und “Nein” etwas negatives ist, habe ich, vorallem seitdem ich das erste mal den Beitrag über Boundaries gehört habe, folgendes gelernt: Wenn ich weiß, dass Menschen bewusst und selbstsicher zu Dingen “Nein” sagen können, kann ich ihr “Ja” viel mehr wertschätzen. Embrace the power of No. Anstatt mich von einem “Nein” abschrecken zu lesen oder das Gefühl zu haben Ablehnung und Zurückweisung zu erfahren, versuche ich es aus einer anderen Perspektive zu sehen – auch wenn es mir immer wieder schwer fällt mich von dem Gefühl von Zurückweisung zu distanzieren, weil das starke Emotionen in mir hervor ruft. Je mehr ich weiß, was Menschen wollen oder nicht, umso schöner und sicherer fühlt es sich an, umso sicherer fühle ich mich in der Beziehung. Grenzen fühlen sich gut an, weil ich weiß was sich gut anfühlt für andere und ich kann entscheiden, wie ich darauf Rücksicht nehmen will oder nicht.  Grenzen helfen mir mich zu verstehen und ich bin der Meinung, dass sie auch anderen helfen mich besser zu verstehen. Klar, ich kann sie komplett über Bord werfen und genau das Gegenteil von allem machen. Genau so gut kann ich versuchen rücksichtsvoll und umsichtig mit den Grenzen anderer Menschen umzugehen und sie nicht mit Füßen zu treten. Schließlich bin ich nicht in Beziehungen mit Personen die mir unwichtig sind, wieso sollte ich sie bewusst mit meinen Handlungen verletzen? So lerne ich mich also kennen. Eine meiner Beziehungspersonen hat sehr schön gesagt, dass es logischerweise schwierig ist anderen näher zu kommen, weil man sich öffnet und dadurch komplett auf sich selbst zurück geworfen wird. Je näher ich jemandem komme, umso näher komme ich mir selbst und klar kann das beängstigend und schwer sein und Dinge hervor holen die tief in mir lauern.

So musste ich also über mich lernen, dass ich starke Verlustängste habe die Form von Beziehungen zu verlieren die ich führe. Aus Angst das zu “verlieren” habe ich Bedürfnisse nach hinten gestellt oder sie gar nicht erst zugelassen. Zum einen ist es glaube ich absurd, weil ich damit meinen Beziehungspersonen unterstelle, dass sie damit nicht klar kommen würden und die Angst berechtigt ist und zum anderen erachte ich mich selbst und meine Bedürfnisse als nicht wertvoll genug, dass ich sie so sehr als Priorität setze und es unabdingbar ist sie anzusprechen. Nachdem ich also vor einigen Tagen zum gefühlt zehnten Mal den Beitrag über Boundaries angehört habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass alle meine Emotionen und Bedürfnisse eine Daseinsberechtigung haben, ob sie erfüllt werden können oder ob es gut oder schlecht ist ihnen nachzugehen ist in erster Linie unwichtig. Aber ich glaube, dass es wichtig ist Dinge erst einmal ansprechen zu können und darüber zu reden.

Grenzen und Bedürfnisse können sich aber logischerweise auch verändern. Was ich vor fünf Jahren wollte ist vielleicht nicht mehr das gleiche was ich jetzt will. Es ist sogar ziemlich sicher nicht das gleiche. Zum Teil wollte ich sogar meine Grenzen bewusst verändern. Ich wollte irgendwann keine monogame Beziehung mehr haben und was für mich damals als “Betrug” und Grenze schien, wurde plötzlich ehrlich gelebte Realität. Sex, Liebe, Körperlichkeiten, Zuneigung, etc. mit Menschen außerhalb meiner einzigen Beziehung, waren auf einmal kein Tabu mehr und auch keine Grenze, ich wollte sie bewusst verschieben und verändern, weil es sich wichtig und richtig angefühlt hat. Gut oder einfach hat es sich nicht im ersten Moment angefühlt und ich habe lange gebraucht, um mich in dem neunen Konstrukt sicher zu fühlen, aber nur weil es sich im ersten Moment scheiße anfühlt und vielleicht weh tut, heißt es nicht, dass es in Zukunft auch noch so bleibt.

Letzten Endes war es für mich irgendwie wichtig, mich auf einen Prozess einzulassen der nicht von heute auf morgen funktioniert hätte und Zeit und Geduld in Anspruch genommen hat. Eine gute Metapher dafür sind die Lauferlebnisse einer meiner Partnerin. Sie geht gerne regelmäßig 8-10 km joggen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie einfach so von heute auf morgen einen Halb-Marathon (21km) laufen könnte. Ihre physische Grenze liegt also bei 10 km, da sie aber gerne einen Halb-Marathon laufen wollte, hat sie angefangen sich darauf vorzubereiten und ihre Grenze hat sich verändert. Ihr Bedürfnis hat sich verändert, sie hat sich auf den Prozess der Veränderung eingelassen und damit hat sich auch eine neue Grenze entwickelt. Nächstes Jahr oder in zwei Jahren kann es eben wieder eine komplett andere Grenze sein.

Ich glaube, dass nicht alles durch Kommunikation gelöst werden kann, manche Dinge lassen sich so häufig besprechen bis es nicht mehr weiter geht und Kommunikation nur ermüdend ist und man sich im Kreis dreht. Ich glaube aber auch, und das ist zumindest mir wichtig geworden, dass es sich gut anfühlt eine Atmosphäre in meinen Beziehungen zu schaffen, in der es erst einmal gut ist Dinge anzusprechen. Was damit dann passiert und welche Emotionen das hervor holt ist eine andere Sache, aber ich möchte mich darum bemühen und meine Partner*innen dazu ermuntern ehrlich mit mir und ehrlich mit sich selbst zu sein. Das bedeutet, dass ich versuche wertschätzend mit Gefühlen und Gedanken anderer umzugehen und ihnen von meiner Seite (so gut ich kann) ein sicheres und aufgehobenes Gefühl zu vermitteln.

Das war Teil drei meiner Kommunikationsstrecke. Hier findet ihr die beiden anderen Beiträge:

Was heißt Sex? Ehrlichkeit? Betrug? fummeln? flirten? allein sein?.. Über die Notwendigkeit von Definitionen.

Das kleine 1×1 der Kommunikation..und wieso ist das eigentlich so verdammt schwer?

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